22 Bilder

Reportage: 24 Stunden von Le Mans 2011 Team PS-LSL X-Lite - beim berühmtesten Langstreckenrennen

Das berühmteste Langstrecken-Rennen der Welt sollte das Highlight der Saison für das PS-Team werden. Sollte? Es wurde eins!

Bring sie Junge, komm!“ Ich kann Chefmechaniker Lars Bechtloff brüllen hören. Sehen kann ich ihn kaum. Der Schweiß brennt in den Augen, die Scheinwerfer der Boxengasse blenden, ein Steward quatscht unaufhörlich auf Französisch auf mich ein und mir ist nach mehr als 700 Metern mit über 200 Kilo Marschgepäck speiübel. Aber es tut gut zu wissen, dass die Jungs da sind; Lars, Lu, Frank, Matthias, Detlef - keine 100 Meter entfernt, stehen sie an der Linie und feuern mich an. Ich muss es einfach schaffen; die  Jungs, das Team, all die Monate... Nach sechs Stunden aufgeben? Niemals! Nicht in Le Mans.

38 Minuten sollte diese letzte Renn-runde meines ersten Nacht-Turns dauern. Vom Zeichen, dass ich mit leerem Tank reinkomme, über den 180-km/h-Sturz nach einem rüden Rempler eines wohl nachtblinden Superstock-Franzosen vor der S-Bleu-Kurve, bis zu dem Moment, wo die Jungs mich und das Bike unter frenetischem Jubel der Teams zurück in die Box schleifen. Noch konnte keiner ahnen, dass meine langsamste Rennrunde die wohl wichtigste werden würde und am Ende doch nur ein Mosaik--Steinchen einer grandiosen Teamleistung ist, die am folgenden Nachmittag mit einem kaum zu beschreibenden Moment auf dem Podium endet. Le Mans, ein Mythos - vom Team PS-LSL-Xlite61 bezwungen.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg, der uns mit einer völlig verkorksten zweiten Saisonhälfte in der GEC und einigen technischen Problemen auf eine harte Probe stellte. Als wir aber am Montagabend alle in Le Mans eintreffen, herrscht Optimismus und eine ansteckende, wenn auch angespannte Vorfreude auf unser großes Abenteuer. Angemessen fällt der Auftritt aus, mit dem eigenen Team-Sattelzug vor der Box und frisch beklebten Stellwänden, dass unsere Mitbewohner eines französischen Teams gleich mal ihren rostigen 7,5-Tonner umparken.

Dass wir auch sonst konkurrenzfähig sind, zeigen die Rundenzeiten am ersten freien Trainingstag. René Raub, Marco Apel und Stefan Genscher legen gute Rundenzeiten hin, während ich den Druck deutlich spüre und nur langsam auf Touren komme. Für die angestrebte Quali-Zeit von unter 1.50 min ist jedenfalls noch richtig Luft. Gut fürs Gemüt, dass  am nächsten Tag die Räder still stehen und neben dem Rider’s Briefing vor allem die technische Abnahme der Motorräder auf dem Plan steht. Den ganzen Tag wird in der Box gewerkelt, geschraubt, beraten, verworfen und umgemodelt. Erfolgreich, denn bis auf ein paar Kleinigkeiten finden unsere beiden ZX-10er problemlos die Zustimmung der Technik-Kommission, die sich allen Gerüchten zum Trotz als äußerst freundlich und sprachgewandt entpuppt.

Dann wird es ernst. Am Donnerstag steht das erste Quali an, und „Prinzessin“ Raub legt los wie die Feuerwehr. Mit seinen 1.41,5 min liegt er lange unter den Top Ten, fightet sich etwa der 17-malige TT-Sieger John McGuinness nur mühsam an unserem Super-Racer vorbei. Marco Apel gelingt eine tiefe 1.45er-Zeit und „Genschman“ landet knapp eine Sekunde dahinter. Dass mir noch Training fehlt und die Nervosität zusetzt, zeigen meine 1.51 min in der Runde der Ersatzfahrer. Damit bin ich zwar mit der 115-Prozent-Regel zur Bestzeit „qualifiziert“, aber noch steht ein Quali-Lauf am Freitag aus. Trotzdem beruhigt mich das Team und verspricht mir einen unvergleichlichen Kick im anstehenden Nachttraining.


Anzeige
Foto: Tech-Art-Photo
Ein Team, das zusammenhält wie Pech und Schwefel.
Ein Team, das zusammenhält wie Pech und Schwefel.

Ganz ehrlich, so etwas braucht kein Mensch. Nachts fahren in Le Mans bedeutet mit Hasadeuren wie Damian Cudlin oder Julien da Costa über eine spärlich ausgeleuchtete Piste zu bügeln, links und rechts von Lichtkegeln überholt zu werden und in Rauchschwaden von unzähligen Lagerfeuern den Bremspunkt besser nicht zu verpassen, um nicht in ein stockfinsteres Kiesbett zu pflügen. Nie war mir eine schwarz-weiß karierte Flagge willkommener - oh je, ab Samstag geht das dann die ganze Nacht so.

Aber erst muss der Freitag die Entscheidung bringen: Qualifikation oder Heimfahrt! Die Zeiten liegen verdammt eng beieinander, wer hinter Platz 52 landet, ist wohl raus. Wir sind 49. - noch. René fährt die Zeiten vom Vortag, stimmt mit Hilfe von Fahrwerks-Crack Frank Hoffmann und Data-Recording-Mann Udo Beltz das Motorrad ab.

Karsten Bartschat optimiert noch den Schaltautomat. Und wie die die Kawa hin-bekommen! Gepaart mit den Superbike-Slicks, mit denen uns Pirelli verwöhnt und wir durch Pirelli-Mann Thomas Thierolf wie ein Werksteam be-raten werden, generiert die 1000er gran-diose Traktion, ist unglaublich handlich, besonders am Kurven-eingang, und gibt einem gerade am Vorderrad irres Vertrauen. Diese Slicks offenbaren das wahre Potenzial der neuen 10er. Zusätzlich mit dem SC1 für ganz schnelle Runden steigern sich Marco und Stefan noch einmal um eine satte Sekunde. Das Team dürfte damit qualifiziert sein. Jetzt gilt’s. Apel, außer Fahrer auch Teamchef, schwört mich auf die Quali-Taktik ein: „Ruhig Blut, eine gute Runde suchen, und hau rein!“ Thomas Thierolfs Tipp: „Vergess die letzten Stürze. Das Vorderrad hält - garantiert. Da geht noch was.“

Hoch motiviert geht es hinaus. Ich lege gleich fünf schnelle Runden hin und sehe auf der Boxentafel 1.50,0 min. Durchatmen. Drei, vier Runden lass ich locker, muss einmal durch den Notausgang in der schnellen Schikane, erwische dafür den Eingang Start/Ziel zum ersten Mal richtig gut. Nach jedem Hochschalten hebt trotz superber Regelelektronik das Vorderrad ab. Am Ende der Boxengasse noch schnell den sechsten Gang rein, dann leicht die Bremse anlegen und die schnelle Rechts zur Dunlop-Schikane hoch anbremsen, runterschalten, im zweiten Gang durch, aufreißen. Unterm Dunlop-Bogen steigt das Vorderrad, Dritter rein, den Berg runter lang stehen lassen, dann in die Eisen und im Zweiten rum ums Eck, früh aufziehen. Vor mir legt einer in die enge Links um. Ich saug mich langsam ran, an der nächsten Rechts auf die Gegengerade hab ich ihn, beschleunige den Kollegen aus und bremse so spät wie nie vor der schnellen Schikane. Die Kawa tänzelt hinten, ich vertraue Thierolfs Ansage und lege links um, sofort wieder rechts und schnell den Hahn wieder auf. Der Rest geht von allein. Mechaniker „Ede“ Kerb hatte mir wie die ganze Saison über seine Erwartungen auf den Lenkungsdämpfer notiert - 1.49,9 min. Auf dem Monitor steht 1.49,0 min, sicher qualifiziert!

Was danach folgt, ist Le Mans pur. Wir bekommen die ganze Box, die Jungs -polieren das Motorrad auf Hochglanz und Marco packt Poster für den Pitwalk aus. Tatsächlich strömen um 18 Uhr 20 000 Menschen durch die Boxengasse und feiern jedes qualifizierte Team wie Superstars. Autogramme hier, Fotos mit der Freundin da, unsere mattschwarze Kawa kommt bei den Franzosen sehr gut an. Spät abends stehen noch ein paar Reifenwechsel-Tests an, dann geht’s ins Bett, sofern einer schlafen kann. Die ganze Nacht drehen Motorräder in den Begrenzer, werden Böller gezündet, gröhlen Pernod-geschwängerte Fans jenseits des Fahrerlagerzauns. Volksfest in Le Mans. Die drei Fahrer fürs Rennen wollen wir am nächsten Morgen küren - Schonzeit.

Anzeige
Foto: Tech-Art-Photo
Jenseits des Zielstrichs in der Boxengasse dürfen zwei Mechaniker helfen, vorausgesetzt, der Fahrer sitzt mit Helm drauf.
Jenseits des Zielstrichs in der Boxengasse dürfen zwei Mechaniker helfen, vorausgesetzt, der Fahrer sitzt mit Helm drauf.

„Uwe ist gesetzt“, heißt es vom Teamchef schon beim Frühstück, dass mir daraufhin kein Bissen mehr runter will. Marco ist fest entschlossen, die Geschicke des Teams von der Box aus zu lenken. Wie in Trance erlebe ich die Umbenennung der Fahrerreihenfolge bei der Race-Control mit und komme erst zu mir, als ich die weiße Binde für Fahrer 3 am Arm habe. Die Atmosphäre ist wahnsinnig. Während in Oschersleben so um die 20 000 Leute zur Langstrecken-WM pilgerten, ist Le Mans restlos ausverkauft. In den Zeitungen steht etwas von über 200 000 Zuschauern. Die brüllen allesamt kurz vor 15 Uhr die Marseillaise, dann wird es totenstill, und schließlich zünden, nach stumpfem Stiefeltrampeln, die jetzt 56 zugelassenen Teams. Als 51. schwingt sich René in den Sattel und macht schnell Plätze gut. Leider ist er schon nach vier Runden in der Box. Der Bremsdruck fehlt. Sofort wird umgebaut, dann ist er wieder weg. Als Stefan übernimmt, schlägt mein Herz bis zum Hals. Nervös laufe ich ziellos in der Box -umher. Irgendwann heißt es „Fahrer kommt“. Jetzt führt kein Weg mehr zurück. Hab ich auf diesen Moment wirklich ein Jahr gewartet? Ich bin ein Idiot!

Nach der ersten Runde werde ich ruhiger, es macht sogar Spaß. Sensationell, wie Kawa-France die Spitzkehre nimmt, Hammer, wie Cameron Donald Ende Start/Ziel abwinkelt. Horst Saiger von Bolliger brennt vorbei und hebt die Hand zum Gruß. Ich fahre mit diesen Jungs ein Rennen in Le Mans! Wenn das kein Kick ist! Von der Box bekomme ich eine 1.48er -Zeit angezeigt. Hochkonzentriert geht es weiter, bis urplötzlich die Spritlampe -angeht. Was, schon vorbei? René übernimmt wieder, dann wird es langsam dunkel. Die ZX-10R läuft sauber und unaufgeregt, wir liegen voll im Plan.

Als ich nach Stefan wieder aufsteige, ist es Nacht. Brutal wird es, wenn du die Lichtkegel von hinten heranfliegen siehst und schon in Lauerstellung bist, wo der jetzt unter dir durchtauchen wird. Manchmal sind es zwei oder drei. In einer Stunde überhole ich zwei Fahrer, aber gefühlte 100 überholen mich. Trotzdem macht es ziemlich Spaß, bis die Spritlampe angeht. „Bleib konzentriert und bring das Baby sicher heim“, flüstere ich in den Helm. Da knallt es! Wenige Kurven vor der Boxeneinfahrt werde ich vom Lenker gerissen und segle durch die Nacht. Nach ein paar Purzelbäumen bleib ich liegen. „Los, zurück, Mann, zurück“, hör ich mich brüllen. Bis die Kawa auf dem Rettungsweg steht, bin ich schon ziemlich ausgepowert. Vorwärtsrollen geht nicht. Die gesamte Front ist demoliert. Rückwärts geht aber. Also dreh ich das Bike an der hinteren Felge gepackt um und schieb sie so an der Mauer entlang, bis das Vorderrad nicht mehr will. Das passiert noch mehrere Male. Anheben, alles versuchen. Die Marshalls reden mir gut zu - helfen dürfen sie nicht. Als ich endlich in der Boxengasse bin, ist die Haupttribüne voller Leute. Muss ein irres Schauspiel sein, wie der bekloppte Deutsche diesen Schrotthaufen Meter um Meter schleppt - auf Großbildleinwand!

Foto: Tech-Art-Photo
Völlig am Ende: Uwe Seitz bei seinem unglaublichen Kraftakt.
Völlig am Ende: Uwe Seitz bei seinem unglaublichen Kraftakt.

Noch einmal schütte ich mir eine Flasche Wasser in den Nacken, höre Lars brüllen, packe die Kawa mit verschränkten Händen unter der abgerissenen Kanzel und heb sie an. Nach zehn Metern bekomme ich kaum Luft unterm Helm, den ich regelkonform hier in der Boxengasse tragen muss. Plötzlich lässt sich das Bike wieder rückwärts schieben. Der abgerissene Gabelfuß steht auf dem völlig verdrehten Bremssattel auf, das Vorderrad kann frei drehen. Ich pack das Wrack am Lenkkopf, und schiebe es mit letzter Kraft über die Linie.

Erst langsam wird uns bewusst, was wir mit der Aktion ausgelöst haben. Von der ersten Box mit den Weltmeistern von SERT bis zu unserer Box mit der Nummer  44 steht ein Spalier aus Mechanikern, Fahrern und Teamverantwortlichen, feuert uns an und applaudiert - „Quelle courage“, „Allez!“ „L’Allemands heroic“.

Nach einer Stunde grandioser Schrauberleistung, bei der die komplette Gabel,  Lenkkopf, Gabelbrücke, Stummel mit Armaturen, Kabelbaum, Bremsanlage, Rahmenheck und der Kühler ausgetauscht werden, legt René Raub schon wieder eine 1.44er-Runde hin. Teamchef Apel und Maitre de Mission, Jochen Schmitz-Linkweiler, geben grünes Licht zum Weiterfahren. PS-LSL-Xlite61 - wir sind wieder zurück! „Ihr seid total verrückt“, schüttelt der FIM-Kommissar, der unseren Umbau überwacht hat, den Kopf. „Wir werden es zu Ende bringen“, schwört uns Stefan Genscher immer wieder ein, der gemeinsam mit René bis zum nächsten Nachmittag um 15 Uhr das Rennen bis zur völligen Erschöpfung zu Ende fährt. Fast 18 Stunden zu zweit! Der Jubel kennt da keine Grenzen, auch eine 20-Minuten-Strafe wegen nicht eingehaltener Ruhepause konnte uns nicht mehr schaden. Von sieben Teams in der Open-Klasse beim Auftakt am Donnerstag -waren noch drei übrig, wir waren locker innerhalb der 75-Prozent-Regel der gefahrenen Runden zu den Gesamtsiegern und stehen damit auf dem Podium.

Mag der eine oder andere maulen: „Dritter von Dreien“. Beim 24-Stunden-Rennen musst du erst mal ankommen! „Jeder, der das schafft, ist ein Held“, sagen die Franzosen über das berühmteste Rennen der Langstrecke. Wir waren nicht nur dabei, wir haben den Pokal! Und wir waren ein Jahr lang ein großartiges Team, das es so leider nie wieder geben wird. Aber was wir geschafft haben, kann uns keiner nehmen. Danke Jungs und Mädels - ihr seid die Besten!

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote