Reportage: der rollende Kugelblitz (Archivversion) Der Ali-Gator

Stimmt, vom muskulösen Modellathlet ist Albrecht Dürr ein paar Kilogramm entfernt. Macht aber nix, denn wenn der Motocross-Opa am Gas dreht, fliegen die Fetzen. Und die Jugend wundert sich.

Der Trend, den Werbung und Hochglanzmagazine zeigen, ist eindeutig: Menschen über fünfzig sind out. Definitiv. Jung, dynamisch, perfekt durchgestylt – so hat der Mann von heute zu sein. Tja, da bleibt den Alten nicht viel mehr als der Rückzug auf die sonnige Strafbank im Park. Tauben füttern, gemütliches Strampeln auf dem Holland-Rad oder eine kurze Runde auf dem BMW-Cruiser mit Klapphelm überm dünnen Haar. Wenn die Post abgeht, steht die Jugend vorn. Ausgeflippt, mit trendigen Klamotten, Baseball-Mütze und obercoolen Sprüchen. Da macht auch die Cross-Szene keine Ausnahme. Um so peinlicher für viele Kids, wenn dieser unscheinbare VW-Bus an die Trainingsstrecken rollt. Alle, die wissen, was ihnen jetzt droht, zischeln leise: »Oh je, der Ali kommt.« Klappe auf, und ein blitzsauberer Crosser rollt raus. Welches Gerät Albrecht Dürr gerade über die Piste treiben will, entspringt seiner Lust und Laune. Darf’s die Werks-Kawasaki KX 250 sein? Oder lieber der brandneue Honda-450-Viertakt-Bolzen? Nein, die 125er bleibt im Stall. »Da geht doch nix«, grinst Ali und greift lieber zu extra starkem Gerät. Weil ihm auch die Starken nicht stark genug sind, hilft der Tüftler meist ein bisschen nach. »So ein Crosser muss dir die Arme langziehen, sonst kommst ja net vom Fleck«, bringt der Franke das Thema Leistung auf den Punkt. Wobei der verschmitzte Haudegen ganz genau weiß, was der schnelle Crosser zur Erstarkung braucht. Schließlich hat er jahrelang an spritzigen Zweitaktern herumlaboriert, und auch heute suchen ihn noch Profi-Crosser heim. »Ali, mach mir’s Feintuning.«Fahrbarkeit heißt für ihn das Zauberwort. »Leistung muss immer und jederzeit abrufbereit sein, das hilft beim Timing der Riesensprünge genau so wie auf Waschbrett-Strecken«, definiert er seine Vorstellungen von Power. Die schiere Gewalt hilft allerdings nichts, wenn der Crosser bockt und springt wie eine Gemse. »Glaubst, ich könnt’s mit meinem Kessel und in meinem Alter so krachen lassen, wenn der Karren unter mir Rodeo reitet?« Also konstruiert und tüftelt der Ali-Gator so lange an Gabel und Federbein, bis die Kiste Ruhe gibt. Wenn’s sein muss, stellt er das ganze Federsystem auf den Kopf und bastelt zusammen mit ein paar hochkarätigen Spezln feinste Dämpfersysteme zusammen. Erst wenn alles passt und der Crosser stabil und sicher über seine löchrige, ausgefahrene Teststrecke bügelt, kennt Ali, dessen Enkel bereits auf einem 80er-Crosserle durchs Gelände hüpft, kein Erbarmen mehr. Seine Trainingssitzungen sind ein echtes Schauspiel, weil der 53-Jährige neben der Piste den Eindruck eines komplett durchgeknallten Teenagers macht. Flapsige Sprüche von früh bis spät, Bubeleien mit und ohne Krad. Sind die Cross-Klamotten übergestreift, wird’s ernst – wenn es für Ali so etwas wie Ernst überhaupt gibt. Okay, mit dem Besteigen seines hochbeinigen Gefährts hat er sichtlich Mühe. Zwanzig Kilogramm, gibt er zu, habe er sicher zuviel um die Hüften. Doch mit dem ersten Gasstoß ist es mit der vermeintlichen Behäbigkeit vorbei. Dann funkeln die Augen, spannt sich der Oberkörper straff über den Lenker, sind die Ellbogen ausgestellt wie Flügel. Langsam und bedächtig holpert Ali über die Piste, sucht nach der idealen Spur, kreuzt von links nach rechts, mustert Sprünge und Schlaglöcher. Sind die Knochen warm, spannt der beleibte Franke das Gas, kreiselt flachliegend um den erstbesten Anlieger und kommt quer über den Doppelsprung geflogen. Ab jetzt heißt die Devise: Vollgas. Runde um Runde. Nur wenn die Kids und Amateur-Piloten erschöpft eine Pause einlegen und Ali die Gegner ausgehen, hält der Cross-Opa kurz an, macht eine eindeutige Bewegung mit dem Zeigefinger: »Auf geht’s, Buben!«Weil die Jungs aber keinen Bock drauf haben, ständig den Alten im Nacken zu spüren, der ihnen neckisch das Vorderrad zeigt, fädeln sie sich lieber erst dann wieder in die Strecke, wenn der Ali-Gator nicht zu sehen ist. Der Blamage entgangen, hoffen sie. Denkste. Denn Auflauern gehört zu Alis Lieblingsspielen. Wie aus dem Nichts hängt der Kerl hinter seinem Opfer, drückt, drängelt und pfeift bei der nächstbesten Möglichkeit vorbei. Ohne dabei zu vergessen, den Looser noch mit einem spöttischen Zuruf zu demoralisieren. Nie böse gemeint, logisch, aber, genau wie seine sanften Stupser und Bodychecks, von immenser Wirkung. Bei den beinharten Profis jedoch, mit den denen er ebenfalls häufig seine Trainingsrunden dreht, zieht Ali nicht nur den Kürzeren, vor denen zieht er auch den Hut. »Viele Jungs in Deutschland sind richtig schnell, die müssen sich vor den WM-Fahrern nicht verstecken. Doch wenn das Material nicht stimmt, können die sich um Kopf und Kragen fahren, dann wird’s einfach nix.« Seit 1972 wühlt der lebenslustige Ali im Schlamm, kletterte als mehrfacher Vize im OMK-Pokal regelmäßig aufs Treppchen, bevor er in die internationale Liga wechselte. »Das war’s dann auch schon. Bei den Profis hab’ ich nicht viel gerissen und die Rennerei drangegeben«, erkennt er seine Grenzen. Weil der gelernte Werkzeugmacher bestens mit der Cross-Technik vertraut war, zog er mit dem mehrfachen Deutschen Meister und WM-Piloten Roland Diepold jahrelang durch die Lande und präparierte dessen Fahrwerke. Die Leidenschaft fürs staubige Geschäft ist seinem Fuhrpark anzusehen: vom 250er-Maico-Crosser aus dem Jahre 1976 über die Werks-Honda von Rolf Dieffenbach und Arno Drechsel bis hin zu aktuellen Rennern – alles drin. Um seiner Leidenschaft jederzeit frönen zu können, steht bei Ali mindestens eine blitzsauber zurechtgemachte Maschine mitsamt Klamotten, Werkzeug und gefüllten Benzinkanistern im Transporter. »Wenn’s mich packt, muss ich crossen, egal, ob Winter oder Sommer, sonst werd’ ich verrückt.« Wenn der Frühling die Pisten trocknet und die Sonne den Schweiß aus den Poren treibt, gondelt er von einer Piste zur nächsten. Sollte Ali-Gator seine flotten Trainingsrunden tatsächlich vorzeitig abbrechen, dann nur, um beim mobilen Eis-Verkäufer der Erste zu sein. Denn für einen leckeren Bananensplit mit Sahne setzt der Ali schon mal eine Runde aus.

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