Reportage: Dirt-Track-Rennen (Archivversion) Circus Maximus

Tausende von Fans strömen in den USA jedes Wochenende in die Dirt-Track-Arenen, um die Gladiatoren im Kampf um den Grand-National-Titel anzufeuern. Die Sieger werden als Volkshelden gefeiert.

»Danke, daß ihr gekommen seid und euch hier den Arsch abfriert, um uns zu sehen.« Die Menge gröhlt. Scott Parkers herzliche Art, die Fans nach seinem Vorlaufsieg über das Stadionmikrofon zu begrüßen, kommt an. Er ist nicht nur die unumstrittene Nummer eins, sondern auch der größte Sprücheklopfer der höchsten Dirt-Track-Liga der Welt, der Grand-National-Championship.Selbst der ehemalige GP-Star Kevin Schwantz hat es sich trotz der eisigen Temperaturen nicht nehmen lassen, beim Saisonauftakt 1996, einen Tag vor dem 200 Meilen Rennen der Superbikes, auf dem Short-Track-Oval in Daytona dabei zu sein. Insgesamt 24 Rennen zählen zur Meisterschaft, dabei zieht der Dirt-Track-Zirkus quer durch die USA und macht in 14 verschiedenen Bundesstaaten halt. Viele spätere 500er Fahrer wie Kenny Roberts, Randy Mamola oder Eddie Lawson sind einst mitgetingelt und haben anschließend das Driften mit dem Hinterrad erfolgreich im GP-Sport umgesetzt.Gefahren wird auf Asphalt, Sand oder Lehm, auf Short-Track-Bahnen (etwa 400 Meter), auf Half-Mile- und Mile-Ovalen (800 und 1600 Meter) und über sogenannte TT-Pisten. TT steht für Tourist-Trophy, der Kurs hat im Gegensatz zu den üblichen Linksovalen eine zusätzliche Rechtskurve und einen kleinen Sprunghügel.Schon die Eröffnungszeremonie zu einem solchen Ereignis hat was von einem Wagenrennen im Circus Maximus des alten Rom, zumindest von dem im Hollywood-Streifen »Ben Hur«: Wie auf Kommando verstummen die Motoren im Fahrerlager, die Menge erhebt sich, nimmt die rechte Hand ans Herz und richtet den Blick auf die Flagge der Vereinigten Staaten. Eine mehr oder weniger begabte Sängerin schmettert die Nationalhymne. Dann, unter dem Jubel von den Rängen, ziehen die Gladiatoren ein: Die Trainingsschnellsten dürfen zuerst auf die Bahn und haben die Wahl des Startplatzes bei den Vorläufen. Bei den Rennen auf Sand oder Lehm scharren die Fahrer mit ihren Stahlschuhen den Boden am Start auf, aber nicht aus Nervosität, wie einst die Rösser der Wagenlenker, sondern um eine möglichst tiefe Rille auszuheben, in der das Hinterrad beim Losfahren Grip finden soll. Sobald die Startreihen mit bis zu 18 Driftern gefüllt sind, wird das Rennen per Ampelsignal oder Flaggenzeichen freigegeben. Wer allerdings zu früh die Kupplung losläßt, wird um einige Meter nach hinten strafversetzt. Die ersten zwei aus den einzelnen Vorläufen qualifizieren sich direkt für das alles entscheidende Finale, die übrigen bekommen dazu noch einmal eine Chance in den Hoffnungsläufen.Am spektakulärsten geht es bei den Half-Mile- und Mile-Rennen her, wo die rund 100 PS starken Zweizylinder mit 750 cm³ Hubraum zum Einsatz kommen. Die weiten und überhöhten Kurven und die langen Geraden geben den Fahrern die Möglichkeit, ständig Attacken zu reiten. Bei dieser Jagd über bis zu 25 Runden vertrauen die meisten Piloten auf ein XR 750 V-Triebwerk von Harley-Davidson, von dem pro Jahr noch zwischen 60 und 70 Stück speziell für diesen Zweck gebaut werden. Wobei Scott Parker als einziger im Feld Werksunterstützung genießt. Die übrigen Fahrer verwenden Honda-V-Motoren, die - ursprünglich der Shadow 750 entnommen - inzwischen ebenfalls speziell auf den Dirt-Track-Einsatz zugeschnitten sind. Eine Handvoll Fahrwerksspezialisten bauen die Fahrwerke mit Doppelschleifenrahmen drumherum. Die balonartigen Reifen mit einem Profil ähnlich dem eines Grand Prix-Regenreifens bäckt Goodyear. Ab 30 000 Dollar aufwärts müssen investiert werden, bis ein siegfähiger Zweizylinder aufgebaut ist.Etwa ein Drittel, also rund 10 000 Dollar kosten die 600er Einzylinder-Maschinen, die in der Grand-National-Championship bei Short-Track- und TT-Rennen eingesetzt werden. Der Marktführer heißt hier Rotax, der Rest fährt frisierte XR 600-Motoren von Honda. Die bis zu 75 PS leistenden 600er treten übrigends auch als Beiprogramm über die langen Distanzen an, genau wie die Fahrer des 883-Sportster-Cups, die kaum Änderungen am Fahrwerk und keine Tuningmaßnahmen am Motor vornehmen dürfen.Einzige Möglichkeit, auf einem engen Short-Track wie in Daytona einen Gegner nach dem Start noch zu überholen, ist ein blitzsauberes Ausbremsmanöver am Kurveneingang. Dabei stellen die Fahrer das Hinterrad über die Fußbremse - die einzige Bremse bei Dirt-Track-Maschinen - leicht an und rutschen so bis zum Kurvenscheitelpunkt. Anschließend wird der Gashahn wieder aufgezogen und die nächste Gerade hinunterbeschleunigt.Scott Parker hat noch nie in Daytona gewonnen, ihm liegen diese kurzen Bahnen nicht. Er bevorzugt die langen und breiten Ovale wie das in Del Mar in Kalifornien, auf dem jedes Jahr das Saisonfinale stattfindet und auf dem er 1995 vor einer Kulisse von 20 000 Zuschauern seinen sechsten Titel und seinen insgesamt 70. Sieg in einem Grand-National-Finallauf unter Dach und Fach brachte.So verpatzte der 35jährige Haudegen aus Michigan auch diesmal den Endlauf in Daytona und landete abgeschlagen auf dem vierzehnten Rang. Und noch eine fahrende Legende im Dirt-Track-Zirkus hatte beim Saisonauftakt kein Glück: Jay Springsteen, dreifacher Champion mit insgesamt 40 Grand-National-Siegen, wurde nur Zwölfter. Sieger und Held des Tages war diesmal Will Davis, der sich schon einige Tage zuvor während der Half-Mile-Rennen im Rahmen der Bike-Week in blendender Form präsentiert hatte: Sowohl im Asphalt- als auch im Sand-Oval des Volusia County Speedways bei Barberville hatte er Podestplätze belegt.

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