Reportage Fellfighters Germany (Archivversion)

Für alle Felle

Während andere Männer ihre Motorräder nächtelang auf Hochglanz polieren, heißt es bei den Fellfighters Germany: »Einmal waschen, schneiden, legen!“

Egal, ob diese Jungs ihre Bikes striegeln, an der Tankstelle mit Teppichschaum einsprühen oder einfach nur mal Gassi fahren, die perplexten Blicke der Passanten sind ihnen gewiss. Normale Umbauten? Den Fellfighters zu langweilig. Aufwendige Airbrushs? Zu teuer. Als sich Ingo »Zebraman« Kantorek vor einem Jahr eine GSX-R 1100 kaufte, stand für den Streetfighter-Fan fest, dass er sie nicht lange im Serienzustand fahren wollte. Etwas »Günstiges, aber dennoch Auffälliges« musste her. Inspiriert durch ein Motorrad mit Kunstrasenüberzug, das er auf einem Bikertreffen bestaunt hatte, schlug Ingo einen für die Szene doch etwas ungewöhnlichen Weg ein: weg vom harten polierten Stahl, hin zum plüschig-weichem Fell.Nach einigen Versuchen erwies sich, zur Freude der Tierschützer, Echtfell als unbrauchbar, da es sich beim Verkleben zu sehr verzieht. So muss also kein Tier fürchten, dass man ihm das Fell über die Ohren zieht, um es zu verfellfightern. Nach langem Suchen stieß Ingo in der Deko-Abteilung eines Kaufhauses auf Kunstfell und begann es mit Epoxid-Harz auf die lackierten Stellen des Motorrads zu kleben. Das Experiment gelang, schon bald zierte das Fell eines weißen Kaufhaustigers die Verkleidung der Gixxe und trotzte sogar Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h. Als sich Ingo jedoch daran machte, das Fell wieder zu entfernen um es zu erneuern, hatte er auf einmal ein Problem: Die komplette Verkleidung musste runter, das Harz ließ sich nicht mehr ablösen. Einige Gedankengänge, zwei Stangen Heißkleber und unzählige einsame Stunden in der Garage später war es vollbracht: Der erste serienreife »Fellfighter« Deutschlands zierte die Autobahn. Ob auf der Straße oder bei Treffen: Jeder verkannte den kräftigen weißen Tiger, hielt ihn für ein Zebra. Inzwischen hat sich Ingo damit abgefunden: ein Zebra, warum nicht? Schnell sprach sich die Geschichte des tierischen Bikes herum, und schon bald kamen per Internet die ersten neugiereigen Anfragen von Fahrern, die ebenfalls auf den plüschigen Geschmack gekommen sind. Gern stand Ingo ihnen ohne kommerzielle Gedanken - Angebote dieser Richtung wies er ab - mit Rat und Tat zur Seite. Sie bastelten, klebten und, wenn nötig, nähten gemeinsam, denn nicht bei allen Tankformen kann das Fell sofort in einem Stück festgeklebt werden. Doch dank des »Gestaltungsunterrichts« in der Grundschule können die Jungs ja nicht nur mit Schraubenzieher und Zange, sondern auch mit Nadel und Faden umgehen. Ohne diese Fertigkeit geht bei der inzwischen zehn Mann starken Gruppe der »Fellfighters Germany« nämlich gar nichts. Heute streift das »Zebra«nicht mehr allein durch die Lande, sondern in guter Gesellschaft der »Milka-Kuh«, von »Zerberus dem Höllenhund«, den Kühen »Jaqueline« und »Bunny« und, ganz frisch, dem »Fraggle«. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Nicht einmal der TÜV kann einschreiten. Die pelzige Verkleidung bedarf nämlich keiner Eintragung, auch wenn viele TÜV-Mitarbeiter gegen eine kleine Sondervorstellung nichts einzuwenden hätten: »Für Sie kann ich hier nichts tun – ich bin doch kein Veterinär!« lachte ein Blaukittel bei seiner ersten Begegnung mit einem Fellfighter. Die Reaktionen auf die skurrilen Umbauten sind ebenso vielfältig wie die Bikes selbst: vom bewundernden Harley-Fahrer an der Ampel über erstaunte Streetfighter - »Den gibt’s ja wirklich! Ich dachte, das wäre eine Legende« - bis hin zu einer Gruppe neugieriger Polizisten, die einen Fellfighter schon mal »nur zum Gucken« angehalten. Als Fellfighter ist man so einiges gewohnt.Ingo sieht’s gelassen: »Wenn ich zu schnell gefahren bin und mich die Polizei anhält, kann ich immer noch sagen: Tut mir leid, das Zebra ist durchgegangen!“
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Fellfighters Germany: Reportage (Archivversion) - Der Weg zum Fellfighter

Wer sein Motorrad verplüschen und verschmusen, braucht drei Dinge: 20 Euro, eine Heißklebepistole und vier Stunden Zeit.
Für das Bekleben eines Hecks werden zirka ein bis zwei Meter Stoff benötigt. Diesen einmal um das Heck herumlegen und großzügig zurechtschneiden. Als Klebstoff möglichst doppelseitiges Klebeband oder die Heißklebepistole verwenden. Beides geht bei einem Wechsel des Fells wieder ab. Auf der Außenseite des Hecks beginnen. Nach Auftragen des Heißklebers den Stoff zügig anbringen und glatt ziehen, da der Kleber recht schnell auskühlt. Deshalb besser in kleinen Schritten vorgehen. Nachdem die Außenseite beklebt ist, den überschüssigen Rand bis auf rund fünf Zentimeter abschneiden. Den Rest einfach umklappen und mit der Innenseite verkleben.Sinnvoll ist diese Art der Verkleidung vor allem, wenn Stellen zuvor gespachtelt wurden. Im Gegensatz zu einer Lackierung sind kleine »Patzer« unter dem Fell nicht mehr zu erkennen. Wer sich für die Bikes interessiert, sollte die diesjährige Fighterama in Rheinberg nicht verpassen. Vom 8. bis 10. November stellen die Fellfighters dort auf der Motorradsport- und Tuning-Messe ihre Bikes aus.

Fellfighters Germany: Reportage (Archivversion)

Was dem einen sein Schraubenschlüssel, ist dem Fellfighter seine Bürste. Sie gehört zum Bordwerkzeug, und vor allem »Fraggle« hat sie nach rasanten Autobahnfahrten nötig. Denn getreu dem Motto der Fellfighters Germany: »Jage nicht, was du nicht töten kannst«, geht es bei ihnen selten langsam zu. Ingos Frau unterstützt ihn bei seiner Fellfighterei. Die passende Hose zum Tigerfell hat sie ihm selbst genäht. Schließlich stimmen andere Fahrer auch die Farbe ihrer Lederkombi auf den Lack ihres Bikes ab.Für Nachwuchs ist bereits gesorgt, ein paar der Fellfighter sind Familienväter. Ingos Sohn Denis lässt es sich nicht nehmen, seinen Vater auf Motorradtreffen zu begleiten. In eigener Fellhose versteht sich. »In sechs Jahren bekommt er sein erstes Motorrad. Natürlich auch einen Fellfighter«, erzählt Ingo stolz. Ganz der Vater halt.

Fellfighters Germany: Reportage (Archivversion)

Bei einem Burnout in Flammen zu stehen, davor muss sich kein Fellfighter fürchten. Die Kunstfelle sind schwer entflammbar und halten einiges aus. Gereinigt werden sie mit Teppichschaum oder dem Nass-Trocken-Sauger an der Tankstelle - neugierige Blicke sind garantiert. Und sollte das Fell zu verschmutzt sein, ist das Ausstauschen auch kein Problem. Der Heißkleber lässt sich mühelos wieder entfernen, und der Handel sorgt durch immer mehr Stoffe für Abwechslung.Bei »Zerberus« war das Anbringen des Fells nicht einfach. Die Form des Tanks erlaubte es nicht mit, einem durchgängigen Fellstück zu arbeiten, so dass sein Besitzer einzelne Teile von Hand zusammen nähen musste. Ein echter Fellfighter kann schließlich mit Nadel und Faden umgehen.

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