Reportage Hockenheimring (Archivversion) Der Ring, der nie gelungen

Der Hockenheimring ist eine Strecke
mit langer Geschichte und großer
Tradition. Doch nach dem Umbau
entwickelte sich der Ring vor allem
zu einem Kurs mit großen Problemen.
Er ist zwar fast immer ausgebucht,
steht aber dennoch kurz vor der Pleite.

Antonio Maragioglio serviert nicht nur Pizza, sondern, angesprochen auf die verfahrene Situation am Hockenheimring, auch eine knackige Erklärung: »Ohne nix kommt nix.« Es gebe drei Großereignisse im Jahr, die Formel 1, die Deutsche Tourenwagen Meisterschaft und Robbie Williams. Und sonst? Eben nix, meint
Antonio. Und dass man sich dann nicht wundern müsse, wenn man immer mehr Schulden mache.
Damit steht der Wirt des »Bella Capri« für viele Hockenheimer. »Die meisten hier wissen gar nicht, was mit und auf dem Ring wirklich läuft«, sagt Klaus Müller,
der in der Stadt einen Zeitschriftenladen hat. »Und die was wissen, sagen nichts.«
Zumindest nicht die ganze Wahrheit.
Wie immer kommt es darauf an, wer die beschreibt. Die Hockenheimer Wahrheit gleicht einem Puzzle, das nicht zusam-
mengesetzt wurde. Viele Spieler halten
Teile in der Hand, legen sie meist jedoch nur so auf den Tisch, dass sie einen
Ausschnitt des Gesamtbilds abgeben, der ihnen selbst gefällt.
Einigkeit herrscht lediglich darüber, dass die Formel 1 die Misere des Rings verursacht hat. Die angefangen habe mit dem Umbau, der 65 Millionen Euro ge-kostet hat, 17 Millionen mehr, als geplant. Aber ohne einen solchen Umbau keine Formel 1, sei die Bedingung von Bernie Ecclestone gewesen. Der wiederum ließ per Fax bekunden, er habe derartige Auflagen nicht gemacht.
»Wir Grüne waren von Anfang an dagegen«, fühlt sich Adolf Härdle, Sprecher der Stadtratsfraktion, bestätigt. »Wie kann man außerdem einem Vertrag zustimmen, den keiner kennt?« Härdle meint den Vertrag der Hockenheimring-Besitz GmbH mit Bernie Ecclestones Formula One Association (FOA) aus dem Jahr 2001. Viele glauben
indes zu wissen, Inhalt dieser Abmachung sei, dass sie mit Veröffentlichung auch
nur einiger Details hinfällig werde. Gleichwohl passierte der Deal den Gemeinderat. Schließlich lag das Gutachten einer renommierten Prüfungsgesellschaft vor. Darauf hatten Banken und das Land Baden-
Württemberg, das gut 15 Millionen Euro zuschoss, bestanden. Und die Gutachter hatten ein ermutigendes Bild gepuzzelt.
So verführerisch muss dies gewesen sein, dass die Banken ihre Kredite spätestens mit Ablauf des Formel-1-Vertrags 2008 zurückhaben wollten. Weil ein Anschlussabkommen und damit ein Weitersprudeln der vermeintlichen Geldquelle nicht sicher schien. Die Ergebnisse der Rennen 2002 und 2003 bestätigten die
optimistischen Kalkulationen. Danach allerdings ließ nicht nur die Euphorie nach, sondern mit ihr auch die Zahlungsfähigkeit der Hockenheimring GmbH. 2005 brachte die Formel 1 mehr als eine Million Miese.
Diese eine Million stellt nur einen kleinen Teil der Sorgen dar, die Oberbürgermeister Dieter Gummer (SPD) beschäftigen. Denn Gummer ist nicht nur Bürgermeister, sondern auch Chef des Rings, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung. Und als Gesellschafter fungiert seit kurzem allein die Stadt, nachdem sie die 49 Prozent
Anteile des Badischen Motorsport Clubs übernommen hat. Für 5,2 Millionen Euro (MOTORRAD 6/2006). Zudem erhöhte sie ihre Bürgschaft für den Ring von 18,4
auf 35 Millionen Euro. Um die Insolvenz der GmbH abzuwenden. »Wir hatten keine
andere Option«, sagt Gummer. Andernfalls hätte die Stadt einspringen müssen, mit Millionen. Nicht, um dem Ring damit eine Perspektive zu geben, sondern lediglich, um Löcher zu stopfen. Um Perspektiven aber geht es Gummer natürlich. Der deshalb ungern im Groll zurückblickt. »Ich will nicht über meinen Amtsvorgänger Gustav Schrank, den ich im September 2004
ablöste, kübeln, und ich will auch sonst niemandem eine Bösartigkeit unterstellen. Es haben«, spricht Gummer, »wohl alle
Beteiligten nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.«
Gleichwohl hat Gummer einen Wirtschaftsprüfer beauftragt, das Geschäftsgebaren am Ring zu durchforsten. Und
damit gleichsam einen Stock in einen Ameisenhaufen geworfen. Der Chef des Hotels am Motodrom musste gehen, ebenso Ring-Geschäftsführer Hans-Jürgen von Glasenapp, nachdem der vorher noch Streckenmeister Klaus Schwenninger gefeuert hatte. Schwenninger ist mittler-
weile wieder in Amt und Würden, entlastet
von der Geschäftsführung. Doch gegen Schwenninger und Geschäftsführer Georg Seiler wiederum ermittelt die Mannheimer Staatsanwaltschaft. Seiler soll 496 Tickets für den Grand Prix 2005 abgezweigt und verteilt haben, Schwenninger deren 298. Davon sollen zehn zum Ministerpräsidenten Günther H. Oettinger gewandert sein, kolportiert man in Hockenheim. Überdies wird dem Streckenmeister zur Last gelegt, er habe der Firma seiner Schwägerin
den Auftrag zur Errichtung kilometerlanger Zäune zugeschanzt.
So verworren diese Umstände erscheinen mögen – das eigentliche Dilemma des Rings machen solche vermeintlichen Mauscheleien und Absprachen weniger aus. Sie überdecken es nur, zeitweise. Etwa die Klausel in dem Vertrag mit Ecclestone, dass mit jedem Jahr zehn Prozent mehr
Lizenzgebühren dafür fällig werden, damit die Formel 1 überhaupt gastiert. 2006 handle es sich um 16 Millionen Euro.
Gummer jettete deshalb nach London zu
Ecclestone, von dem manche behaupten, er sei schlicht ein geldgeiler Kerl. Hockenheims Bürgermeister urteilt so nicht. »Herr Ecclestone ist Geschäftsmann, und seine Interessen als Geschäftsmann kann ich ihm kaum zum Vorwurf machen.« Sein Verhandlungspartner sei sehr wohl jemand, mit dem sich reden lasse. Über einen
Ausstieg aus dem Vertrag zum Beispiel. Gummer spricht das nicht explizit an, aber er drückt sich so aus, dass man sehr wohl darauf schließen kann. Dass eventuell ab 2007 der deutsche Grand Prix alternierend in Hockenheim und am Nürburgring
starten könnte. Dass eventuell – entgegen
einer Klausel des ominösen Vertrags – doch ein Sponsor die Namensrechte am Hockenheimring erwerben dürfe. Und dass eventuell die Lizenzgebühren nicht im vorgesehenen Maße erhöht werden.
Es sind nicht die Worte Gummers, die daran denken lassen, sondern eher die Art, in der sich der Bürgermeister zu diesen Punkten nicht auslässt. Er schweigt nicht sperrig, er tut es beredt. Konkret auf den Erfolg der Verhandlungen angesprochen, räumt Gummer ein: »Wir sind mit acht
Modellen zur Zukunft der Formel 1 auf dem Ring in die Gespräche gegangen. Zwei bis drei dieser Modelle sind nach
wie vor in der Diskussion.« Und dann folgt einer dieser typisch Gummerschen Sätze: »Schwierigkeiten würde ich nicht als Eindruck mitgenommen haben wollen.«
Diesen Ton mag Gummer noch an sich haben aus der Zeit, als er in Mannheim
die Diakonie sanierte, das Wohltätige auf eine stabile Basis stellte. Sehr wohl tätig, und das als Projektleiter für den Umbau der Strecke, war bis Ende 2004 der
Unternehmensberater Dr. Rainer Vögele. Wie wohltätig er dabei verfuhr, interessiert
momentan sogar die Justiz.
Ein Lokalreporter versteht nicht so ganz, wie Altbürgermeister Schrank sich derart blind auf diesen Herrn Vögele hat verlassen wollen. Klar ist zumindest, dass Vögele wegen einer Schwarzkassen-Affäre bei der Rad-WM in Stuttgart verurteilt
wurde, dass er seinen Job als Direktor der Messe Stuttgart verlor. Dass in seiner Zeit als Chef der Dekra-Promotion das Festspielhaus Baden-Baden kurz vor der Pleite stand und dass nunmehr die Staatsan-
waltschaft Mannheim gegen ihn ermittelt. Es geht dabei um Millionenbeträge für den Ausbau des Hockenheimrings, die nicht ausreichend geprüft wurden. Nicht unerheblich sicher auch, dass Vögele vor
seinem Engagement für den Lausitzring wirkte, eben jene Rennstrecke, die als
Investitionsruine im märkischen Sand gilt und die noch während der Verhandlungen Hockenheims um die Formel-1-Rechte vom Exbürgermeister als große Konkurrenz empfunden wurde. Manche sagen, als Popanz aufgebaut.
Außerdem heißt es in Hockenheim, dass es Vögele in seiner Funktion als
Projektleiter hervorragend verstand, seine Zuhörer einzuwickeln, ihnen seine Sicht der Dinge attraktiv zu machen, und zwar vor allem die. Mag gut sein, dass ge-
rade solche Fähigkeiten einen Mann wie
Vögele für höhere Aufgaben prädestinieren. Jedenfalls sieht das der Stuttgarter FDP-Stadtrat Günther Willmann so. Befragt nach seiner Meinung anlässlich der Berufung eines neuen Messechefs für Stuttgart, sagte er den Stuttgarter Nachrichten: »Herr G. ist tüchtig. Mir persönlich wäre an dieser Stelle aber ein Mann wie Rainer Vögele, früherer Messe-Direktor, lieber. G. ist hierfür zu ehrlich.«
In Hockenheim traut man Vögele ebenfalls noch so einiges zu, etwa dass er
seine immer noch exzellenten Beziehungen zur Stuttgarter Ministerialbürokratie nutzen könnte, um gegen eine staatliche Hilfe
für die maroden Ringfinanzen Stimmung
zu machen. Das jedoch ist nach Meinung
derer, die sich in diesen Kreisen aus-
kennen, gar nicht nötig. Sperrt sich doch
Wirtschaftsminister Ernst Pfister von der FDP ohnehin dagegen, dem Ring unter die
Arme zu greifen. Ministerpräsident Oettinger und Finanzminister Gerhard Stratthaus,
zu dessen Wahlkreis Hockenheim gehört, hätten hingegen versucht, in der Wirtschaft
Gelder aufzutreiben, auch bei Porsche und Daimler-Chrysler. Ohne Erfolg. Ebenso wie das Ansinnen, bei ihrer Landtagsfraktion für Unterstützung zu werben, abblitzte. Die Abgeordneten der CDU hätten das damit begründet, dass es an konkreten Plänen mangele, die eine längerfristige Perspek-
tive für den Ring aufweisen. Von der Idee, Teile des Kurses und die Mercedes-Tribüne zu verkaufen, um sie alsdann zu mieten, hielten sie nur wenig.
Weil sie sie nicht verstanden haben, vielleicht nicht verstehen wollten, mutmaßt Gummer. Es sei nie daran gedacht wor-
den, das Tafelsilber, Grund und Boden zu verschleudern, sondern lediglich Teile der Infrastruktur. Mit den Einnahmen, rund 25 Millionen Euro, hätte man Schulden tilgen und das operative Geschäft am Laufen halten können. So aber habe die Stadt
den Ring insgesamt übernehmen und sich noch höher verschulden müssen, um das Schlimmste zu vermeiden.
Heißt umschulden, um die immensen jährlichen Belastungen zu reduzieren, so lange mit Ecclestone verhandeln, bis entweder eine Zukunft ohne oder mit Formel 1 sich rechnet, heißt einen neuen Geschäftsführer finden, erfahren in komplexen Sanie-
rungsprozessen – im Gespräch ist René
C. Jäggi, der zuvor Adidas, Romika und den 1. FC Kaiserslautern aus dem Gröbs-
ten herausgeholt hat. Heißt auch, die fünf Gesellschaften, die gegenwärtig den Ring betreiben, auf zwei oder gar eine zu reduzieren, und es heißt, einen Sponsor aufzutreiben, der dem Ring mit seinem Namen eine Stange Geld gibt. Gummer schätzt die Erfolgsaussichten seiner Strategie so optimistisch ein, wie das ein Mann in seiner Lage eben muss.
Ministerpräsident Oettinger muss das anscheinend nicht. Seinem Haus, dem Staatsministerium, muten Gummers Pläne noch immer viel zu vage an. Und die
Grünen wollen Mittel nur zum Ausstieg aus der Formel 1 locker machen. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Zwar bringt das Spektakel pro Jahr eine Kaufkraft
von zirka 45 Millionen Euro in die Region, wie eine Studie der Uni Mannheim ergab. Indes: »Jeder verdient an der Formel 1«,
lamentiert Geschäftsführer Georg Seiler, »aber ausgerechnet wir als Veranstalter
legen drauf.« Ordentlich Geld verdient der Ring an jeder anderen Veranstaltung, ist an mindestens 320 Tagen im Jahr gebucht. Was zeigt, wie beliebt der Ring bei Leuten ist, die hauptsächlich zu ihrem Vergnügen fahren. Dass man eigentlich noch mehr Rennstrecken in Deutschland bräuchte. Und zwar nicht für die Formel 1.
Ristorante-Chef Antonio bekommt davon nichts mit. Umgehungsstraßen halten den Rennverkehr fern von der Stadt, ihren Geschäften, Restaurants und Hotels. Wenn die Rennstreckentouristen sich schon nicht sonderlich für die Stadt interessieren, soll-
ten doch die Hockenheimer sich wieder deutlicher zu ihrem Ring bekennen. Die Bürgerinitiative »Pro Hockenheimring« will deshalb das Wir-Gefühl der Einwohner mit Kundgebungen, Aktionstagen, Aufklebern und Plakaten stärken. Eines dieser Plakate hat auch Antonio an der Tür des »Bella
Capri« hängen, denn ohne nix kommt
bekanntlich nix.

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