Reportage Isle of Man (Archivversion) Highway to schnell

No risk, no fun. Für die Fahrer ist es die schwierigste Rennstrecke der Welt. Für alle Fans der Isle of Man die größte Party der Welt. Wie verrückt muss man sein, um hier(her) zu fahren?

Zweimal dreißig Zentimeter Bizeps ragen aus Uwes groteskem Pelzmantel. »Kaninchen?« »Bisamratte«, sagt er. »Schützt vor Regen.« Schallendes Gelächter. Uwe und sein Kumpel Bernd tragen bunte Perücken, stehen auf der Fähre inmitten eines Pulks aus Gore-Tex, Leder und dunklen Sonnenbrillen. Die Stimmung ist euphorisch. Blauer Himmel, den Bauch voller Freiheit, die Nase in den Salzböen. Egal, ob Manager, Mechaniker, Marktfrau – hier ist das »du« obligatorisch. Das Motorrad verbindet, verbrüdert. Bunte Kombi. Stickerbesetzt. Zerschraddelt, sturzerprobt, nagelneu. Haudegen, Partylöwen. Glatzen. Mähnen. Gefärbt, bemalt. Eine riesige Fähre schluckt sie alle in ihren Bauch. Hunderte. Tausende. 40 000. Spuckt sie auf der Insel wieder aus. Die Isle of Man (IOM) lässt eine zweiwöchige Invasion über sich ergehen. Geduldig. Gefasst. Gelassen. Seit fast einem Jahrhundert schon. Als1907 auf der britischen Insel das erste Motorradrennen startete, hätte niemand damit gerechnet, dass es einmal zum größten Abenteuer eines jeden Rennfahrers werden sollte. Mittlerweile ist die TT, die Tourist Trophy, in aller Welt berüchtigt. Für die vielen Toten, für zweirädrige Anarchie, für eine der größten Zweirad-Partys überhaupt. Für die schwierigste Strecke. Eine schmale Bundesstrasse, die für die Zeit des Rennens gesperrt und zur Einbahnstrasse wird. Bodenwellig. Uneinsichtig. Zäune. Bäume. Einfahrten. Häuser. Steile Abhänge. Steinmauern mit gefräßigen Ecken und Kanten. Scharf wie Beile. Dichter Nebel und Wind in den Bergen. Drückend. Schneidend. Regen. Mal puderzart, mal schräg. Von allen Seiten. Ab und zu ein Schaf. Suizidgefährdet. Dann die Sonne. Peitscht durch das Blätterdach wie Stroboskop-Blitze. Ein Alptraum. Unglaublich. Immerhin: keine Bitumen-Flickerei, keine Gullydeckel. Durchgängig griffig. Dafür sorgen die Manx, wie man die Inselbewohner nennt, pedantisch. Der Vergleich mit der Nordschleife ist nicht übel. Nur länger eben. 62 Kilometer. Mit über 180 teils nicht einsehbaren Kurven. Und viel gefährlicher. Wie verrückt muss man sein, um hier freiwillig zu fahren?»Wenn einem etwas passieren soll, passiert es einfach«, sinniert der Neuseeländer Shaun Harris, 33. »Egal ob du die TT fährst oder im Bett liegst.« Er spricht stellvertretend für alle Rennfahrer. Denn wenn die Angst mitfährt, übernimmt sie den Lenker. Hier siegt der Kick. »Es ist fast so wie Fallschirmspringen, Snowboard oder Bungee-Jumping.« Das macht süchtig. Harris ist zweimaliger Australischer Superbike-Meister und ein moderner Rodeo-Reiter. Fährt Rennen auf der ganzen Welt, versucht, mit den Preisgeldern, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Über die Gefahren der Strecke sind sich alle Piloten im Klaren. Die Einen verdrängen sie, die Anderen kalkulieren sie ein. Doch das fällt fast so schwer wie die Vorhersage der Lottozahlen. Die Promenade von Douglas avanciert in den zwei Wochen der TT zu einer technischen Modeschau mit karnevalistischem Touch. Dafür sorgen die Freaks – schätzungsweise drei Prozent der TT-Besucher. Partyhyänen, schwarze Schafe auf grauem Asphalt. Anarchie auf zwei Rädern. In den Pubs, auf den Straßen, den Campingplätzen. Sei’s drum, die weißen Schafe sind in der Übermacht. Rennsport-Interessierte, Insel-Freunde, Biker wie du und ich. Und nicht zu vergessen: die Rennfahrer. In diesem Jahr aus 22 Nationen.Thomas Nolting, 40, und Siegfried Zacharias, 49, kommen aus Herford, Westfalen. Beide fahren in Deutschland in der Serienbike-Meisterschaft, beide sind TT-Neulinge. Nolting war vor 20 Jahren zum ersten Mal als Zuschauer bei der TT, der Virus der Herausforderung hat ihn infiziert, ist heuer zum Ausbruch gekommen. »Du kaufst dir alle Videos, studierst daraus die Strecke, liest alle Berichte – alles umsonst«, resümiert Zacharias gedankenversunken. »Diese 62 Kilometer sind sehr schwer lernbar.« Trotzdem siegt die Euphorie über die Resignation. Es ist das letzte Abenteuer. Bergsteiger träumen vom Everest, Rennfahrer von der TT. Einem Rundkurs, der sich nicht besiegen lässt. »Du kannst mit dem Kurs nur einen Kompromiss eingehen, versuchen, dass er dich annimmt«, lächelt Zacharias. Neulinge wie die beiden benötigen eine internationale Rennlizenz, müssen den Kurs in 23 Minuten bezwingen sowie mindestens vier Trainingsrunden nachweisen. Startbedingung. Der Rekord liegt bei 18 Minuten, 11 Sekunden – das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 200,24 km/h. Gefahren 1999 von Jim Moodie, einem alten Hase im TT-Jagdrevier. Nicht ganz so alt wie TT-Legende und Volksheld Joey Dunlop, 48, fünffacher Vater und Pub-Besitzer aus Irland. Dunlop blickt zurück auf 23 Rennsiege, kennt die Strecke wie seine Westentasche. Experten schätzen ihn auf 150 000 Kilometer TT-Erfahrung. »Joey fährt den Kurs nachts ohne Licht«, behaupten einige Inselbewohner, die ihn bei schlafwandlerischen Trainingsfahrten gesehen haben wollen. Dunlop, der, so die Legende, gar keinen Führerschein besitzt, bleibt cool: »Yeah?« Statements von ihm sind selten länger als ein Satz.Campingplatz Glenough Farm. Direkt an der Strecke, zehn Kilometer von Douglas entfernt. Fünf gemähte Wiesen, eine Telefonzelle zwischen Melkmaschine und Misthaufen, Duschen im ehemaligen Schweinestall. Für Uwe und Bernd die Heimat für zwei Wochen. Heißen Kaffee und Sandwitch’s gibt es in dem für diese Zwecke umgebauten Kuhstall. Die aufgestellten Sitzgarnituren knallen kunterbunt, stammen aus einem Kindergarten. Es riecht nach Kuhstall, Mist und Modder. Und es schifft wie Sau. Die grüne Campinghölle durchziehen braune Beschleunigungsstreifen. Überdacht mit grauer Wolkenwatte.Uwe hat sich Linsensuppe gekocht, süßlicher Bratenduft aromatisiert den Wind, flackernde Lagerfeuer zerbeißen die Dunkelheit. Hier ist die Szene zuhause. Enthusiasmus schwängert die Luft. Der Geist der IOM – hier erscheint er. »Noch ´ne Bratwurst, dann geht’s auf die Promenade«, sagt Bernd. Zwanzig Minuten später sind sie auf dem Weg nach Douglas. Uwe im Bisamrattenmantel auf seiner alten XS1100, Bernd auf seiner Streetfighter GSX-R. Vom Plastik befreit, alles poliert, zwei kleine Lupenlampen. Eine zeigt nach unten. »Damit man beim Wheelie-fahren was sieht.« Promenade Douglas. Vergnügungspark. Arena. Laufsteg. Hotelbars im Zeichen der Hochkonjunktur, die Pubs überschreiten die Sperrstunde. Konzentrierte Party. Konzentriertes Saufen. Aus Gläsern, aus Eimern. Leberprellung garantiert. Während der Rennwoche finden hier Profi-Stuntshows statt. Doch das Volk will nicht nur Brot. Es will Spiele. Wilde. Ohne Netz und Boden. Burn-Outs, Wheelies und vor allem: Stürze, Titten, nacktes Fleisch. Outfits, die man sonst nur aus dem Fernsehen oder vom Karneval kennt.Ein aufbrüllender Motor gibt das Startsignal. In Sekundenschnelle hat sich ein Kreis gebildet, in dem ein Wagemutiger seinen Hinterreifen verkrümelt. Der dicke blaue Qualm steigt auf wie ein indianisches Rauchzeichen, das die Polizei alarmiert. Und die ist während der TT präsent. Wheelies, Stoppies, Burn-Outs – fällt unter Paragraph Sonderaktion. Verlust über die Fahrzeugkontrolle. Ab 40 Pfund Geldstrafe ist man dabei. Nach oben offen. Billig ist hier nichts. Egal ob Fisch oder Chips. Und schon ein kleiner Fahrfehler kommt teuer zu stehen. Fünf Rennfahrer bezahlen ihn in diesem Jahr mit ihrem Leben. Plus drei Motorradfahrer und ein Fahrer beim Strandcross-Rennen an der Douglas-Promenade. Neun Tote. Das letzte Abenteuer – kein Sonderangebot. »Einige Streckenabschnitte sind so wellig, da schüttelt es dir fast die Plomben aus den Zähnen«, sagt Zacharias. Profis wie Joey Dunlop oder David Jefferies kennen jede Unebenheit, umfahren oder nutzen sie gekonnt. Alle Neulinge jedoch sind am kopfschütteln. Bei Eiertanz und Tempo jenseits von 280 km/h können sich viele Fahrer nur an den Farben orientieren. Rot: Tankstelle. Grün: Wiese. Grau: Fahrbahn – draufhalten. Die Welt zischt wie in einem Tunnel vorbei. Striche aus bizarren Farben, gezeichnet aus Wiesen, Häuser, Straßenschilder, Flaggen. Wenn alles gut läuft die Zielflagge. Motorradfahren ist Sport. Artistik, Können, Fitness. Selbsteinschätzung ist gefragt. Nicht Selbstinszenierung. Die Hauptgefahr für die Nacheiferer. Dann, wenn die Rennen vorbei sind, die Strecke wieder freigegeben ist, und die schwarzen Schafe den Kurs abgrasen, passieren die Unfälle. Trotzdem: Die TT bleibt eines der grandiosesten Ereignisse der Motorradszene. Atemberaubende Rennen, exzessive Partys, ein faszinierendes Rahmenprogramm. Hillclimbing, Streetfighter-Show, Motocross, Stuntshows, Livebands – die Liste umfasst zweieinhalb Seiten. Selbst Oldtimer-Freaks kommen auf ihre Kosten. Bei der Lap of honour, der Runde der Ehre, gehen legendäre Bikes aus den vergangenen 93 Jahren an den Start. 93 Jahre Mythos. 93 Jahre Trauer und Jubel. Die Isle of Man hat ihre eigenen Gesetze. David Jefferies aus Yorkshire bricht in diesem Jahr den Rundenrekord. 201,12 km/h Durchschnitts-geschwindigkeit. Und gewinnt drei Rennen. Genau wie sein Widersacher Joey Dunlop. Siegfried Zacharias und Thomas Nolting gewinnen an Erfahrung, Shaun Harris genügend Preisgeld, Bernd und Uwe an Packraum. Am Ende der zwei Wochen rollen sie ihr Zelt samt Schlafsack und Matte zusammen, stecken es in den Müllsack. »War ein amerikanisches Einmal-Zelt – Schuhe ausziehen nicht nötig.«Rennergebnisse auf Seite 161, weitere Infos im Internet unter: www.iomtt.com

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