Reportage: PS fährt Yamaha R6-Dunlop-Cup Cup-Angebote in Deutschland genauer beleuchtet

PS hat sich verstärkt und René Raub, den Top-Fahrer aus unserem Le Mans-Langstreckenteam 2011, als "Cup-Checker" losgeschickt. Er nimmt in den nächsten Ausgaben verschiedenste Cup-Angebote in Deutschland unter die Lupe. Seine erste Station: der Yamaha R6-Dunlop-Cup.

Foto: Beck

Kaum zehn Minuten dauerte die Wochenendbeziehung mit der Cup-Yamaha R6, da schien schon alles vorbei zu sein. Gerade war ich im ersten freien Training -dabei, mich auf das mir unbekannte Bike einzuschießen und den Rost meiner siebenmonatigen Rennuntätigkeit seit Le Mans ein -wenig abzustreifen, schon kreuzte sich beim -Anbremsen der Hasseröderkurve in Oschersleben meine Linie mit der eines etwas allzu optimistischen Cup-Kollegen. Was folgte: ganz viel Himmel, Kies, Himmel, Kies. Dann lag ich neben meiner eben noch jungfräulichen Maschine. „Na super“, schoss es mir durch den Kopf. „Das Cup-Testjahr fängt ja spitzenmäßig an!“ Auf jeden Fall wusste ich gleich, dass der Yamaha- Cup trotz eines Durchschnittsalters von weit unter 20 Jahren kein Kindergeburtstag ist. Geschenkt bekommt man hier höchstens eine zerbeulte Mühle. Glücklicherweise hatte sich das Motorrad nicht wie ich mehrfach überschlagen. Aber für die linke Seite war eine komplette Frischzellenkur nötig. Man durfte also gespannt sein, ob ich nach dieser Aktion noch einmal auf die R6 gelassen werde. Aber die Jungs um Cup-Koordinator Thomas Kohler sahen es sportlich. Norbert Jansen und Christian Lehmann, die Technikgurus im Cup, und an diesem Wochenende auch für mich verantwortlich, schafften es neben ihrer normalen Arbeit, in fast drei Stunden das Motorrad wieder komplett aufzubauen. Und Christian witzelte beruhigend herum, dass es ein Gaststarter im Cup schon geschafft hat, bereits nach zwei Kurven Kernschrott zu produzieren.

Leider machte sich auch langsam ein immer stärker werdender Schmerz in meiner linken Schulter breit. Und so begab ich mich in die prüfenden Hände von Cup-Schamane Fritz Heuser. Nach einer ersten Untersuchung und dem Rat, mich besser ins Medicalcenter zu begeben, war ich auch schon auf dem Weg ins Oscherslebener Krankenhaus - das Rennwochenende stand jetzt auf dem Spiel. Der Arzt aber gab Entwarnung und diagnostizierte „nur“ eine Bänderverletzung im Schultereckgelenk. Leider war mit den Schmerzen und wegen der eingeschränkten Beweglichkeit nicht an Motorradfahren zu denken, und so musste das zweite freie Training ohne mich stattfinden. Stattdessen ließ Medizinmann Heuser seine heilenden Hände und eine eigenartige Schmerzsalbe wirken, von der wohl besser niemand weiß, was wirklich drin ist. Zu meinem Erstaunen waren die Schmerzen beim Aufwachen am nächsten Tag nämlich erträglich. Bloß der Arm ließ sich nur mühsam bewegen. Mein Entschluss stand jedoch fest: It’s Racingtime, Boys!

Beim Eintreffen in der Box wartete schon das nächste Bonbon: Thomas Kohler hatte auch noch den Rekord-Cup-Fahrer Sven Bennin zur Unterstützung organisiert. Wenn jemand Insidertipps für den Cup oder die R6 hat, dann Sven - und das mit ansteckend trockenem, nordischen Humor.

Dann kam der Regen. Die körperliche Belastung im Nassen ist natürlich bedeutend geringer - ein klarer Vorteil in meiner -Situation.  Bis zur ersten Qualifikation war die Ideallinie aber schon wieder abgetrocknet und es wurde mit Slicks gefahren. Also:  Zähne - zusammenbeißen, probieren und durchhalten. Nach acht Runden hatte ich zwar höllische Schmerzen, fuhr aber weiter und probierte, mich immer wieder zu steigern. Am Ende sprang der 14. Startplatz von 29 Fahrern heraus. Das geht so weit in Ordnung, schließlich hatte ich bisher nur läppische zehn Minuten auf dem Supersport-Bike gesessen, kämpfte gegen die Schmerzen und konnte trotzdem ganz gut mithalten.

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Foto: Beck

Zum zweiten Quali regnete es erneut. Die vorher gefahrenen Zeiten konnten also nicht mehr besser werden. Dafür hatte ich Gelegenheit, die viel gelobten, für mich unbekannten neuen Regenreifen von Dunlop zu probieren. Es ist immer wieder Wahnsinn, welche Schräglagen mit solchen Reifen auf nasser Strecke möglich sind und welche Kräfte beim Bremsen und Angasen auf den Asphalt übertragen werden. Vorher hatte Fahrwerksspezialist Lothar Kraus, der eigens für die Cup-Fahrer von Öhlins  abgestellt wurde, das Chassis auf die veränderten Bedingungen abgestimmt. Das passte so gut, dass ich bis kurz vor Schluss die drittbeste Zeit halten konnte.

Zurück in der Box, gab mir Techniker Christian tiefe Einblicke in das Data-Recording, das alle Cup-Fahrer benutzen und damit die wichtige Datenanalyse lernen. Er ist ganz zufrieden. Lediglich meine Schaltzeitpunkte könnte ich noch um einiges weiter nach hinten verlegen. Die R6 ist wirklich eine irre Drehorgel. Wenn ich als alter 1000er-Langstreckler denke, gleich schießen mir vor lauter Drehzahlgeschrei die Kolben entgegen, gehen bei der Yamaha noch mal locker tausend Umdrehungen mehr. Diese Drehzahlgier und der nicht vorhandene Schaltautomat (Hilfe, bin ich verwöhnt!) sind dann aber das Einzige, wofür ich noch eine längere Eingewöhnungszeit bräuchte. Die Cup-R6 ist sicher das handlichste Motorrad, das ich bisher unter meinem Hintern hatte, absolut frei von Zicken und mit einer wunderschön weichen Gasannahme gesegnet. Das schafft schnell Vertrauen in Bike und Grenzbereich. Richtig verliebt habe ich mich in den geilen Klangteppich, der sich genau in dem Moment unter einem ausbreitet, in dem man noch in der Kurve ganz leicht das Gas wieder anlegt. Ein richtig tiefes Bassgrummeln, das ich niemals bei einem Vierzylinder-Supersportler erwartet hätte, auch wenn sie gleich danach wieder brüllt wie am Spieß.

Sonntag: Renntag! Mit viel zu wenig Schlaf und einem frischen Tape-Verband an meiner Schulter komme ich nur schwer in die Gänge. Für halb elf ist das Rennen angesetzt. Pünktlich lässt sich sogar kurz die Sonne blicken. Wir können den wichtigsten Teil des Wochenendes demnach im Trockenen fahren. Wie jedes Mal steigt jetzt die Anspannung bis zum Moment in der Startaufstellung. Da kann man nicht einmal das Gridgirl neben sich genießen, weil man sich jetzt voll auf das Rennen fokussiert. Ein beklopptes Konzept: Da stellt man ein hübsches Mädel genau in dem Moment neben einen, in dem man es am wenigsten gebrauchen kann.

Dann gilt es! Beim Start komme ich gut weg. Leider kann ich Svens Tipp, mich vor der ersten Kurve rechts zu halten, um in der direkt darauf folgenden Links Vorteile zu haben, nicht durchziehen. Es ist einfach zu eng und der Weg ist versperrt. Also heißt es, mitten im Getümmel die erste Kurve anzubremsen. Das Feld schiebt sich wieder zusammen, und im rechten Augenwinkel kann ich noch den schnellen, jungen Türken Toprak Razgatlioglu erkennen, wie er außen locker etwa fünf bis sieben Gegner einschließlich mir überholt. Vielleicht hat Sven seine Tipps doch nicht nur mir verraten? Die ersten paar Kurven gehen in geordneten Bahnen, aber in höllischem Tempo. Das Feld sortiert sich, und ich reihe mich auf Position 14 ein. Relativ schnell geht direkt vor mir eine größere Lücke auf. Ich kann meinem Vordermann einfach nicht folgen und muss dem hohen Anfangstempo Tribut zollen. Dafür pariere ich aber in den nächsten Runden alle Angriffe meiner Hintermänner, die sich wie an einer Perlenschnur hinter mir aufgereiht haben.

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Foto: Beck

Etwa bei Halbzeit habe ich vor der Hotelkurve einen ziemlichen Verbremser und muss eine weite Linie gehen. Diese Einladung lassen sich die  Heißsporne hinter mir natürlich nicht entgehen: Auf einen Schlag verliere ich vier Positionen. Kurz darauf kommt schon wieder Toprak an mir vorbeigeflogen. Er muss wohl vorher irgendwo neben der Strecke gewesen sein. Ich hänge mich dran und bekomme ein 1a-Training für gute Linien und die Möglichkeiten mit der R6. So purzeln die Rundenzeiten. Ich kann wieder zu den Gegnern vor mir aufschließen. Aber sehr bald schwinden meine Kräfte, macht sich meine Verletzung bemerkbar und ich bekomme zunehmende Probleme, das Bike in den Schikanen von einer Seite auf die andere zu werfen. Mit dem Schweizer Reto Wiederkehr hatte ich in den letzten Runden aber noch ein paar schöne Fights - mit dem besseren Ende für mich. Als Achtzehnter komme ich über die Linie. Gern hätte ich Punkte gesammelt, aber ich habe ja eine gute Ausrede. Vielleicht ergibt sich ja noch mal die Chance, es etwas besser zu machen. Nach meinem ersten Cup-Gaststart bin ich jedenfalls sicher, bereits jetzt ein absolutes Highlight erlebt zu haben. Ich habe mich ein Wochenende lang in der R6-Cup-Familie jedenfalls wie zu Hause gefühlt.

Foto: Beck

Der Cup-Checker

René Raub begann 2001 im Suzuki SV 650-Cup und fuhr schon ein Jahr später mit einer GSX-R 1000 auf den zweiten Platz in der Open Klasse bei den 24 Stunden von Oschersleben. Unter anderem im Seriensport gewann der 36-Jährige mehrfach die kleine Twin-Klasse und 2004 die 750er-Wertung. 2006 wurde der Heiligenstädter in der Langstrecken-WM/Superproduction Dritter und gewann mit seinem Team den Lauf bei den 24 Stunden von Oschersleben. Dort siegte er noch zwei Mal in der Open-Klasse. Mit dem Team PS-LSL-X-Lite 61 gelang ihm 2011 in der Open-Klasse der dritte Platz beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

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