Reportage: Streckensperrung in der Eifel (Archivversion)

Watzmann`s 4 Weizen

Der Kreis Aachen stört mit einer Streckensperrung den Kreis-Verkehr der Motorradfahrer in der Eifel. Gründe: Gefährdung von Verkehrsteilnehmern und Lärmbelästigung.

Samstags um fünf Uhr früh klingelt der Wecker. Udo Freialdenhofen schält sich aus den Kissen, küßt seine Frau, streichelt die kleine Sarah und klettert in die Kombi. Dann röchelt auch schon die RF 600 R im Leerlauf. Sachte tuckert »Aldo« durch den verschlafenen Stolberger Ortsteil Atsch in Richtung Eifel. Über Vicht fährt er nach Zweifall. Maschine und Reifen sind warm, die Entscheidung fällt jeweils vor Ort. Heute fährt der Familienvater das große Jägerhaus, eine traumhafte Landstraße mit weit gezogenen Kurven, die nicht überraschend zuziehen. Nach dieser Aufwärmstrecke biegt er ab Richtung Strauch und Steckenborn. Er weiß, wo die diversen Blitzer stehen, bremst rechtzeitig ein, trödelt im großen Gang durch Steckenborn in Richtung Woffelsbach. Am Ortsausgang zieht er die Maschine hoch, freut sich auf die Panoramastraße mit ihren vielen Kurven. Die Zeichen auf dem Asphalt - »Nur die Besten sterben jung« oder »Watzmann«s 4 Weizen« - sieht er zwar, aber er liest sie nicht mehr. Er kennt die Strecke aus dem Effeff. Bis runter nach Woffelsbach, wo ihn ein Fahrverbot für Motorräder stoppt.Woffelsbach ist eine 800-Seelen-Gemeinde, wo die Kirche noch im Dorf geblieben ist. Die Dörfler haben die typischen Rotbäckchen, die von viel frischer Luft, Kälte, Hitze und harter Arbeit erzählen. Ihre Welt ist das kleine Eigenheim mit gepflegtem Rasen, Rosenstöcken und dem unvermeidlichen Forsythienstrauch. Die Wohl- oder Etwas-Mehr-Habenden sind an die Seegrundstücke gezogen, haben die Satellitenschüssel aufgepfählt und genießen den großen Stausee. Heile Welt im Naherholungsgebiet. Da stören die Biker, die den 190 D der Alt-Agilen zu dicht auf die Stoßstange rücken und außerdem noch Lärm machen. Deshalb ist das nur zwei Kilometer lange Verbindungsstück (Wingertsberg) zwischen Woffelsbach und der zum Obersee führenden L 166 seit Gründonnerstag an Wochenenden und Feiertagen gesperrt. Probeweise für ein Jahr.«Das ist ein einziger politischer Klüngel«, entfährt es einem wütenden Woffelsbacher. »Hier hat ein Anwalt aus Köln - den Namen kenn« ich - sein Ferienhaus. Letztes Jahr ist der hier rumgezogen und hat Unterschriften gesammelt, weil sein Haus durch die Lärmbelästigung an Wert verloren haben soll.« Beate Rutschke, eine Art Mutter Teresa der »Futterkrippe« direkt am Anfang der Sperrung in Woffelsbach, sieht«s genauso. »Seit 20 Jahren gab es auf dem Stück Richtung Rurberg nur drei Unfälle. Wenn die Sperrung bleibt, treibt uns das in den Ruin. Herr Antwerpes (Regierungspräsident in Köln, Anm. d. Red.) und Konsorten wollen aus der Eifel wieder ein Armenhaus machen«. Fakt ist, daß schon jetzt nur noch wenige Biker vorbeikommen. »Früher haben die Jungs hier gehalten, mich aus dem Bett geklingelt und gerufen »Mutter koch« Kaffee«, bevor sie weitergefahren sind. Heute kommen noch ein paar Fahrer, sehen, daß gesperrt ist und verschwinden auf Nimmerwiedersehen«, klagt die bodenständige Frau.Klagen auch am Obersee. Hier trifft man sich zu Kaffee, Cola, Frikadellen und Fritten rot/weiß, spricht Benzin und glotzt auf die ankommenden und abfahrenden Motorräder. Marietta Wollenweber aus Jakobwüllesheim schätzt, daß »das erst der Anfang der Streckensperrungen ist«. Sie tippt, daß als nächste Strecke »die Verbindung von Bad Münstereifel nach Schult« fällig ist. Die Mutter zweier Mädchen sucht in der Eifel Abstand von ihrem streßigen Job in der Psychiatrie. Oft zusammen mit ihrem Vater, der mit seinen 69 Jahren noch immer Motorrad fährt.Auch Helga Mengler und Franz-Josef Recker aus Lendersdorf fahren aus Spaß an der schnelleren Fortbewegung. »Warum müssen eigentlich immer die Biker dran glauben?« fragt Franz-Josef. »Es sind doch öffentliche Straßen. Was wäre denn, wenn man die Autofahrer hier ausschließen würde?« In den Jahren 1976 bis 1984 lagen die Unfallzahlen für Motorradfahrer im Kreis Aachen beständig um 400. Seit 1985 sind sie bis auf 217 im Jahr 1992 zurückgegangen. Durch den Zulassungsboom sind sie 1994 wieder auf 274 gestiegen, Tendenz rückläufig. Das Ansinnen der Tourenfahrer, daß die Schnellfahrer doch zum Ring fahren sollen, läßt kaum jemand gelten. »Die Jahreskarte kostet über 800 Mark, und eine Runde mit dem Motorrad ist teurer als eine mit dem Auto. Außerdem«, klagt Marietta, »kannst du nie sicher sein, ob da nicht ein Radrennen oder Oldie-Treff oder so was veranstaltet wird. Dann war die Anreise umsonst.«Bestens vertraut mit der Strecke sind die Wandervögel Peter Felser und Alfred Schwerfeld. »Die könne do röhig fahre, aver se mösse oppasse, weil do at jenoch Krüzzjer stönt«, erklärt der alte Handwerker Felser, der einige Rollstuhlfahrer zu seinen Bekannten zählt. Auch einige von denen, für die ein Kreuz neben der Straße steht, hat er persönlich gekannt. Jetta-Fahrer Fred nickt zustimmend. Wenn am Wochenende ein paar hundert Motorräder den Imbiß »Am Damm« umlagern, sieht er Raser und Raisonfahrer gleichermaßen. Alle wollen, wie auch die Autofahrer, Wanderer, Paddler, Segler und Surfer, nur »ö beßje Spaß« haben. Sand streuen will offensichtlich Heinz Janßen, Sprecher der Aachener Polizei. Obschon die Unfallkommission, welche die Sperrung veranlaßte, unter reger Polizeibeteilung tagte, heißt sein Motto: »Kein Kommentar. Es ist keine Maßnahme der Polizei, also kommentiere ich sie auch nicht.« Dafür bemüht sich der Kölner Rechtsanwalt um so intensiver. Schon am Ostersonntag rief er die 02473-8021 an, um sich erneut über Lärmbelästigung zu beklagen.
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Streckensperrung Rursee: Reportage und Interview (Archivversion) - «Die Sache war überfällig. Es gab dort Rennen«“

Der Streckenbereich ab Eingang Woffelsbach bis Einmündung in die L 166 westlich vom Rursee ist für Motorräder gesperrt. »Probeweise für ein Jahr und nur an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen. MOTORRAD sprach mit Walter Theißen, Stellvertretender Amtsleiter, Arno Crombach, Verkehrsingenieur des Straßenverkehrsamtes Kreis Aachen und Hans-Josef Heinen von der Pressestelle Kreis Aachen .?Warum haben Sie die L 128 gesperrt?Heinen: Die Sache war überfällig. Es hat dort teilweise Rennen gegeben, mit Zeitnahme und Vergleichen untereinander. Wir als Straßenverkehrsamt haben damit eine Schutzmaßnahme ergriffen, die auch die Motorradfahrer schützen soll. Wir wollen denen das Motorradfahren nicht vergrätzen.Crombach: Wir haben ja zunächst versucht, über Geschwindigkeitsbeschränkungen und Überholverbote in das Geschehen einzugreifen. Aber es werden ja nicht nur Zielfahrten zum Rursee unternommen, sondern ab dem Kiosk am Obersee bis zum Parkplatz in Steckenborn Rennen veranstaltet. Damit werden nicht nur Motorradfahrer gefährdet, sondern auch unbeteiligte Dritte, die wir schützen müssen. Deshalb prüfen wir durch Sperrung am Wochenende, wo besonders großes Motorradaufkommen herrscht, ob sich eine Verbesserung der Situation ergibt.?Ist das der Beginn für weitere Streckensperrungen in der Eifel?Crombach: Es sind keine weiteren Sperrungen geplant. Wir wollen an diesem krassen Fall - 1995 hatten wir hier Unfälle mit zwölf Schwer- und drei Leichtverletzten - versuchen zu klären, ob die Sperrung zwischen den zwei Ortsbereichen Wirkung auf die Unfallzahlen hat. Theißen: Generell ist festzustellen, daß die Zahl der Unfälle mit Motorrädern im Einzugsgebiet des Rursees zunimmt. Auch auf der Strecke zwischen Mulartshütte und Lammersdorf (Hahnstraße) und auf anderen Landstraßen nimmt die Zahl der Unfälle zu. So hatten wir 1994 nur auf der L 128 genau 18 reine Kradunfälle mit acht Schwer- und zwölf Leichtverletzten. Dem müssen wir entgegenwirken. Das versuchen wir durch besondere Schilder für Motorradfahrer, die auf die Gefahren hinweisen.?Warum reden Sie nicht mit den wenigen Rasern und versuchen es mit Psychologie?Crombach: Die Polizei versucht durch verstärkte Geschwindigkeitsmessungen und Lärmmessungen die Sache in den Griff zu bekommen. Dabei wird sicherlich auch auf die besonderen Gefahren hingewiesen. Wir versuchen auch über Motorradclubs diese Informationen weiterzuleiten, aber wir erreichen halt nicht alle Motorradfahrer.?Welche langfristige Strategie verfolgen Sie mit der Streckensperrung?Crombach: Es ist nicht daran gedacht, die Strecke langfristig gesperrt zu halten. Wir müssen abwarten, wo die Unfallhauptursache liegt. Dann müssen wir im Gremium entscheiden, welche Maßnahmen richtig sind.?Ein Gerücht besagt, daß ein Anwalt namens Heidland, der in Woffelsbach ein Wochenendhaus besitzt, Einfluß auf den Regierungspräsidenten Antwerpes genommen haben soll. Stimmt das?Crombach: So wie Sie es schildern, ist das sicherlich ein Gerücht. Tatsache ist, daß Dr. Heidland sich auch an die Bezirksregierung gewandt hat, dort beklagt und auch in Fotos dokumentiert hat, wie sich hier das Kradverhalten darstellt, daß zum Teil bestehende Verkehrsregeln mißachtet werden. Er hat um Abhilfe gebeten, über die Bezirksregierung.

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