46 Bilder
Lauf Forrest, lauf! Äh, fahr Kollege, fahr!!!

Reportage: Tuareg-Rallye 2011 PS-Redakteur nimmt es mit der Wüste auf

Wüstenrallyes, sogenannte Rallye-Raids, sind anspruchsvolle Rennsport-Veranstaltungen. Allein deswegen muss PS diese Herausforderung annehmen. Ein Erfahrungsbericht.

Warum um alles in der Welt will ein Straßenfahrer, Hobby-Racer und noch dazu
PS-Redakteur an einer Wüstenrallye teilnehmen? Ganz einfach: Weil ich seit meinem Extrem-Test der Werks-KTM von Dakar-Sieger Cyril Despres 2010 an fast nichts anderes mehr denken kann, und es - guten Sex ausgenommen - die tollste Sache der Welt ist. Dann kam noch ein Enduro-Wochenende im August 2010 dazu, an dem Rainer Autenrieth, Veranstalter der Tuareg-Rallye, seinen 90-minütigen Film zur Rallye präsentierte. Die Teilnahme-Entscheidung war gefallen, mit mir unterschrieben noch drei Gleichgesinnte die verbindliche Anmeldung zur Tuareg-Rallye 2011. Der hehre Plan: Als Vierer-Team in die Rallye zu starten - und als Vierer-Team wieder heil in Spanien anzukommen. Ganz nebenbei sollte das mitfahrende Mädel noch den Sieg in der Damen-Wertung holen. Ansonsten wollten wir die Renndistanz von über 2200 Kilometern nur pannen- und sturzfrei überstehen.

Vermessen? Völlige Ahnungslosigkeit trifft es eher, denn schon eine Top-Platzierung im Kopf zu haben, ohne die Gegner zu kennen, ist schlichweg dumm, und den Verlauf einer Wüsten-Rallye vorhersagen zu wollen, ist mehr als naiv.

Doch am Anfang steht die Vorbereitung und Budgetierung des Projekts. Das Einsatz-Fahrzeug war schnell besorgt, eine KTM EXC 525 in Top-Zustand. Dazu gesellte sich noch ein Dakar-erprobter Rallye-Kit von Mecasystems aus dem virtuellen Auktionshaus. Als sich beides ordentlich miteinander verschmolz, kam großer Besitzerstolz auf. Die EXC sah wie ein echtes Rallye-Bike aus. Zwanzig Liter Sprit in den Front-Tanks, Verkleidung, tiefe Auspuffanlage für optionale Hecktanks und Navigationsinstrumente dran, einfach perfekt! Als Trainings-Session wurde eine Roadbooktour in Andalusien gebucht und deren 1500 Kilometer ohne Defekte oder Pannen runtergeritten. Es konnte also losgehen, die Moral im Team stimmte, das Material schien zu halten - Attacke!

Anzeige

Hafen von Nador/Marokko: Die Fähre spuckt den Rallye-Tross um kurz nach sechs Uhr aufs Festland. Die Zöllner sind freundlich, die Einreise geht rappzapp. Noch drei Stunden bis zum Start in die erste Etappe. Drei Stunden, in denen die Aufregung dramatisch steigt. Dann endlich der Startschuss: 137 Motorradfahrer eröffnen das Feld und stürzen sich in Richtung erste Sonderprüfung. Doch bevor es in diese gewertete Etappe geht, wird erst einmal gesiebt. Der "Enduropfad" dient dem Veranstalter als Gradmesser. Wer in der "Profi-Klasse" genannt hat, muss ihn bewältigen. Ist er technisch zu anspruchsvoll, darf danach noch in die "Amateur-Klasse" gewechselt werden, ohne mit Strafzeit belegt zu werden. So stellt Autenrieth sicher, dass jeder in der für sich richtigen Klasse durch Marokko ballert. Unser Vierer-Trupp erledigt die Schwierigkeiten des engen, enduromäßigen Abschnitts problemlos. Hochmotiviert geht es kurz darauf in die erste, knapp 50 Kilometer lange, gezeitete Sonderprüfung.

Die Navigation bereitet keine Schwierigkeiten, und die Vernunft hält das Tempo in gemäßigten Regionen. Schließlich gibt es in der ersten "Speciale" nichts zu gewinnen, nur viel zu verlieren. Dennoch kommt nach dem insgesamt 400 Kilometer langen Tag abends bei mir Frust auf. Nur 77. in der Rangliste - so kann das nicht weitergehen! Im Team wird beschlossen, das Tempo am zweiten Tag zu erhöhen. Weitere 350 Kilometer stehen an, davon wieder um die 50 in gezeiteter Wertung. Wir ziehen an und der Vierer-Pulk schiebt sich in der Rangliste Richtung 61. Platz. Gut so, aber der zweite Tag zeigt auch, dass wir das Team auflösen müssen. Die Unterschiede von Fahrer zu Fahrer sind zu groß, als dass in den anstehenden Dünen-Wertungen zusammen gefahren werden kann.

Dritter Tag: Gleich als Erstes geht es in kleine, weiche Dünen. Alles läuft super. Die Navigation klappt perfekt, die KTM EXC verfurcht den Sand aufs Feinste und ich bekomme den "Flow", dieses sagenhafte Fahrgefühl, wo alles eins ist und leicht von der Hand geht. Doch dann: Kurz vor Schluss, direkt nach Ende der Wertungsprüfung, beginnt die Seuche: massiver Ölverlust am Gehäusedeckel! Zwar werde ich als 18. gewertet, aber die Krätze am Motorrad bekomme ich nicht mehr los. Die nächsten Tage werden deshalb nicht körperlich, sondern moralisch eine harte Prüfung. Während alle anderen das "Dünenrennen" und die "Königsetappe" bewältigen, geht mir drei Tage hintereinander jeweils nach 61 Kilometern die Karre ein. Der Grund? Ist bis heute nicht gefunden, denn tief beleidigt strafe ich die KTM trotz tollem Rallye-Outfits mit Missachtung und Einzelhaft in der Garage.

Dass ich dennoch in Wertung wieder in Spanien ankomme, liegt an der Struktur der Tuareg. Man fällt mit einem Defekt nicht aus der Rallye, man bekommt lediglich eine Strafzeit verpasst und darf weiter mitfahren. Mitfahren werde ich auch 2012. Der Ehrgeiz ist geweckt, ein besseres Ergebnis muss her! Und: Es gibt ja schließlich kaum etwas Schöneres.


Anzeige

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel