Rohrers Welt: Deutscher Trial-GP in Gefrees - WM-Auftakt 2011 Toni und der Clan Catalan

Trial ist, wenn völlig abgedrehte Spezialisten mit Motorrädern Sachen machen, die normal gesunde Menschen für unmöglich halten. Trial-WM ist, wenn normal gesunde Trial-Fahrer dasselbe fühlen angesichts von Toni Bou und seinen katalanischen Freunden.

Foto: Wolf

schon mal versucht, mit den Füßen auf den Rasten ein Motorrad in Balance zu halten? Bei langsamster Geschwindigkeit? Oder gar im Stand? Okay, mit Sportmaschinen wie einer BMW S 1000 RR ein fast hoffnungsloses Unterfangen. Dann versuchen Sie's halt mit dem Fahrrad. Immer noch klar unter einer Sekunde?

Prima. Sie haben ideale Voraussetzungen, beim deutschen Trial-GP im Fichtelgebirgsdorf Gefrees in grenzenlose Bewunderung zu verfallen. Und zwar nicht nur für die 15 Top-Artisten des WM-Auftakts 2011. Auch die viel zahlreicheren Fahrer in EM-, Junioren-, Jugend- sowie der Ü-40-Klasse zeigen in scheinbar unwegsamen Waldstücken und einem Ex-Steinbruch Aktionen, welche normalen Menschen jenseits der Physik zu liegen scheinen. Sie fahren leichte Spezialmotorräder mit Zwei- oder Viertaktmotoren von rund 300 cm³ Hubraum. Und so skurril das auch wirkt, mit Lichtanlage und paradiesisch kleinen Kennzeichen, die selbst die neue Norm verhöhnen, sind die Trialer straßenzugelassen, damit die Sektionen wie Sonderprüfungen einer Rallye gefahren werden können.
Balancieren im Stand ist dabei nicht mehr als die Basis, auf welcher der gesamte Sport ruht. Geduldig wartet so der Trialer fast beliebig lang am Eingang der Sektion auf das Startsignal der Wertungsrichter. Wer damit noch Probleme hat, obwohl er schon älter als zehn ist, sucht sich besser einen anderen Sport.
Für unsere jugendlichen Auf-den-Rasten-Balancierer ist der Weg zur WM-Spitze der Motorrad-Geschicklichkeits-Artisten jedoch noch mal ein Stückchen weiter als der, den sie schon hinter sich haben.
Die Wertung hingegen ist auf allen Trial-Levels gleich: Schafft der Fahrer die Prüfung, ohne die Füße von den Rasten zu nehmen, gibt es null Punkte. Ein- oder zweimal Fußabsetzen bedeutet einen respektive zwei Punkte. Alle weiteren Fußhilfen führen zu drei Punkten, solang die Maschine nicht klar rückwärts rollt oder durch Sturz ein klares Scheitern stattfindet, was zu fünf Punkten führt.
Auf den 15 Sektionen von Gefrees, die zweimal angesteuert und absolviert wurden, zeigten sich dabei innerhalb der 15 besten Trialer der Welt erhebliche Klassenunterschiede. Ganz oben schwebt der 24-jährige Katalane Toni Bou. Trotz noch jugendlichen Alters schon mit neun WM-Titeln - fünf Indoor, vier draußen - und fünf kaum weniger wertvollen spanischen Titeln dekoriert, treibt er die Trial-Artistik in neue Dimensionen.
In Gefrees sahen wir beim Überflieger zwar Anfangsprobleme. Bou belastete sich in den ersten vier Sektionen auf den vom Regen der vorherigen Nacht noch feuchten Steilhängen des Fichtelgebirgswaldes mit elf Fehlerpunkten, bevor er, zunächst nur Vierter, hinter dem ebenfalls katalanischen Trio Jeroni Fajardo, Albert Cabestany und Adam Raga in den restlichen 26 Prüfungen nur noch 21 weitere Minuspunkte zuließ und am Ende erwartet überlegen den deutschen Trial-GP gewann.
"Gefrees ist sportlich sehr anspruchsvoll, mit zwei grundverschiedenen Sektionsarten", referiert der Montesa-Honda-Werksfahrer. "Dabei sind die Geröllhalden zwar für die Zuschauer viel spektakulärer, wir Top-Fahrer tun uns jedoch dort deutlich leichter, weil wir das gewohnt sind. Die Entscheidung fällt also ganz klar im Wald, diese Sektionen waren teilweise extrem schwer, auch für mich, vor allem in der noch etwas feuchten ersten Runde, als der Boden noch nicht sehr griffig war."
Das außerirdische Fahrkönnen von Bou sowie mit Abstrichen der weiteren katalanischen Delegation, Cabestany, Raga, Fajardo, dazu der japanische Wahl-Katalane Takahisa Fujinami, führt jedoch dazu, dass die Auffahrten in den Sektionen immer steiler werden, die zu überwindenden Felsvorsprünge allmählich in den Überhangbereich vordringen. Selbst in Gefrees’ Vorzeigegeröllhalde, der Sektion 13, wurden für die rot markierte Route der WM-Helden zusätzliche Felsblöcke aufgeschichtet, sodass die Fahrer schon ab WM-Platz sechs deutlich abfallen.
Bou etwa hatte in den 30 Gefrees-Sektionen 17 Nuller geschafft, Cabestany gar 18. Nur Neunter wurde jedoch, zugegeben nicht ganz fit, Doug Lampkin. Der Brite ist zwar schon 35, mit zwölf Trial-WM-Titeln zwischen 1997 und 2003 aber die ewige Nummer eins und Großmeister der Trial-Old-School aus der Ära vor der Revolution der Ibero-Gang aus Ex-Fahrrad-Trialern. Modellathlet Lampkin, auch körperlich noch eine ganz andere Erscheinung als die Springinsfelde aus Katalonien, musste in Gefrees ganze 16 Fünfer hinnehmen, scheiterte also in mehr als 50 Prozent der Sektionen - ein zwölffacher Weltmeister. Während Überflieger Toni Bou längst unterwegs ist in eine neue Trial-Galaxie. Sein einziges Problem: Irgendwann kann keiner mehr mit ihm spielen, auch nicht sein Clan Catalán.

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