Ruprecht Müller-Schiemann ist Seelsorger für Motorradfahrer (Archivversion) Hirte auf drei Rädern

Mein Gott. Der Pfarrer hat einen Knopf im Ohr und hüllt sich in schwarzes Leder. Letzteres im Auftrag der evangelischen Kirche. Ruprecht Müller-Schiemann ist Deutschlands einziger amtlich bestallter Seelsorger für Motorradfahrer. Denn Rupi, wie seine Fans ihn nennen, hat der hessischen Landeskirche eine Viertel Stelle abgerungen. Zeit, die er - neben seinem Hauptberuf als Religionslehrer - Kradlern widmet: Trauungen, Taufen, die Arbeit mit dem Verband Christlicher Motorradfahrer. Das Anlassen und im Herbst die Gedenkfahrt für die Verunglückten.»Wir wären vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen. Aber Motorradfahrer sind an uns herangetreten. Zunächst wegen Todesfällen.« Statt nur Trost zu spenden, wollten die Pfarrer aktiv eingreifen. »Um Unfälle zu verhindern«, sagt Müller-Schiemann. Die erste Gedenkfahrt gab´s in Berlin Anfang der 70er Jahre. Die Idee fand immer mehr Anhänger. Bis es heutzutage vor Gottesdiensten im Kalender nur so wimmelt. Und nicht nur das. Die Biker kommen auch noch zuhauf.»Ein Motorradfahrer ist, wenn er unterwegs ist, sehr viel mit sich und seinen Fragen allein. Wie gehe ich mit Gefahren um? Was sind meine Gefühle und Gedanken? Das sind ja grundsätzlich religiöse Fragen«, findet der Seelsorger. Dessen Begriff von Religiosität sehr weit gefaßt ist: »Ich setze da an, wo ein Mensch sich bewußt Gedanken über sich selbst und seine Umwelt macht. Also bei einem Menschen, der auf der Suche ist.« Dabei, so glaubt er, sollte die Kirche die Menschen begleiten. »Sie ernstnehmen. Aber nicht verurteilen. Ich versuche auch nicht zu missionieren. Das ist ein Gesprächsangebot.«Im Gottesdienst greift der 49jährige zu ungewöhnlichen Methoden: Theater, Gesang, Musik, Rhythmus und Bewegung. »Das stammt aus der Religion und sollte gefälligst auch wieder eine Rolle spielen«, meint der Hirte, der Gefühle wecken will. »Das ist nicht nur eine Kopfsache, sondern wendet sich an den ganzen Menschen.« Erfolg hat er damit. Aber woran liegt´s? »Die Chemie stimmt. Und ich spreche frei. Manchmal passieren Fehler. Aber da merken die Leute, das ist echt. Und Echtsein ist gefordert. Ich kann so etwas nicht machen, wenn ich nicht selbst Motorrad fahre.«Der Pfarrer lenkt seit sieben Jahren ein BMW R 100 R-Gespann. Doch angefangen hat er bereits 1972. Während der Studienzeit ließ ihn eine DKW Hobby, sein erstes Krad, zwar öfter im Stich. »Aber es war ein billiges Fahrzeug. Später, als Gemeindepfarrer, habe ich gemerkt, daß Motorradfahrer unheimlich gesellige Menschen sind. Man hat sofort Kontakte.« Schon deshalb möchte er das Kradeln nicht mehr missen. Rund 200 000 Kilometer hat er auf zwei Rädern abgespult, sich von einer 200er Honda zur 250er hochgeschaukelt, bis ihn schließlich eine BMW R 100 RT zehn Jahre lang in ihren Bann schlug. »Für mich ist nicht das Rasen, sondern das Reisen schön.« Ein besonderes Faible hat der Geistliche für laue Sommernächte. »Die Landschaft im Dunkeln. Der Scheinwerferkegel auf der Straße. Da kann ich gut meditieren.« Seine Augen leuchten, und gleich sprudelt es aus ihm heraus. Weil der Hirte dennoch sehr umsichtig fährt, hat er noch nie einen Unfall gebaut. »Eine Portion Angst kann nicht schaden«, weiß der Familienvater. »Das schützt uns davor, Risiken einzugehen, die uns vielleicht ins Unglück reißen.« Doch räumt er ein, daß er sich nicht immer ganz brav an die Straßenverkehrsordnung hält. Seine Angehörigen hat er trotzdem mit seiner Leidenschaft angesteckt. Die Gattin und seine zwei Töchter fahren auch Motorrad. Wenn er nicht gerade Biker betreut, unterrichtet er Religion an einem Gymnasium in Hanau. Auch da kümmert er sich um »verkehrsethische Fragen«, wie er das nennt. Obwohl die Jugendlichen das oft gar nicht gerne hören. »Der Führerschein ist das Symbol fürs Erwachsensein. Da läßt man sich ungern ausbremsen oder hinterfragen.«

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