Sachs: Reportage über den geplanten Verkauf (Archivversion)

Mann oh Mann

Die Mannesmann Sachs AG soll künftig nur noch Zulieferer für die Automobilindustrie sein. Wie sieht die Zukunft für die Sachs-Leichtkraftradbauer in Nürnberg aus?

»Der Ausverkauf geht weiter!« So steht´s auf einem Flugblatt der IG Metall in Schweinfurt. Im September hat der Vorstand der Mannesmann Sachs AG bekanntgegeben, daß die Sparte Fahrradtechnik an den amerikanischen Hersteller SRAM-Corporation veräußert wird. Doch damit nicht genug. Ganz nebenbei ließ Vorstandschef Dr. Harald Klotzbach bei einer Pressekonferenz die Bombe platzen: Mannesmann Sachs, bis vor kurzem noch Fichtel & Sachs genannt, wolle sich künftig ganz aufs Automobilgeschäft konzentrieren. Bei der Belegschaft der Sachs Fahrzeug- und Motorentechnik in Nürnberg, die vor allem Leichtkrafträder wie die Enduro ZX 125 entwickelt und zusammenbaut, kam Unruhe auf. Schließlich sind die 138 Männer und Frauen die letzten Zweirad-Mohikaner in der Mannesmann Sachs-Gruppe, die mit rund 19 000 Mitarbeitern weltweit etwa 3,9 Milliarden Mark umsetzt. Der einstige Verlustrekordler Fichtel & Sachs fuhr noch 1992 hauptsächlich durch Zukäufe ein Minus von 98 Millionen Mark ein. Jetzt schrumpft die Firma wieder: In den letzten Jahren hat Sachs insgesamt 800 Millionen Mark Wertschöpfung verkauft oder eingestellt, vom Fahrradhersteller Hercules über die Motorenproduktion für Mopeds und Mofas in Schweinfurt bis zur Mannesmann Fahrzeugteile in Duisburg und der Tochtergesellschaft Kronprinz in Solingen. Kein Wunder, daß sich die Gewerkschaft nicht nur um die 450 Stellen im Schweinfurter Fahrradtechnik-Bereich sorgt. »Anstatt unrentable Bereiche durch geschicktes Management zum Laufen zu bringen, werden sie verkauft«, kritisiert Klaus Ernst, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Schweinfurt. »Ich zweifle an der Qualifikation des Managements. Das sind Lakaien von Mannesmann.«Für den Vorstand zählen Gewinne: Sachs nähere sich jetzt zügig der Vorgabe des Mannesmann-Konzerns, 15 Prozent Rendite auf das Eigenkapital zu erreichen, freut sich Klotzbach. So zitiert ihn jedenfalls die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Denn der Vorstandsvorsitzende war zu keinem Interview mit MOTORRAD bereit. Die Fragen gefielen ihm nicht, ließ er durch Pressesprecher Detlef Reinhart verkünden. Strategisch gesehen paßt der Zweiradbau zu Wandlern, Kupplungen und Stoßdämpfern wohl nicht. Die Wachstumsraten seien zu gering, die Renditen unterdurchschnittlich, so Klotzbach zur FAZ. »Eine Konzentration auf das Geschäft als Automobilzulieferer erhöht die Abhängigkeit von dieser Branche«, pariert Klaus Ernst von der IG-Metall. Doch der Zweiradbereich trägt nur noch neun Prozent zum Umsatz bei, sechs davon erwirtschaftet die Sparte Fahrradnaben in Schweinfurt. Die Nürnberger sind mit rund 110 Millionen Mark (drei Prozent) also ein kleines Licht. »Aber keine Peanuts«, wie Reinhart versichert. Mannesmann reißt jedoch mit dem Zweiradbereich die Wurzeln von Sachs aus: Vor mehr als hundert Jahren erfand Ernst Sachs die Fahrradnabe. Die Nürnberger Hercules-Werke hielten noch 1960 einen Marktanteil von 32 Prozent bei den Motorrädern. Bis 1974 liefen 7,5 Millionen Sachs-Motoren von den Bändern. Doch damit ist´s vorbei. Was mit der Sachs Fahrzeugtechnik passiert, steht noch nicht fest. »Es gibt keine konkreten Verkaufsverhandlungen«, sagt Reinhart. »Aber wir suchen nach starken Partnern.« Derweil übt sich das Nürnberger Management in Optimismus. »Wir haben ein 18prozentiges Umsatzplus«, behauptet Marketingchef Heinz Sittenauer. Mit einer hochmotivierten Belegschaft stellt die Sachs Fahrzeugtechnik immer neue Leichtkrafträder her: nach der Enduro ZX 125, von der bis August 1997 allerdings nur 465 Stück zugelassen worden sind, das Funbike ZZ 125 und das Naked Bike XTC 125. Selbst der Betriebsratsvorsitzende Robert Weißfloch ist guten Mutes: »Wir schreiben schwarze Zahlen. Es gibt keinen Grund, uns zu schließen.« Über einen Verkauf würde er sich sogar freuen. Weil die Schweinfurter sich nicht für Kräder erwärmen. Aber: »Ich glaube nicht, daß sich jemand findet.«Inzwischen hat sich auch Peugeot von seinem deutschen Roller-Importeur Sachs getrennt - natürlich in beiderseitigem Einverständnis. Peugeot Motocycles S.A. drückte es in einem Pressekommunique durch die Blume aus: Sie hätten nach einer Lösung gesucht, die »eine dauerhafte Präsenz von Peugeot auf dem deutschen Markt unter Berücksichtigung der Umstrukturierung der Zweiradbranche von Sachs garantiert«. Aber eben nicht gefunden. Für die Nürnberger, die seit 1993 rund 84 000 französische Roller importierten, eine gehörige Einbuße.Trotz aller Unkenrufe bleibt die Sachs Fahrzeugtechnik jedoch am Ball: Ab Januar 1998 importiert sie Scooter von Malaguti, dem drittgrößten Rollerhersteller Italiens nach Piaggio und Aprilia. Die Bologneser Firma will im nächsten Jahr die Produktion von 100 000 auf 140 000 Stück erhöhen und brauchte deshalb einen neuen Vertriebspartner mit gut ausgebautem Händlernetz in Deutschland. Nach anfänglichen Irritationen über die Verkaufsgerüchte blieb Vizepräsident Antonio Malaguti dabei. Denn: »Die Händler scheinen Sachs zu vertrauen.“
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Sachs: Reportage über den geplanten Verkauf (Archivversion)

1886 Carl Marschütz gründet die Nürnberger Velozipedfabrik Hercules1904 Serienfertigung der ersten Motorräder1905 Beginn der Zusammenarbeit mit Ernst Sachs und Karl Fichtel: Hercules produziert Räder mit der Torpedo-Freilaufnabe1930 Produktion von Motorrädern mit Sachs-Motoren1944 Umwandlung in Nürnberger Hercules-Werke GmbH1963 Nürnberger Hercules-Werke GmbH erste Tochtergesellschaft der Fichtel & Sachs-Gruppe1966 Fichtel & Sachs und die Nürnberger Hercules-Werke übernehmen die Zweirad Union. Insgesamt 1800 Mitarbeiter.1974 Erste serienmäßige Produktion eines Motorrads mit Wankelmotor: Hercules W 20001987 Mannesmann AG übernimmt die Aktienmehrheit bei Fichtel & Sachs: Die Nürnberger Hercules-Werke GmbH sind als Tochterunternehmen in den Konzern eingebunden1993 Kooperation mit Peugeot Motocycles im Rollerbereich. Hercules übernimmt den Vertrieb in Deutschland und Österreich1995 In Nürnberg arbeiten insgesamt 557 Menschen für Hercules. Verkauf der Fahrradproduktion samt dem Namen Hercules an die holländische ATAG-Holding. Die baut von 335 Arbeitsplätzen im Fahrradbereich fast die Hälfte ab, übrig bleiben 174 Stellen. Umbenennung der Nürnberger Hercules-Werke in Sachs Fahrzeug- und Motorentechnik GmbH1997 Ende der Kooperation mit Peugeot; Stillegung der Motorenproduktion für Zweiräder in Schweinfurt; geplanter Verkauf der Sparte Fahrradtechnik in Schweinfurt an die amerikanische Firma SRAM, Umbenennung der Fichtel & Sachs AG in Mannesmann Sachs mit dem Zusatz Automotive. Ab Januar 1998 Zusammenarbeit der Sachs Fahrzeug- und Motorentechnik mit Malaguti im Rollerbereich

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