Sachsenring: Jubiläum 70 Jahre (Archivversion)

Massentreffen

Schon das erste Rennen am Sachsenring war ein Hit. 130 000 Zuschauer, so berichten die Chronisten, kamen im Mai vor 70 Jahren an den 8,7 Kilometer langen Straßenkurs in Hohenstein-Ernstthal vor den Toren von Chemnitz. Heutzutage lassen sich zwar längst nicht mehr so viele Fans an die Rennstrecke locken, aber die aktuelle DM-Veranstaltung auf dem neuen Sachsenring dürfte in dieser Saison ebenfalls wieder zu den am besten besuchten Straßenrennen in Deutschland gehören. Die rührigen Organisatoren taten auch allerhand, um den knapp 40 000 Zuschauern beim Jubiläumsrennen Action und Kurzweil zu bieten. So gab´s ein fast schon zu dicht gedrängtes Rennprogramm mit neun Läufen, ein informatives und üppig bebildertes Programmheft mit sage und schreibe 94 Seiten und zur Krönung eine Parade berühmter Stars aus der reichen Historie des Sachsenrings. Die zigfachen Weltmeister Giacomo Agostini, Phil Read und Jim Redman waren die prominentesten Vertreter der alten Garde, die sich bei der Geburtstagsfete ein Stelldichein gaben. Dabei wäre das Kapitel Sachsenring schon nach einem Jahr beinahe wieder abgehakt worden. 1928 hatte es auf dem damals noch über Asphalt, Kopfsteinpflaster und Schotter führenden Kurs viele Unfälle gegeben. Nachdem drei Gespanne kollidiert und in die Zuschauer geflogen waren, wobei es zahlreiche Schwerverletzte gegeben hatte, wurden die Rennen erst einmal verboten. Zum Comeback kam es 1934 - nicht zuletzt, weil derartige Massenveranstaltungen ideale Instrumente für die Propaganda des NS-Regimes waren. Zu den Rennhelden und Publikumslieblingen bei den Grand Prix der 30er Jahre gehörten zum Beispiel BMW-Werksfahrer Schorsch Meier und der Brite James Guthrie, der 1935 und 1936 die 500er Rennen gewann. 1937 verunglückte er am Sachsenring tödlich - in der letzten Runde hatte sein Motor blockiert. An der Unfallstelle im Bereich des Streckenabschnitts Heiterer Blick erinnert seitdem ein Gedenkstein an Guthrie und die anderen am Sachsenring gestorbenen Rennfahrer. Kurz nach dem Krieg strömten noch mehr Fans nach Hohenstein-Ernstthal. Mit Sonderzügen, Bussen und Lkw wurden sie an die Strecke gekarrt. 380 000 Zuschauer sollen es 1949 gewesen sein, im Jahr darauf sogar über 400 000 - eine vergleichbare Kulisse wie an der ebenfalls sehr populären Stuttgarter Solitude. Als die Rennen ab 1951 nur noch DDR-Meisterschaftsstatus hatten, sanken die Zuschauerzahlen auf rund die Hälfte. Internationale Rennen mit prominenten Teams und Fahrern gab´s dann wieder ab 1955. Sechs Jahre später vergab der Weltverband FIM erstmals einen WM-Lauf nach Hohenstein-Ernstthal. Mit von der Partie war damals auch Mike Hailwood, der 1961 das 250er Rennen am Sachsenring locker gewann. Danach wurde der Brite zur Kultfigur beim ostdeutschen Motorrad-Grand Prix. Wohl auch deshalb, weil er am Sachsenring dreimal für die DDR-Marke MZ in der 250er Klasse startete und einmal sogar siegte. Das war 1963, als Hailwood auf MV Agusta zunächst die 350er und 500er Läufe gewann und dann auch noch im 250er Rennen triumphierte - und das, obwohl er nach Motorproblemen im Training mit der MZ nur vom neunten Startplatz aus ins Rennen gehen konnte. Hailwood war in Sachsen so populär, daß viele Eltern ihre Stammhalter in den 60er Jahren auf den Namen Mike taufen ließen. Auch Dieter Braun wurde am Sachsenring von den DDR-Fans frenetisch gefeiert. Vor allem 1971, als ihn »Dieter, Dieter«-Sprechchöre bei seiner tollen Aufholjagd im 250er Rennen begleiteten, das der Yamaha-Pilot schließlich gewann. Doch angesichts dieser Gala-Vorstellung des Schwaben waren nicht nur die Zuschauer aus dem Häuschen, sondern auch die DDR-Funktionäre, denen in Zeiten des Kalten Kriegs nichts ungelegener kam als der Triumph eines Wessies. Braun habe eine weiße Linie überfahren und müsse disqualifiziert werden, lautete die Anweisung von oben. Der Rennleiter ignorierte allerdings die Order. Dafür war bei der Siegerehrung die Hymne der Bundesrepublik nur im Zielbereich zu hören, alle anderen Lautsprecher wurden abgeschaltet. Damals zeichnete sich bereits das Ende der WM-Läufe auf dem Sachsenring ab. Die DDR-Sportführung wollte natürlich Sieger aus dem eigenen Lager sehen, die es im Straßensport allerdings nicht gab. Außerdem war der Straßenkurs, der zum Teil durch die Stadt führte, gefährlich und forderte immer wieder Opfer: 1969 verunglückte der Brite Billy Ivy tödlich, zwei Jahre später erwischte es MZ-Werksfahrer Günter Bartusch. So fiel 1972 der Vorhang für den ostdeutschen Grand Prix, als 250 000 Fans zum letzten Mal WM-Stars wie Multi-Weltmeister Giacomo Agostini bewundern konnten. Danach waren die Sachsenring-Rennen eine osteuropäische Angelegenheit, ehe nach der Wende 1990 wieder eine freie internationale Veranstaltung ausgetragen wurde. Drei Todesstürze zeigten allerdings deutlich die Sicherheitsmängel der Naturrennstrecke. Der alte Sachsenring war endgültig Geschichte. 1996 kam der Neubeginn in Form eines modernen, 3,5 Kilometer langen Kurses, in den etwa 300 Meter der alten Strecke sowie das frühere Zielhäuschen integriert sind. Geblieben ist auch die Begeisterung des sächsischen Publikums für den Motorsport. Das bemerkte nicht nur Ex-Weltmeister Phil Read, der im Rahmen der Geburtstagsfeier ein paar Ehrenrunden auf seiner alten Yamaha drehte, angesichts der vielen Autogrammjäger am Sachsenring: »Die Fans hier waren schon früher sehr enthusiastisch. Und ich glaube, das sind sie auch heute noch.« Agostini, Redman und all die anderen Altstars konnten dem nur beipflichten.
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Sachsenring: Jubiläum 70 Jahre (Archivversion) - In Wort und Bild

Weitere Infos zum Sachsenring
Der alte, 8,7 Kilometer lange Sachsenring ist Geschichte. Aber ein rund 300 Meter langes Teilstück der Naturrennstrecke wurde mitsamt dem alten Zielhäuschen in den neuen Kurs integriert. Wer mehr über die Strecke in Hohenstein-Ernstthal wissen will, kann beim Top Speed-Verlag in Chemnitz (Telefon 0371/585907) die bebilderte Broschüre »70 Jahre Sachsenring« bestellen. Preis: zehn Mark. Bewegte Bilder bietet ein 70minütiges Video vom Motorrennsport-Archiv Sachsenring für 49,90 Mark. Info unter Telefon 03723/47550.

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