Saisonkennzeichen (Archivversion) Blechreiz

Saisonkennzeichen sollen dem Motorradfahrer das Leben einfacher machen und obendrein auch noch Geld sparen. Ein leeres Versprechen?

Neidisch blicken bundesdeutsche Motorradfahrer über die Grenzen nach Österreich und in die Schweiz. Mehrfach motorisierte Alpenländler zahlen Steuer und Versicherung nämlich nur einmal. Und zwar für ihr stärkstes Krad. Dafür gibt’s Wechselkennzeichen. Wenn’s ins Gelände geht, einfach das Blech von der CBR auf die LC 4 umstecken. Zum Einkaufen wird alsdann die Vespa bestückt. Allerdings gilt dieses Wechselspiel nur für »artverwandte« Vehikel, also nicht für Autos und Motorräder. Wechselkennzeichen, auch wenn sie nur für Zweiräder oder für einen bestimmten Zeitraum gelten, fordern Biker hierzulande schon lange. Doch was gibt’s statt dessen ab 1. März 1997: Saisonkennzeichen für jedes einzelne Fahrzeug. Der Motorrad- oder Rollerfahrer legt beispielsweise fest: »Das Gefährt bewege ich nur von März bis Oktober.« Worauf er zur Zulassungsstelle geht, just dieses dort vermeldet und zu den Akten nehmen läßt, dafür 50 Mark blecht und noch mal gut die Hälfte dessen für ein neues Schild hinlegt. Macht summa summarum mindestens 75 Mark. Mehr als das Doppelte dessen, was fürs Abmelden im Herbst (elf Mark) und das Wiederanmelden im Frühjahr (21 Mark) auf den Amtstisch zu legen sind. Saisonkennzeichen simple Rechnung lohnen sich also erst im dritten Jahr. Dafür erspart sich der Biker diverse Behördengänge, aber er handelt sich auf jeden Fall eins der Euro-Schilder ein. Das sind die Dinger mit dem aparten blauen Rechteck links oben mit 16 Sternchen und dem D unten drin. Bei den Saisonkennzeichen kommen dann noch zwei Zahlen für die Monate dazu, für die das Fahrzeug zugelassen ist. Die stehen rechts, lauten beispielsweise 03 und 10. Was zum einen bedeutet, daß das Blech monströse Ausmaße annimmt, und zum zweiten, daß das Motorrad nur vom 1. März bis 30. Oktober gefahren werden darf. In der Winterpause muß das Bike auf privatem Grund stehen, von einem öffentlichen Parkplatz kann es jederzeit entfernt werden. Und wer sich in der Zeit, da die Maschine eigentlich ruhen müßte, im Straßenverkehr erwischen läßt, ist übel dran: Fahrzeug nicht angemeldet, kein Versicherungsschutz.Obwohl während der Ruhepause keine Steuer und Versicherung bezahlt werden, gilt die Maschine juristisch als zugelassen. Demnächst eventuell ein ganz wichtiger Punkt: Hat der Goslarer Verkehrsgerichtstag Ende Januar 1997 doch vorgeschlagen, daß bei Wiederanmeldung das Fahrzeug der Zulassungsstelle vorgeführt werden soll. Dabei haben die Verkehrsjuristen in Goslar die Saisonkennzeichen mit keinem Wort erwähnt. Bleibt zu hoffen, daß ihnen nicht noch die Idee kommt, dem Gesetzgeber nahezulegen, sogar die mit einem solchen Blech gezierten Fahrzeuge vorfahren zu lassen.Einigen Versicherern ist schon was eingefallen: Sie denken ernsthaft darüber nach, auf Verträge mit Saisonkennzeichen einen Aufschlag zu erheben. Begründung: Im Sommer passieren mehr Motorradunfälle als im Winter. Absolut korrekt, aber wer daraus logische und tarifliche Schlußfolgerungen ziehen möchte, handelt genauso sinnig wie jener Großdenker, der prostulierte: »Im Wasser ist es nasser als an Land« (siehe Interview).Teuer wird’s auch, wenn ein Biker sich sagt: »Nee, mein Zipperlein mag dem tristen März und launischen April nicht länger trotzen, ich starte nächstes Jahr erst im Mai in die Saison.« Dann muß er erneut aufs Amt eilen, den Zeitraum der Zulassung ändern, sich einen neuen Kfz-Schein ausstellen lassen, dafür erneut 50 Mark löhnen und noch mal so um die 25 Mark fürs neue Blech. Sagt er sich dann: »Nein, doch nicht mit mir, ich will wieder ein normales Schild«, ist nochmals die gleiche Summe fällig. Blechen muß er also auf jeden Fall.

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