Sammler-Porträt (Archivversion) Zeit-Weise

Zu Kaisers Zeiten entstand in Frankreich die Peugeot. Die Hulla machte in den wilden Zwanzigern Norddeutschland mobil, und der Ducati-Single ist ein typisch italienisches Nachkriegskind: Was bewegt einen Menschen, der Motorräder aus drei Epochen fährt?

»Eigentlich«, schnurrt Carsten Petersen in seinen Vollbart, »eigentlich ist in der Motorradtechnik seit den dreißiger Jahren nicht mehr viel passiert.« Er schaut ein wenig spitzbübisch, kostet das Erstaunen aus, mit dem die Anhänger von Honda und Yamaha diesen Satz wohl schon 100mal quittiert haben. Dann fügt er hinzu: »Nur die Drehzahl hat sich laufend erhöht.« Wieder läßt er eine kleine Pause, gibt seinem Gegenüber die Chance, jetzt von Kleinkram wie elektronischer Einspritzung, geregeltem Kat und schlauchlosen Reifen anzufangen. Die Kundigeren lassen es sein - und nicken stumm.Einem Enthusiasten widerspricht nämlich niemand so leichthin, und Petersen ist wahrlich einer der enthusiastischsten. Wohl bekannt seit ewigen Jahren im Kreise des VFV, des Vereins der ............., gern gesehen bei vielen Rallyes und Gleichmäßigkeitsprüfungen. Da taucht er regelmäßig mit seinem uralten Feuerwehrbulli auf und entlädt zwei, drei Kostbarkeiten. Meist ist eine AJS Big Port dabei, oft genug eine Zedel Terrot, und für alle, die bislang nur Bahnhof verstehen: »Ne ordentliche Einzylinder-Ducati besitzt der pensionierte Gewerbelehrer auch. Also noch mal: In den roaring twenties baute AJS speziell für den Sport Maschinen mit größeren Ventilen, die zu ihrer Zeit zwar mit Leistung, aber weniger mit Zuverlässigkeit glänzten. Wozu der pedantische Restaurator Petersen schweigt. Sein Briten-Single hält, entspricht somit den Träumen des ehemaligen Horex Regina-Fahrers: »Ich hab’ immer von ‘nem Engländer geschwärmt, weil die mehr Leistung hatten als das, was wir uns so leisten konnten.«Die pekuniäre Leistungsfähigkeit eines Elektro-Mechanikers war übrigens mit einer Regina schon beinahe überreizt: »Für ‘ne Kette mußte man fast eine ganze Woche arbeiten.« Nicht, daß der Norddeutsche Lloyd in Bremerhaven schlecht bezahlte. Die Zeiten, sie waren eben so. Und brachten mit sich, daß Familie, Haus und Ausbildung der Kinder den vorübergehenden Abschied vom Motorrad verursachten. Als man aus dem Gröbsten raus war, oh Wunder, tauchte Mitte der Sechziger an irgendeiner Dorftankstelle eine 350er Ariel auf. »Endlich, ein Engländer, preiswert obendrein.«Und weil Carsten Petersen mittlerweile studierter Techniker war, weckte diese Ariel seinen Forscherdrang. Bis in die Frühzeit der Motorradtechnik reicht seine kleine, aber hochfeine Sammlung heute: Eine Motosacoche von 1902 und eine Peugeot vom Jahr drauf zieren das Kaminzimmer. Fahrrädern ähnlicher als allem, was seit sechzig Jahren Motorrad heißt, aber hübsch umrahmt von allerlei Rallye-Pokalen aus ganz Europa. 234 Kubikzentimeter hat die Peugeot und holt daraus eindreiviertel PS. Am meisten freut den Besitzer, daß ihre Lampe wahrhaftig mit Kerzenlicht um sich warf. Doch wie um seine Eingangsthese zu belegen, weiß Petersen auch zu berichten, daß die Renn-Peugeots von 1913 bereits Twins mit zwei obenliegenden, zahnradgetriebenen Nockenwellen besaßen. Na siehste.Sammlerglück und Lokalpatriotismus gingen eine gelungene Verbindung ein, als er 19.. seine erste Hulla erstand. Hulla? Noch nie gehört? Also gut: Mitte der Zwanziger - Deutschland war die schlimmsten Nachkriegssorgen los - entstanden allerorten Motorradfirmen, die in eigene Rahmen Konfektionsmotoren setzten. Darunter durchaus solide und findige Konstruktionen, zu denen auch die des Kaufmanns Heinrich Helms aus Hagen bei Bremen zählen. Er startete mit DKW-Motoren in motorisierten Fahrrädern, seine Motorräder trugen dann ebenfalls Triebwerke aus Zschopau oder aber von JAP aus England. »Diese hier ist die einzige noch existierende JAP-Hulla.« Petersen schiebt einen prachtvoll restaurierten Oldie aus der Werkstatt. Knapp 30000 Kilometer hat er ihn schon bewegt, kommt just zurück von einer Reise an die Donau. »Und nun muß sie wohl mal auseinander.«Das Gegenstück zur schmucken Deutsch-Engländerin heißt ebenfalls Hulla, ähnelt jedoch eher einer verrosteten Landmaschine. »Das ist der Trend«, protestiert ihr Sammler, »just so hab’ ich sie östlich der Elbe aus einer alten Schmiede gezogen.« Voller Stolz verweist er auf Narben, die nur tägliche Arbeit hinterlassen. Sein Ehrgeiz ist geweckt, und nach einigen Metern Schiebung tuckert der 200er DKW-Motor munter vor sich hin. 6000 Motorräder immerhin hat Hulla zwischen 1923 und 1932 gebaut - und starb dann an den Folgen der Weltwirtschaftskrise.Und was ist jetzt mit Zedel-Terrot und Ducati? Carsten Petersen grinst: »Familienstücke.« Waltraut, seine Gattin, hat seit 20 Jahren den Einser, weil sie sowieso immer auf all die Treffen und Rallyes mitkommt. Stilecht gewandet bewegt sie die Zedel. Tritt, wenn deren Zweizylinder am Berg verweigert, auch kräftig in die Pedale. »Und von der Ducati haben wir zwei. Eine fährt der Stephan, damit er langsam ans Veteranenhobby kommt.« Der Junge ist 32 und kann natürlich noch nicht wissen, daß nach den Dreißigern eigentlich alles gelaufen war.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote