Schadstoffgrenzwerte für Motorräder (Archivversion) Muster ohne Wert

Bis zum Frühjahr nächsten Jahres wird die Europäische Union neue Schadstoffgrenzwerte für Motorräder beschließen. Doch vieles liegt noch im Unklaren.

Seine zweite Lesung über neue Richtlinien zum Schadstoffaustoß von Motorrädern wird das Europäische Parlament im September in Brüssel abhalten. Ziel des Gesetzgebungsverfahrens ist es, die Abgase von Motorrädern wesentlich sauberer zu machen. »Wir wollen 2006 das Abgasniveau der Pkw für 2000 erreichen«, sagt der Europaabgeordnete Bernd Lange, SPD (siehe Interview). EU-Parlament und EU-Ministerrat sind bei der Einführung neuer Abgasbestimmungen, die unter Euro 2 und Euro 3 firmieren, unterschiedlicher Auffassung. Bei der so genannten Euro-2-Norm ist man sich einig, dass ab 1. Januar 2003 neue Schadstoffgrenzwerte gelten sollen, die in etwa einer Halbierung heutiger Werte entsprechen (siehe Kasten auf Seite 113). Das jetzige Messverfahren – der Motorradzyklus nach ECE 40.01 – soll beibehalten werden. Das heißt, das Motorrad wird auf einem Rollenprüfstand mehrfach lediglich bis 50 km/h beschleunigt. Zuvor läuft es warm, so dass die Abgase erst nach 400 Sekunden in einem Beutel gesammelt und gemessen werden. Einige Dutzend auf dem Markt befindliche Motorradtypen - darunter sogar Harley-Davidson-Modelle und ein paar Einzylinder von KTM - schaffen bereits heute diese Euro-2-Grenzwerte, wie der TÜV im Auftrag des Kraftfahrtbundesamts ermittelte.Verwirrung herrscht mittlerweile beim Thema Euro 3. Während das EU-Parlament ab dem 1.1.2006 für Motoräder sowohl den so genannten PKW-Zyklus als auch die Euro-3-Grenzwerte anwenden will, bevorzugt der EU-Ministerrat einen speziellen Motorradzyklus, den der Verband der europäischen Motorradhersteller ACEM ins Spiel gebracht hat. Dieses Messverfahren - in fachchinesisch WMTC, world harmonized motorcycle test cycle - enthält wesentlich mehr Beschleunigungsanteile. Günther Hauser, Abteilungsleiter Abgas bei BMW, weiß, was das bedeutet: »Am geplanten Zyklus werden wir ganz schön zu knabbern haben. Er verschlechtert die Abgaswerte extrem.« Da ist es verwunderlich, dass sich ausgerechnet der europäische Motorradherstellerverband für dieses Messverfahren stark macht. »Ein einheitlicher Fahrzyklus wie der WMTC vereinfacht für die Hersteller das Homologationsverfahren, das dann weltweit Gültigkeit bekommen könnte. Und es verbilligt die Zulassung neuer Motorräder«, erklärt Christoph Gatzweiler, Ressortleiter Technik beim Industrie-Verband Motorrad Deutschland e. V. Federico Galliano, Generalsekretär der ACEM, hält den neuen Zyklus für unbedingt notwendig: »Er simuliert das Verhalten von Motorrädern viel genauer. Allerdings brauchen wir dann realistische Grenzwerte. Es ist Sache der politischen Gremien, in Zusammenarbeit mit uns solche Werte zu entwickeln.«Insider glauben schon nicht mehr daran, dass zwischen Europaparlament und Rat im September eine Einigung zustande kommt. Erst recht nicht, seit der WMTL-Fahrzyklus die Diskussion bestimmt. Die vorgeschlagenen Euro-3-Pkw-Grenzwerte wären ohnehin nur verwendbar, wenn bei Motorrädern das gleiche Messverfahren, nämlich der PKW-Zyklus angewendet würde. »Nur so ist die Vergleichbarkeit zwischen Auto und Motorrrad gegeben. Und das ist ja eine politische Zeilsetzung«, argumentiert Europaabgeordneter Bernd Lange. Bis dann die Verabschiedung der Schadstoffrichtlinie beim EU-Vermittlungsausschuss ansteht, wird es sicher Sommer 2002 werden. Ein viel zu kurzer Zeitraum für die Industrie, neue Motorräder auf die Euro-3-Grenzwerte hin zu bauen.Vom komplizierten Abstimmungsverfahren in der EU hängt auch eine andere, deutsche Motorradfahrer heftig in Wallung bringende Fragestellung ab: Was wird aus der Kfz-Steuer? Nachdem Gila Altmann, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit kürzlich von kräftigen Steuererhöhungen für Motorräder in Abhängigkeit von Schadstoffgrenzwerten sprach, hagelte es Proteste. Nun heißt es aus dem letzlich für Steuern verantwortlichen Finanzministerium, eine konkrete Vorlage, die so genannte emissionsabhängige Kfz-Steuer einzuführen, existiere bislang nicht und sei nicht eher geplant, bis die EU verbindliche Grenzwerte festlegt. Eine Mitarbeiterin im Bundesumweltministerium: »Sehen Sie es positiv. Die Motorradfahrer können sich freuen, dass die EU mit ihrer Entscheidung so lange auf sich warten lässt.«

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