Schalten per Knopfdruck (Archivversion) Schalten per Knopfdruck

Die Heinzelmännchen im Antrieb des AN 650 Burgman stellen sich vor.

Es ist eine kleine Sensation. Gangwechsel auf Daumendruck, in der Formel 1 schon seit vielen Jahren üblich, feiert Premiere im Zweirad. Der Traum manch eines Gold-Wing- oder K 1200 LT-Fahrers geht ausgerechnet in einem Roller in Erfüllung. Mehr noch. Die SECVT genannte Kraftübertragung bietet dem Fahrer des 650er-Burgman drei Möglichkeiten. Automatik-Modus: keine Schaltarbeit. Power-Modus: Automatikbetrieb mit höherem Leistungseinsatz. Im Power-Modus fährt der Roller mit einer kürzeren Übersetzung, also höherem Drehzahlniveau. Zusätzlich wendet der Rechner ein geändertes Zündkennfeld und leistungsoptimierte Einspritzparameter an. Dabei erhöht sich der Benzinverbrauch gegenüber dem normalen Automatik-Modus je nach Fahrweise um bis zu 1,2 Liter /100 Kilometer. Gleichzeitig beschleunigt der Roller im Power-Modus 1,8 Sekunden schneller auf 100 km/h (siehe Tabelle).Die dritte Variante, die manuelle Schaltung, ist bei einem Automatikgetriebe völlig neu: Der Fahrer kann per Daumendruck fünf feste Übersetzungsstufen wählen. Dies geschieht über eine in der linken Lenkerarmatur platzierte Schaltwippe. Hinter diesem System verbirgt sich gängige Automobiltechnik, das so genannte CVT-Getriebe (Continuously Variable Transmission). Dabei handelt es sich um eine Kraftübertragung, welche die Übersetzung stufenlos ändern kann. Beim normalen Roller funktioniert die Automatik folgendermaßen: Je eine Keilriemenscheibe motor- und abtriebsseitig besteht aus zwei Hälften. Die eine davon ist fest mit der Welle verbunden, die andere wird durch einen Fliehkraftmechanismus axial verschoben. Dadurch ändert sich der Abrollumfang und in Folge das Übersetzungsverhältnis. Die Kräfte überträgt ein normaler Keilriemen. Das CVT arbeitet nach demselben Prinzip. Allerdings übernimmt ein rechnergesteuerter Stellmotor die Axialverschiebung einer Scheibenhälfte. Diese wird bei dem Burgman gesteuert über die Parameter Gasgriffstellung, Motordrehzahl und Fahrzeuggeschwindigkeit. Dadurch lassen sich alle nur denkbaren Lastkennlinien im Automatik-Modus, aber auch Festpunkte wie bei einem normalen Schaltgetriebe realisieren. Der Wechsel zwischen Automatikbetrieb und manueller Schaltung ist während der Fahrt möglich. Beim Umschalten auf manuellen Schaltbetrieb legt der Stellmotor je nach Fahrgeschwindigkeit den passenden »Gang« ein. Die Gefahr, den Motor durch Herunterschalten zu überdrehen, besteht nicht. Fährt man in hohen Drehzahlen und schaltet manuell herunter, so erscheint zwar der gewählte Gang im Display, er wird jedoch erst dann eingelegt, wenn die steigende Drehzahl die Maximaldrehzahl nicht übersteigt. Motorschäden sowie ein blockierendes Hinterrad werden dadurch ebenfalls vermieden. Weiterhin legt der Stellmotor im manuellen Betrieb beim Anhalten automatisch die erste Gangstufe ein. Die Kraftübertragung innerhalb des CVT erfolgt über einen Gliederriemen. Dieser besteht aus aneinander gereihten, in Kunststoff gebetteten Aluminiumgliedern, die von Aramidfasern zusammen gehalten werden (Foto links unten). Der Vorteil: Der Gliederriemen hat im Vergleich zum Keilriemen weniger Schlupf und kann somit Kräfte effektiver übertragen. Auch hält er höheren Anpressdrücken stand. Derzeit stellt der AN 650 das Maximum im Rollerbereich dar. Das gilt sowohl fürs Gewicht (275 kg), seine Abmaße und Motorleistung: 55 PS mit einem maximalen Drehmoment von 62 Nm bei 5000/min werden versprochen. Doch die Verlustleistung scheint enorm zu sein. Nur 39 PS und 44 Nm erreichten auf dem MOTORRAD-Prüfstand das Hinterrad. Demzufolge verlieren sich rechnerisch 29 Prozent der angegebenen Leistung und des Drehmoments irgendwo im Antriebsstrang; der Primärübersetzung, der fliehkraftbetätigten, im Ölbad laufenden Mehrscheibenkupplung, dem CVT und Sekundärantrieb. Dieser erfolgt nahezu verschleiß- und wartungsfrei über fünf hintereinander geschaltete Zahnräder (Bild unten). Die sehr schmal bauende Konstruktion ermöglicht die Verwendung eines breiten Hinterreifens. Darüber hinaus glänzt der Burgman mit Einspritzung, geregeltem Katalysator plus Sekundärluftsystem, einem Suzuki-eigenen System für Frischluftrückführung in den Auspufftrakt (PAIR) und überspringt somit locker die Euro-2 Abgashürde. Trotz derlei Details liegt das Besondere im Gangwechsel auf Knopfdruck: Es funktioniert brillant. Und verdonnert herkömmliches Hand-Fuß-Gefummel fast zu einem Relikt aus dem letzten Jahrtausend. Offensichtlich nur eine Frage der Zeit, wann der kleine Knopf serienmäßig Tourer ziert.

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