Schilcher, Norbert: Kurzporträt (Archivversion)

Nichts wie raus

Jeden Morgen gegen sieben steigt Norbert Schilcher in den Zug, der ihn in gut einer Stunde von Landsberg am Lech nach Müchen bringt. Auf den ersten Blick unterscheidet ihn nichts von den vielen Tausend Pendlern, die Tag für Tag mit der Bahn zur Arbeit in die bayerische Metropole fahren. Mal ist er locker und leger gekleidet, mal steckt er im feinen Anzug - je nachdem, was der Arbeitstag dem 36jährigen Bank-Manager so bringt. Norbert Schilchers Firma bietet als übergeordnete Organisation EDV-Leistungen für die bayerischen Sparkassen an. Wenn sich der Computer-Fachmann im Büro mit der Datenbank beschäftigt und über vertriebssteuernde Maßnahmen einzelner Geldinstitute nachdenkt, reicht die Jeans. Wenn er vor den Vorständen einer Bank auftritt, um sie als neue Kunden für die EDV-Programme zu gewinnen, ist dagegen ein schickeres Outfit gefragt.Die Zeit im Zug ist für Norbert Schilcher nicht verloren. Da kann er entweder noch eine Mütze Schlaf nehmen, geschäftliches durcharbeiten oder Zeitung lesen. Meist kramt er Motorrad-Zeitschriften zum Thema Off Road aus seinem Aktenkoffer hervor. Ein Indiz für die Mitreisenden im Zugabteil, daß ihr Nachbar ein außergewöhnliches Hobby pflegt, mit dem er sich deutlich aus der Masse hervorhebt: Norbert Schilcher fährt Rallyes. Und das mit Vorliebe in der afrikanischen Wüste. Für ein paar Wochen im Jahr der nüchternen, kalkulierbaren Welt der Zahlen entfliehen und einen harten sportlichen Wettkampf mit einem kräftigen Schuß Abenteuer bestehen - das macht für Schilcher den Reiz seiner Freizeitbeschäftigung aus.,»Wüstenrallyes«, sagt der bayerische Enduro-Pilot, »bieten ein einzigartiges Wechselbad der Gefühle.« Am intensivsten lassen sich die Emotionen bei der Königin der Rallyes, der Dakar, durchleben. Dreimal hat sich Norbert Schilcher schon auf den Weg gemacht, in diesem Jahr ist er auf einer Einzylinder-KTM endlich in Wertung in der Hauptstadt des Senegals angekommen - als Neunter im Gesamtklassement und obendrein noch als Sieger der seriennahen Marathonklasse. »So wie er auf dem Podest in Dakar gestrahlt hat, hat er noch nie gestrahlt«, bemerkte Maria Schilcher, als sie zu Hause am Bildschirm mit Stolz die Zielankunft ihres Gatten verfolgte. »Die pure Freude«, die Norbert Schilcher nach seinem Erfolg verspürte, war nur verständlich. Schließlich hatte ihm die härteste Rallye der Welt zuvor schon zweimal übel mitgespielt. Bei seiner Dakar-Premiere 1991 war Schilcher wenige Tage vor Schluß in Mauretanien förmlich im Sand versunken und mußte seine Honda Dominator zurücklassen. Erst zu Fuß, dann per Lkw schlug sich der Gestrandete in einer mehrtägigen Odyssee noch bis Dakar durch. 1995, wieder auf einer Dominator, fiel er ebenfalls kurz vor dem Ziel aus der Wertung - Rahmenbruch. In diesem Jahr, auf einer KTM und für das Team Tam Tam Cap Manuel des Dortmunder Immobilienkaufmanns Laurenz Biege unterwegs, war die Dakar für Norbert Schilcher dagegen fast eine Spazierfahrt. Weder technische noch sonstige nennenswerte Probleme stoppten den Erfolgsritt. »Ich habe unterwegs nie mein Werkzeug gebraucht«, lobte der Marathon-Mann seine im Vergleich zur Dominator leichtere und stärkere KTM.Als kleiner Junge träumte Norbert Schilcher von einer Karriere als Auto-Rallyefahrer. Doch mit 15 kaufte er sich für 20 Mark das erste Gelände-Motorrad. »Das war eine 200er Zündapp mit zwei Auspuffrohren. Den kaputten Schalthebel habe ich durch ein Türscharnier ersetzt, die Sitzbank bestand aus zusammengebundenen Säcken für Kunstdünger«, erinnert sich der auf einem Bauernhof aufgewachsene Schilcher noch ganz genau an das Gefährt. Später folgte eine 250er Bundeswehr-Maico, dann eine 125er KTM-GS-Maschine, und mit 19 startete der talentierte Jüngling bei seinem ersten Moto Cross. »Ich habe im Juniorenpokal viele Spitzenplätze belegt, aber nie ein Rennen gewonnen«, blickt Nobert Schilcher auf die von 1979 bis 1983 dauerende Stollenzeit zurück. Schon damals fuhr er nie über seine Verhältnisse, sondern stets mit gebremstem Risiko. Diese Einstellung hat den Hobby-Rennfahrer vor ernsthaften Verletzungen bewahrt und kommt ihm heute bei den Rallyes zugute: »Man kann bei der Dakar nicht mit Euphorie bestehen. Wenn du zu forsch ans Werk gehst, holt dich die Wüste ein und zerschmettert dich.«Zum Rallyefahren kam Norbert Schilcher übrigens durch MOTORRAD. Nachdem er zuvor wegen des Studiums eine sportliche Pause eingelegt hatte, schrieb er sich 1988 in die Roadbook-Serie ein und holte prompt den Gesamtsieg. Seitdem hat Schilcher jede Menge Erfahrungen in der Rallyebranche gesammelt, die er aber keineswegs für sich alleine behält. So können Stollen-Freaks bei dem erfolgreichen Piloten Touren buchen, die nach Roadbook gefahren werden und zum Beispiel über anspruchsvolle Rallye-Pfade in Spanien führen.Und auch im eigenen Haus gibt es schon talentierten Off Road-Nachwuchs. Wenn Norbert Schilcher an den Wochenenden mit der Moto Cross-Maschine zum Trainieren geht, dann hat er meist seinen zwölfjährigen Sprößling Thomas dabei, der eine 80er fährt - der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
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Schilcher, Norbert: Kurzporträt (Archivversion)

36 Jahre alt, Beruf: Diplom-Agrar-Ingenieur, EDV-Organisator,verheiratet, zwei Kinder: Sarah (acht Jahre), Thomas (zwölf Jahre) Hobbys: Endurofahren, Moto Cross, Skifahren, Familie 1979 - 1983: Starts im OMK-Moto Cross-Pokal 1988 Sieger im MOTORRAD-Roadbook, 5. Platz in der Viertakt-Enduro-DM, 6. Platz bei der Rallye Transpana 1989 5. Platz in der Marathonklasse bei der Rallye Pharao/Ägypten, 12. Platz bei der Rallye Quinto Centenario/Spanien 1990 Sieger der Marathonklasse bei der Rallye Quinto Centenario/Spanien 1991 Erster Start bei der Rallye Paris-Dakar (Ausfall in Mauretanien), 2. Platz beim Ungarn-Raid 1992 Sieger der Viertaktklasse beim Strandrennen in Le Touquet/Frankreich, 2. Platz beim Ungarn-Raid 1994 2. Platz in der 125er Klasse beim Strandrennen in Le Touquet/Frankreich,5. Platz bei der Rallye Montes de Cuenca/Spanien 1995 Rallye Granada-Dakar (Ausfall am vorletzten Tag wegen Rahmenbruch) 1996 Sieger der Marathonklasse und 9. Platz im Gesamtklassement bei der Rallye Granada-Dakar Autogrammadresse: Landsberger Straße 14, 86932 Pürgen

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