Schottenring Grand Prix (Archivversion) Ältesten-Rad

Die Veteranenfreunde des MSC Rund um Schotten zelebrieren Rennsport, wie er sein soll: 360 Motorräder aller Marken, 20000 zufriedene Zuschauer und eine ganze Stadt in Hochstimmung.

Bis in den frühen Abend Training. Danach Öl wechseln, Übersetzung optimieren, neue Kerzen rein. Zwischen Kombis und Steilwandzelten verteilen sich Spezialwerkzeuge, Campingtische ächzen unter der Last ganzer Motoren. Endlich, im letzten Licht der Sommersonne, werden die Ansaugtrichter zugestöpselt, und dann beginnt die Nacht von Schotten, startet das Rennen vor dem Rennen: Adler-Fans streiten mit Ducatisti, Manx-Fahrer mit Ala d«Oro-Liebhabern und jeder mit jedem. Das Rennen währt Stunden, selbst Bier und Wein, Musik und Tanz können die Fronten nicht aufweichen. Es ist nie zu Ende und das reine Entzücken.Am Sonntag erbebt ganz Schotten unter dem Grollen des lustvollen Streits, denn am Sonntag starten die wirklichen Rennen, und endlich muß sich zeigen, wer am meisten übertrieben hat. Die Zuschauer zittern mit. Sie sind immer auch Mitstreiter: Fahrerlager und Zeltplatz gehen fließend ineinander über, einzig daran zu unterscheiden, daß hier die älteren und dort die jüngeren Guzzi oder BMW, Triumph oder Honda parken. Versägt der Boyracer von AJS dieses Mal wirklich alle? Hält die kleine Morini? Brennende Fragen, die selbst nach der längsten Nacht von Schotten einen Frühstart in den Sonntag rechtfertigen: Schon um halb acht Uhr sind die besten Plätze in festen Händen, hocken sie auf der Rampe des Güterschuppens am alten Bahnhof dicht an dicht. Eine Stunde später geht«s los - und bis dahin wird halt noch ein wenig gestritten.Rund 450 Helfer haben sich abgemüht, zwei der wichtigsten Schottener Kreuzungen mittels Tausender von Strohballen in anspruchsvolle Rechtskurven zu verwandeln. Dazwischen die Start-Ziel-Gerade und gegenüber das enge S-Geschlängel beim Güterschuppen, die lange Bergab-Sause entlang der Einfamilienhäuser sowie der tückische Bergauf-Winkel beim Fahrerlager. In den Gärten rund um die Strecke treffen sich Nachbarn und Freunde zum Frühstück, als Lohn für tagelange Teilsperrungen ihrer Garageneinfahrt genießen sie heute einen Logenplatz. »Hier zieht die ganze Stadt mit«, hat der Vereinsvorsitzende Helmut Neumann am Samstag abend im Festzelt betont, »und ganz Schotten freut sich schon jetzt auf den zehnten Veteranen-Grand Prix im nächsten Jahr.« Die alten Renner, ihre Fahrer und Freunde sind in der kleinen Stadt am Rande des Naturparks Vogelsberg längst heimisch geworden.Auch MOTORRAD macht dieses Jahr aktiv mit: Die beiden Kollegen der Schwesterzeitschrift CLASSIC lassen ihr Fachwissen aufblitzen, das ACTION TEAM organisiert ein Gewinnspiel und verteilt von der Vespa ET 4 über Reisen bis hin zu CLASSIC-Abonnements wertvolle Preise. Chefredakteur Gottschick versucht sich als Unparteiischer, interviewt im Festzelt den dreifachen 50-cm³-Suzuki-Weltmeister Hans-Georg Anscheidt und den Aermacchi-fahrenden MOTORRAD-Kollegen Güttner. »Stimmt es eigentlich, Sigi, daß du über den Winter nur im Keller warst und Laufbahnen poliert hast?« »Ha«, antwortet der einstige Daytona-Kämpe, »i hät«s ja wolle, aber mei Frau Renate, mit der i seit 25 Joar z«samme bin, hat g«meint: Komm ruff, d« Äpfelbäum müßtet au mal g«schnitte wärde.«Erste Motorradpulks schlängeln sich durch die Fachwerk-gesäumte Hauptstraße, Polizei und freiwillige Feuerwehr spielen Parkplatzordner. Auf einem Campingplatz oberhalb der Stadt werden Schlafsäcke gelüftet und Kaffeetassen aufgebaut. Hier residieren fast 300 MOTORRAD-Leser. »Prima Sache, mit den Duschen im Sportheim und so«, meint ein Coesfelder, und sein Zeltnachbar aus Darmstadt assistiert: »Die Stimmung ist klasse, das müßt ihr unbedingt wiederholen.« Der MSC hatte den Lesern noch malerische Anreise-Routen und eine Tour rund um Schotten zusammengestellt, deshalb darf das Urteil »Ist ja auch ‘ne astreine Motorrad-Gegend hier« als eigenhändig überprüft gelten. Jetzt aber los zu den Rennen, immer den Schildern »Fußweg zur Strecke« nach.Die Nachkriegsklasse bis 175 cm³ steht am Vorstart, heftige Gasstöße bringen das Öl auf Temperatur. So mancher Renner verschwindet fast unter seinem Fahrer. Und dabei waren sie dereinst beide mal Leichtgewichte. Aber egal, wer in die freudig blitzenden Augen schaut und die munter röhrenden Maschinchen hört, der weiß, daß Mann und Maschine wohl niemals so richtig alt werden. Und außerdem geht’s ja hier nicht mehr um Bestzeiten, sondern um möglichst gleichmäßig gefahrene flotte Runden. Exakt 13 Minuten dauern die Läufe, drei Runden werden gezeitet, und aus den Zeitabweichungen ergibt sich die Strafpunktzahl. Jede der 13 Klassen startet zweimal, Programm satt also, von 50 bis 1300 Kubik.»Immer voll ist auch gleichmäßig«, scheint die Devise der ersten vier, zeigen den Fans ein Rennen wie einst im Mai. Gewinnen wird jemand anders, einer, der Gashand und Bremse dosierter einsetzt. Aber sie denken wohl alle vier an die lange Nacht von Schotten. Wie die anderen gezweifelt haben an der Superfox, der Bultaco oder der kleinen MV. Und die müssen jetzt erstmal tief Luf holen, bevor der Streit weitergehen kann. Am liebsten in Schotten, nächstes Jahr, denn nirgends streitet’s sich schöner.

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