Schrauben für die Schule (Archivversion) Jahresarbeit 12. Klasse

Mit Vater fahren, Opa beim Schrauben zuschauen – ein Gespann hat die Kindheit von David geprägt. Als Schüler hat er es restauriert. Um zu lernen und sich zu erinnern.

Für David Comes, einen 17-jährigen Schüler aus dem Saarland, begann sein bisher wohl größtes Abenteuer Ende 2006, als in der Schule das Thema »Jahresarbeiten der 12. Klasse« zur Sprache kam. David besucht in Saarbrücken eine Waldorfschule, und die fordert von ihren Schülern in der zwölften Klasse die vertiefte Beschäftigung mit einem Thema ihrer Wahl, theoretisch wie praktisch.
David musste nicht lange überlegen: Seine Aufgabe ­sollte das Ural-Gespann seines Opas sein, das schon seit mehreren Jahren unter einer Pergola vor sich hin rottete. »An das Gespann habe ich so tolle Erinnerungen.« Beim Erzählen gerät er ins Schwärmen, wie schön das war, als Sechsjähriger im Seitenwagen zu sitzen und mit seinem Vater über Feld- und Waldwege zu fahren. »Dabei ist das Ural-Gespann ja eigentlich ein richtiges Familienerbstück, denn gehört hat es meinem Opa Josef.«
Josef war Schlossermeister. Der richtige Beruf, um eine Ural am Laufen zu halten. Unheimlich viel geschraubt und umgebaut hat er, erinnert sich David, und dass er immer »ganz cool drauf war« mit Sprüchen wie: »Nur daran, dass die Ural immer leiser wird, habe ich gemerkt, dass ich schlechter höre!« Fit war Opa Josef bis ins hohe Alter: Mit 90 Jahren hat er sein Gespann noch selbst gefahren. Bei jedem Wetter. Als er mit 92 Jahren starb, schien es auch mit der Ural ein Ende zu nehmen.
Da kam die Jahresarbeit der 12. Klasse Daniel eigentlich wie gerufen, wenn auch das Thema »Restaurierung eines Motorradgespanns« seine Betreuungslehrer etwas überraschte: »Schaffst du das überhaupt?« Denn ein wesentliches Grundprinzip der Jahresarbeit besteht darin, dass die Schüler wirklich alles selbst machen müssen. David war optimistisch, bis er das Gespann in der alten Wellblechgarage von Opa mal bei Licht betrachtete. Und sah, was es daran zu tun gab. Schließlich war ja vieles völlig neu für ihn, er hatte noch nie Rostnester entfernt oder Dichtungen ausgeschnitten. Dass nicht alles auf Anhieb klappen würde, war David klar und deshalb auch nicht weiter schlimm, kostete aber viel Zeit. Weil er kein Handbuch und auch sonst wenig Unterlagen besaß, war er auf die Ratschläge guter Freunde und Tipps aus dem Internet angewiesen. Eine wesentliche Erkenntnis dieser von Irrtümern und Fehlschlägen geprägten Such- und Findephase: noch genauer hinschauen, noch präziser recherchieren.
Sechs Monate hat David jede freie Minute in der Werkstatt verbracht. Dann war es endlich soweit: Nach einer halben Stunde Kicken gab der 650er-Ural-Motor die ersten Töne von sich. David sagt, da habe er dieses Glücksgefühl gespürt, diese Zufriedenheit, die nur kennt, wer selbst schraubt. »Das tat sooooo gut!« Aber fertig war er mit seinen Schularbeiten noch lange nicht.
Als größte Baustelle erwies sich der Rost im Beiwagen. Nur heftiges Schleifen bis tief ins Metall hinein konnte Abhilfe schaffen, was Davids Zeitplan komplett durcheinander brachte. Doch nachdem ein Spezialist die Zusammensetzung der Originalfarbe bestimmt hatte, durfte David sich auch noch als Lackierer betätigen. Dass er den Termin wirklich bis auf den letzten Drücker reizte, verdeutlicht die letzte Episode: Zum Lackieren musste eine Nachtschicht von Freitag auf Samstag eingelegt werden. Am Morgen danach wurde das noch nicht ganz trockene Gespann per Hänger zur Schule transportiert, wo die Vorstellung der Jahresarbeiten auf dem Programm stand. David war glücklich, und seine Lehrer waren das auch.
Hier findet Davids Geschichte lediglich ihr vorläufiges Ende: Denn es ist noch einiges zu tun am Gespann. Zurzeit ist David außerdem eifrig dabei, den Motorradführerschein zu machen, um seine Ural selbst auf der Straße fahren zu dürfen. Im Nachwort seines Berichts hat der Schüler geschrieben: »Die Arbeit an der Ural hat mir viel Freude bereitet und mir auch mehr Wissen über Motoren beigebracht. Außerdem hat sie mirgeholfen, mit dem Tod meines Großvaters fertig zu werden und mir die Erinnerung an ihn und die schönen Tage mit ihm und dem Ural-Gespann zu festigen.“

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