Schüler, Florian: Interview (Archivversion) Jugendfrei

Die Gnade der frühen Führerscheingeburt: Während in Frankreich oder Österreich Autofahrer nach ein paar Jahren auf ein Leichtkraftrad umsteigen dürfen, hält die Bundesregierung stur am Stichtag 1. April 1980 fest.

Simpelste Arithmetik läßt den deutschen Achtelliterritter mit der Lizenz zum Autofahren immer älter aussehen: 35 muß er heuer sein; mindestens, wenn er mit 18 den Dreier gemacht hat. Falls sich nichts ändert, liegt das Einstiegsalter in zehn Jahren bei 45. Irgendwann droht da Greisverkehr. Was die Verkehrsministerialen in Bonn gar nicht stört. »Da ist definitiv keine Änderung geplant«, betont Pressesprecher Volker Mattern. Und verweist auf die »Bestandssicherung«: Automobilisten, die vor dem 1. April 1980 ihren Schein erworden haben, durften schließlich auch schon 80er fahren. Die bekamen jetzt das Recht auf die paar Kubik mehr. Alle anderen sollen in die Röhre beziehungsweise weiterhin nur durch die Windschutzscheibe gucken. Derweil boomt der Markt: 160 000 Autofahrer haben sich in den anderthalb Jahren seit der Führerscheinnovellierung im Frühjahr 1996 ein Leichtkraftrad oder einen 125er Roller zugelegt. Weil’s Spaß macht, auf zwei Rädern unterwegs zu sein. Und weil’s sich rechnet. Als Benzin, Park- und Verkehrsfläche sparende Alternative zum Zweit- oder Drittwagen. Darüber, wie sicher die Automobilisten auf zwei Rädern unterwegs sind, liegen noch keine offiziellen Zahlen vor. Daß die Versicherungen bislang darauf verzichten, die Tarife anzuheben, ist allerdings Indiz dafür, daß die Quereinsteiger sich im Straßenverkehr vernünftig verhalten. Dennoch ist Deutschland, so klagt das Institut für Zweiradsicherheit, »das einziges Land der EU mit einer Einschlußregelung für den Pkw-Führerschein, der lediglich für Altführerscheine gilt«. Von 15 EU-Staaten haben zehn die neue Leichtkraftradregelung umgesetzt, von denen wiederum sechs den Autofahrern die Chance geben, ohne weitere Prüfung 125er zu fahren. In Großbritannien und Finnland können sie sofort aufs Krad, auch in Italien geht das subito, freilich nur solo: Soziusverbot. Die Franzosen dürfen’s nach zwei Jahren vierrädriger Fahrpraxis, Österreicher nach deren fünf. Unter der Voraussetzung, daß der Kandidat sechs Pflichtstunden auf dem Bike absolviert. »Ob in Fahrschulen oder bei einem Automobilclub, das steht noch nicht fest«, meint Ursula Zelenke vom ÖAMTC, dem österreichischen Pendant zum ADAC. Daß die Deutschen penibel an dem einmal festgelegten Stichtag festhalten wollen, versteht sie nie und nimmer.Darüber wundert sich sogar Florian Schüler von der Universität Heidelberg. Und der ist immerhin Unfallforscher von Beruf, also Vater der Porzellankiste. Schüler würde eine Flexibilisierung des Seiteneinstiegs begrüßen. Unter der Bedingung, daß die Automobilisten ihre Fähigkeiten auf zwei Rädern unter Beweis stellen. »Ein Autofahrer kennt zwar die Verkehrsregeln, nicht aber die Tücken und Eigenarten eines Zweirads.« Mag sein, daß die Unfallstatistik demnächst Schülers Forderungen widerlegt. Oder bestätigt. So oder so: Die zuständigen Politiker sollten schnellstens aufwachen. Sonst gerät nach dem Standort auch noch der Fahrort Deutschland in Gefahr.

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