Schwerer Trainingssturz (Archivversion) Alptraum für Alex

Am Donnerstag um genau 14.34 Uhr war die Weltmeisterschaft der Halbliterklasse entschieden: Herausforderer Alex Crivillé, im Kampf gegen Michael Doohan ohnehin schon zurückgefallen, verlor im ersten Qualifikationstraining bei Vollgas im fünften Gang mit 250 km/h die Kontrolle über seine Repsol-Honda. Bei dem Sturz verhedderte sich die linke Hand unter dem Motorrad und raspelte in Fahrtrichtung über den Asphalt. Schon beim Aufstehen waren die Reste des Handschuhs blutdurchtränkt; Crivillé drückte den linken Unterarm mit der rechten Hand ab, starrte voller Entsetzen auf seine Wunde und rannte sofort über die Straße zu den Streckenposten, um sich ins Streckenspital bringen zu lassen.Von dort wurde er umgehend in die Universitätsklinik nach Groningen gebracht und am gleichen Abend zwei Stunden lang operiert. Der erste Verdacht einer gerissenen Arterie bestätigte sich zum Glück nicht. Die Arterie war ebenso wie die unter dem Handgelenk entlanglaufenden Nerven und Sehnen beschädigt, aber noch so weit erhalten geblieben, daß bis auf die optimale Blutversorgung und das Feingefühl im Daumen keine späteren Bewegungseinschränkungen zu befürchten sind.Trotzdem sprach Grand Prix-Arzt Claudio Costa, der dem Handspezialisten Dr. Robinson Valkenburg bei der Operation assistierte, von »der schlimmsten Handverletzung, die ich je gesehen habe«. Von der Daumenspitze über den Handballen bis zum Puls waren Haut, Fleisch und Muskelgewebe bis auf den Knochen weggeschmirgelt, am Daumengelenk war sogar der Knochen selbst angeschliffen.Haut- und Gewebeübertragungen vom linken Bein sollten die erheblichen Substanzverluste ausgleichen. Doch die Verletzung war so kompliziert, daß Crivillé nach der Rückkehr nach Barcelona gleich noch einmal operiert wurde. Danach begann das Warten, wie gut das verpflanzte Gewebe anwachsen und wie heftig die unvermeidliche Infektion sein würde. Die Ärzte rechnen mit einer Rennpause von mindestens zwei Monaten, wobei Crivillé in seinem Schmerz ganz andere Sorgen hatte als ein baldiges Comeback und nur über die Rettung seiner Hand besorgt war.Der Unfall kam zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt für den jungen Spanier. Nach den Mißerfolgen der letzten Rennen hatte er öffentlich darüber spekuliert, ob Konkurrenten wie Tadayuki Okada vielleicht bei Honda bevorzugt würden, weil sein Motorrad aus mysteriösen Gründen nicht so gut lief wie gewohnt. Eine gründliche Analyse seines Motors bei Honda in Japan war ohne Befund geblieben; um sich weiteren Ärger zu ersparen, hatte das Werk die Crivillé-Maschine für das Assen-Rennen vollkommen neu aufgebaut.Auf seiner Lieblingsstrecke, wo er 1992 den ersten 500er GP-Sieg gefeiert hatte, wollte sich Crivillé unbedingt als Sieger profilieren und damit auch eine Trumpfkarte für seine Vertragsverhandlungen erobern. Von Honda zu einer frühzeitigen Erneuerung seines Vertrags gedrängt, zögerte Crivillé seine Unterschrift bewußt hinaus. Doch statt der erhofften Wende zum Guten ging alles schief.Daß solche Unfälle immer wieder in Assen passieren, von Mick Doohans Beinbruch 1992 über das zertrümmerte Handgelenk von Kevin Schwantz 1994 bis hin zu Daryl Beatties Schlüsselbeinbruch 1995, kann schon kein Zufall mehr sein. »Auch der Sturz von Alex war typisch für Assen. Der Fahrbahnbelag hat ein abgerundetes Profil wie eine Landstraße. Deshalb wird die Maschine gefährlich leicht, sowie du beim Beschleunigen über die Fahrbahnmitte hinausgerätst«, erklärte Mick Doohan. »Mit den 500ern vor zehn, 15 Jahren mag das noch in Ordnung gewesen sein, und mit einer BSA vor 30 Jahren war das vielleicht alles ganz wunderbar. Doch moderne 500er sind auf dieser Strecke völlig außer Kontrolle!“

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