Scottish Six Days Trial––––– (Archivversion) Der Hans im Glück–––––

Fünf Jahre fuhr der Schwabe Hans Greiner als Trial-Profi im WM-Zirkus mit. Aber das Tollste blieb ihm auch dort versagt: die Scottish Six Days. Zum 75. Jubiläum des berühmtesten, ältesten und irgendwie auch schwersten aller Trials ging sein Traum in Erfüllung.

Zwei Jahre lebte er in Spanien, trainierte mit den Weltmeistern Jordi Tarres und Marc Colomer sowie Europameister Joan Pons. Täglich und stundenlang: Hüpfen, einparken, ausbalancieren, Stufe um Stufe erklimmen. Immer ein paar Zentimeter höher. Einsachtzig aus dem Stand, ohne einen Fuß zu setzen. Kein Problem, weder für die spanische Weltspitze noch für das schwäbische Trial-Talent Hans Greiner. Akrobatik in Perfektion, doch Befriedigung brachte sie nicht: Wo blieb die Dynamik, die stetige Bewegung, die letztich den Motorsport ausmacht? Hans hatte die Trialerei so richtig satt.Doch ein Trial wollte er unbedingt noch versuchen. Deutschlands Altmeister Felix Krahnstöver hatte ihm von den Scottish Six Days vorgeschwärmt. Von endlosen Hochmoor-Passagen, in denen schon so manches Trial-Gerät versank, von bergumrahmten Lochs und sattgrünen Wäldern, von endlosen Schafherden und schrulligen Zuschauern, die das Treiben der Trial-Fahrer über sechs Tage und rund 600 Meilen begleiten. Und dann die ewig langen Bachsektionen: Pausenlos über und zwischen den glitschigen Kullersteinen balancieren und niemals (!) stehenbleiben. Denn in Schottland ist schon seit 1997 wieder Non-Stop-Trial angesagt. Wer anhält, auch ohne einen Fuß zu setzen, kriegt das Maximum aufgebrummt: Fünf!Ein Traum. Manchmal auch ein Albtraum. .. Mai 1997. Es regnet und hat maximal acht Grad. Plus immerhin. Heftige Windböen jagen durchs Fahrerlager in Fort William, und auf den Berggipfeln liegt Schnee. Hans kommt gerade von der technischen Abnahme zurück. Seine Fantic ist um ein paar Farbtupfer auf Rahmen und Motorblock reicher. Diese Teile dürfen nicht ausgetauscht werden. Wochenlang hat er das Motorrad vorbereitet, bis in die letzte Schraube zerlegt, alles überprüft und wieder sorgfältig zusammengesetzt. Wieviel Reifen wird er brauchen? Wie oft muß die Kette gewechselt werden? Hält die Kupplung über sechs Tage? Ist der filigrane Alu-Rahmen der Langstrecken-Tortur gewachsen? Oder stirbt der Motor im Morast der Hochmoore gar den Hitzetod? Die Liste der Ersatzteile, die sich im Transporter stapeln, ist lang. Mit ihnen ließe sich gegebenenfalls jede Notoperation durchführen, um den Trialer am Laufen zu halten. Nur ein Regenschirm steht nicht auf der Liste.Montag, erster Fahrtag: Über 200 Fahrer absolvieren im Minutenabstand die morgendliche Startprüfung. Mit Startnummer 107 steckt Hans mittendrin. Ein paar Nummern hinter ihm starten die WM-Cracks Steve Colley und Graham Jarvis. An diesen Stars will er sich orientieren, genau schauen, wo es lang geht. Nach den Regenfällen der letzten Tage gleicht der Moorboden einem vollgesogenen Schwamm, doch Hans’ anfängliche Nervosität weicht schnell der Faszination dieser vor allem konditionellen Herausforderung. Volle Konzentration. Wo lauert ein Graben, wo ein Sumpfloch, wo steckt das kleine Fähnchen, das den richtigen Weg zur nächsten Sektion weist?Nach sieben Stunden Fahrzeit hat Hans weder Colley noch Jarvis getroffen, sich lieber auf sich selbst und sein Gespür verlassen. »Den ein oder anderen unnötigen Fuß habe ich schon gesetzt.« Er hofft für die Tageswertung auf einen Platz im ersten Drittel. Doch es kommt anders und ist mehr als nur ein Guiness wert: Hinter Größen wie Colley, Lampkin, Saunders, Braybrook und Jarvis erscheint Hans Greiner als Achter auf der Liste. Welch ein Gefühl!Dienstag: Während Sportbegeisterte in der örtlichen Tageszeitung noch über den unbekannten deutschen Trial-Fahrer lesen, erlebt Hans draußen im Moor sein Waterloo. Mitten in einer Sektion blockiert unter lautem Krachen das Getriebe. Stillstand! Bislang hat er an diesem Tag noch keinen Fuß gesetzt. Aber hier scheint nicht nur die Fünf sicher. Sollte jetzt schon alles vorbei sein? Wie ein Wunder kommt das Getriebe wieder frei, macht aber fürchterliche Geräusche. Vorsichtig schleppt er sich zur nächsten Zeitkontrolle, wo zum Glück der Transporter mit Ersatzteilen wartet.Jetzt heißt es Ärmel hochkrempeln. Viel Zeit bleibt nicht. Vielleicht eine Stunde, vielleicht auch zwei, wenn er bis zum Abend einen Teil der Zeit wieder reinholt. Und keiner darf ihm helfen. Der Motor muß raus. Dann wird das Getriebe geöffnet. Beim vierten Gangradpaar sind Zähne abgebrochen, die Teile werden getauscht, das Gehäuse wieder geschlossen. Hans schuftet fieberhaft und wie in Trance, vergißt alles um sich. Fertig. Zweimal kicken, die Karre läuft wieder. Hans fliegt für den Rest des Tages förmlich durchs Moor. Vergebens. Er bleibt knapp über der Karenzzeit von einer Stunde.Mittwoch: Am Morgen erhält Hans von der Jury dezent einen braunen Briefumschlag überreicht. Laut Regel 32.12 wird er wegen Zeitüberschreitung aus der Wertung genommen. Er darf aber just for fun, ohne gewertet zu werden, für den Rest der Veranstaltung weiterfahren. Hans ist glücklich, kämpft weiter, als sei nichts vorgefallen. »Who is that german guy?« fragen die Zuschauer verwundert, wenn er fast so gut wie Colley durch die Sektionen zirkelt. »Wer ist dieser deutsche Kerl?« Im Team wird fieberhaft gerechnet: Wenn das Getriebe gehalten hätte, dann..... Ja, dann wäre der Hans Greiner aus Rechberghausen Achter geworden. So gehen die ersten zehn Plätze ausschließlich an Engländer. Allen voran Steve Colley. Aber der Hans - und MOTORRAD - kommen wieder.

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