Sechs Stunden Nürburgring (Archivversion) French Connection

Mit einer perfekten Vorstellung dominierte das französische Guyot-Suzuki-Team das wiederauferstandene Langstrecken-WM-Rennen auf dem Nürburgring. Alles andere war weniger perfekt.

Sechs Stunden auf dem Nürburgring – die Langstrecken-Weltmeisterschaft kehrt nach 16 Jahren in die Eifel zurück. Nicht nur die beiden alten Helden Helmut Dähne und Michael Galinski, die schon 1985 bei der letzten Ausgabe des Ring-Klassikers, damals noch über acht Stunden, dabei waren, rechneten mit einem strahlenden Comeback. Mit 61 Fahrern war die deutsche Fraktion klar in der Mehrheit unter den 113 Startern.Aber am Ende blieb nur der wohlbekannte Eindruck, dass Motorradrennen und der Nürburgring einfach nicht zusammenfinden können. Die britische Langstrecken-WM-Promotionagentur Octagon sowie der lokale Veranstalter ADAC Nordrhein ließen dabei die Vermutung aufkommen, der ganze Event solle unter Geheimhaltung ablaufen.Kaum Werbe- und PR-Maßnahmen im Vorfeld, ein denkbar ungünstiger Termin in Konkurrenz mit dem Grand Prix in Assen und dann auch noch ein spärlichstes Rahmenprogramm für die Fans, obwohl das für jedes Langstreckenrennen unverzichtbar ist: Da darf sich niemand wundern, wenn beim Nordschleifen-Café-Racing am Brünnchen mehr Menschen anzutreffen sind als bei der WM auf der Grand-Prix-Strecke.Dazu kommt noch, dass auch das Regelwerk der Langstrecken-WM für niemanden so richtig nachzuvollziehen ist. Um die Weltmeisterschaft wird mit privat eingesetzten und meist schon recht betagten Superbikes auf den Plätzen sechs und weiter hinten gekämpft, während die Top-Teams mit ihren seriennahen 1000er-Maschinen in der WM-Tabelle nicht auftauchen und mit dem »Superproduction-Weltcup« abgespeist werden. »Das ist lächerlich. Alle starken Teams starten inzwischen in der Superproduction-Klasse, sogar das Suzuki-Werksteam«, beschwert sich der Franzsoe Christophe Guyot, langjähriger Fahrer und Teamchef eines der führenden Langstreckenteams. »Die WM ist dadurch nichts mehr wert. Das schadet uns allen muss schleunigst geändert werden.«Ab der Saison 2002 soll tatsächlich wieder die WM-Wertung auf der Basis der auch für die Fans nachvollziehbaren Gesamtrennergebnisse erfolgen. Hoffentlich ist das nicht zu spät, denn trotz all diesem Unbill zeigte das neue Sechs-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring durchaus Qualitäten im sportlichen Bereich. Guyot lieferte mit seinen Fahrerkollegen Sebastian Scarnato und Nicolas Dussauge ein perfekte Mannschaftsleistung, die fast zwangsläufig zum sicheren Sieg führte.Die französische Crew fuhr zwar auf ihrer Suzuki GSX-R 1000 nicht die allerschnellsten Runden, holte aber mit perfekter Boxenstopparbeit sowie ganz offensichtlich geringerem Benzinverbrauch und damit längerer Reichweite als die Konkurrenz die entscheidende Runde Vorsprung auf das zweitplatzierte französisch-österreichische Duo Bruno Bonhuil/Thomas Hinterreiter, ebenfalls auf GSX-R 1000. Die beiden waren schon im Training die Schnellsten und ebenso kurz vor Rennende nach einer Pacecar-Phase, als sich Hinterreiter in der letzten Runde noch am deutschen Superstock-Meister Claus Ehrenberger und dessen Schäfer-GSX-R 1000 auf Rang zwei vorbeipressen konnte.Allerdings mussten Bonhuil/Hinterreiter einmal mehr an die Box ihres Zongshen-Teams zum Tanken als die Franzosen. »Eigentlich hatten wir das Verbrauchsproblem durch eine kleine Veränderung am Drosselklappensensor der Benzineinspritzung im Griff. Aber nach dem noch am Sonntagmorgen im Warm up alles legal war, benachrichtigte uns die Rennleitung wenige Minuten vor dem Start, dass das fragliche Distanzstück ab sofort als Regelverstoß angesehen wird«, ärgerte Zongshen-Teamchef Peter Rubatto.Neben dem chinesischen Rennstall, das mit seinem Nummer-eins-Team Stephane Mertens und Warwick Nowland nach Problemen mit der Schaltung und einem leer gefahrenen Tank und der entsprechenden Schiebeaktion an die Box nur Fünfter wurde, mussten auch noch andere Crews kurzfristig ihre Rennmaschinen zurückbauen, unter anderem auch das Schäfer-Suzuki-Team mit den beiden deutschen Meistern Herbert Kaufmann und Claus Ehrenberger. Sieger Guyot hatte zu diesem Thema ebenfalls etwas beizutragen: »Wir hatten das Problem an unserer GSX-R 1000 natürlich auch, aber wir konnten es bei Testfahrten vor der Saison schon ohne ein Distanzstück lösen.«Verdienter Sieg also für das professionellste Team, während weit hinten in der Rangliste Ex-GP- und Superbike-Star Jochen Schmid just for fun eine Wellbrock-Honda VTR 1000 SP-1 ohne jegliche Langstreckenanpassung mit Rundenzeiten wie die Spitzenfahrer durchs Feld hetzte, nur um die Zeit bei improvisierten Boxenstopps wieder zu verlieren.Was blieb, war Rang 23 und genug Spaß, um vielleicht nächstes Jahr wieder zu kommen, genau wie die leider früh ausgefallenen Altmeister Dähne und Galinski. Vorausgesetzt natürlich, dass die gesamte Veranstaltung ihre zahlreichen Kinderkrankheiten überlebt.

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