Serie "Professor Spiegels Fahrtipps“ (Archivversion) Auf die Bremse

Teil 1:
Üben bringt«s! Vor allem zum Saisonstart. Die über die Winterzeit etwas eingefrorenen Bewegungsabläufe müssen wieder flüssig und geschmeidig werden. Los geht«s mit Bremsübungen.

Beim Start in die neue Saison sollten wir alle miteinander akzeptieren, dass wir den Winter über etwas aus der Übung gekommen sind, der eine mehr, der andere weniger. Das sind die Übungsverluste, wie sie in jeder Trainingspause eintreten. Die größten Fertigkeitsverluste sind bekanntlich beim Wiedereinsteiger zu beobachten, der zehn oder 20 Jahre pausiert hat, das leuchtet jedem ein. Haben wir nur drei oder vier Monate unterbrochen, beispielsweise eben in der Winterpause, so sind die Fertigkeitsverluste natürlich geringer, beim noch wenig Erfahrenen allerdings größer als beim Routinier. Vorhanden aber sind sie auf jeden Fall, sogar beim Ganzjahresfahrer, der eben gewisse Dinge in der kalten Jahreszeit nicht oder nur beschränkt üben konnte. Ja, man will es kaum glauben, selbst in der Rennerei, wenn sich ein Fahrer wundert, dass er am nächsten Tag nicht sofort wieder an seine vorangegangenen Rundenzeiten anknüpfen kann, liegt im Prinzip das Gleiche vor, nämlich bereits der allererste Beginn eines Fertigkeitsverlusts.

Wichtig ist: Diese Fertigkeitsverluste gehen schleichend vor sich; das heißt, der Abbau geht langsam vonstatten, und vor allem merkt man nicht, was man an Fertigkeiten verloren hat.

Ein Fahrer in diesem Zustand ist an einem strahlenden, warmen Tag allzu leicht versucht, an seinem alten Trainingsstand vom vergangenen Herbst anzu-schließen, während er beim üblichen ungemütlichen und kalten Vorfrühlingswetter erheblich verhaltener an die Sache herangeht.

In der hier beginnenden Frühjahrsserie sollen Übungen vorgeschlagen und Tipps gegeben werden, wie man möglichst rasch wieder auf sein altes Niveau kommt. Zugleich soll man ein gewisses Gefühl dafür bekommen, woran es im Augenblick noch fehlt – das schützt vor Übermut!

Als erste Übung empfehlen sich einige Bremsversuche, und zwar gleich nach dem Losfahren, sobald man eine genügend verkehrsarme Straße erreicht hat. Die Übung besteht ganz einfach darin, bei verschiedenen Ausgangsgeschwindigkeiten zwischen etwa 30 und 50 km/h das Vorderrad mehrmals hintereinander (etwa alle ein bis zwei Sekunden und natürlich mit gezogener Kupplung!) kurz und kräftig anzubremsen, bis man schließlich Schrittgeschwindigkeit erreicht hat. »Kurz« ist wirklich ernst gemeint: nur einen kurzen Bremsstoß mit steilem Druckanstieg! Aber auch das »kräftig« bitte beachten: Es wird so kräftig gebremst, dass es zu einem deutlichen und von Mal zu Mal tie­feren Eintauchen der Vorderradgabel kommt. Die Übung ist völlig ungefährlich. Selbst wenn es zu einem Überbremsen kommen sollte, läuft wegen der nur ganz kurzen Bremsbetätigung das blockierende Vorderrad sofort wieder an, bevor noch Unheil geschehen kann.

Diese wirklich einfache Übung hat es in sich! Sie hilft uns in gleich vier wichtigen Punkten weiter:

Man hat tatsächlich schon nach wenigen Bremsungen wieder drauf, welch erhebliche Verzögerungen möglich sind.
Man eicht seine Handgelenke wieder als wichtige »Sensoren« für den Grad der Verzögerung.
Man wird mit der Lage des Druckpunkts der Vorderradbremse und ihrer Charakteristik wieder vertraut.
Und vielleicht das Wichtigste: Man übt erneut ein, bei einer Vollbremsung den Bremsdruck ganz rasch aufzu-bauen, was für den Ernstfall überaus wichtig ist.
Der Zeitbedarf ist minimal (man fährt die Strecke ja ohnehin), die Ausrede »keine Zeit« zählt also nicht, und wer schlau ist, macht sich deshalb diese paar Bremsstöße gleich nach der Abfahrt sogar zur festen Gewohnheit.

Am Rande bemerkt: Dieses kurze, scharfe Anbremsen ist übrigens ein probates Mittel, um sich bei beginnendem Regen rasch auf die veränderten Bedingungen einzustellen, geht es doch auch hier darum, eine Tätigkeit, die längere Zeit nicht geübt worden ist, nämlich das Fahren bei Nässe, schnell wieder auf das alte Fertigkeitsniveau anzuheben. Nachdem man sich so ein wenig eingebremst hat, kann man in einer zweiten Übung einen Selbsttest durchführen, der einem Auskunft darüber gibt, wie es um die eigene Bremserei bestellt ist: Auf einer verkehrsarmen Straße – schön eben, mit gutem Belag – wird nach einem Blick in den Rückspiegel aus 100 km/h abgebremst bis zum Stillstand. Das braucht nicht gleich eine Vollbremsung zu sein, sollte dann aber von Mal zu Mal gesteigert werden.

Dabei interessiert uns, wie viele Sekunden es dauert, bis wir stehen. Das »messen« wir, ganz grob über den Daumen, durch einfaches halblautes Mitzählen: ein-und-zwan-zig-zwei-und-zwan-zig-drei-und-zwan-zig usw. Das ist für unsere Zwecke genau genug! (Fühlt man sich beim Zählen unsicher, so kann man zu Hause auf diese Weise zehn Sekunden abzählen und mit dem Sekundenzeiger oder einer Stoppuhr das Zähltempo kontrollieren.)

Wer nicht viel länger als drei Sekunden braucht, gehört zu den Könnern, er bremst schon nah an der Grenze dessen, was technisch möglich ist. Wer vier Sekunden benötigt, ist noch zu den ordentlichen Bremsern zu zählen (er sollte sich aber nicht zu viel darauf einbilden, dass er »nur eine Sekunde schlechter als die besten« war, hat er doch immerhin ein Drittel länger gebraucht!). Bei wem fünf Sekunden bis zum Stillstand verstreichen, der sollte in sich gehen und beschließen, ab sofort dem Bremsen mehr Beachtung zu schenken. Und bei sechs Sekunden und mehr: Schleunigst zur Nachschulung; zum Beispiel sich gleich zu einem ADAC-Sicherheitstraining oder einem Training des MOTORRAD action team anmelden und bis dahin – versprochen? – mit großen Sicherheitsreserven fahren.

Bei einem schlechten Ergebnis in diesem Selbsttest kann man in den meisten Fällen davon ausgehen, dass man früher schon einmal besser gebremst hat, das Fertigkeitsniveau aber mangels Übung allmählich abgesunken ist, denn Vollbremsungen werden einem im Alltag ja nur selten abverlangt. Man kann es sich deshalb ohne besonderes Risiko leisten, den Bremseneinsatz von Mal zu Mal ein wenig zu steigern und kann dabei sicher sein, dass man noch Spielraum hat.

Trotzdem: Immer auf der Hut sein, und sobald das Vorderrad blockiert, wirklich augenblicklich die Bremse lösen.

Nächste Folge: »Weiterüben!“

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