Sicher ohne Bitumen (Archivversion)

Es werde Licht

Bitumen heißt auf gut Deutsch Pech, und davon hatten Motorradfahrer eine ganze Menge, wenn sie mit dem Zeug in Kontakt kamen. Doch die Chancen, nicht mehr schwarz sehen zu müssen, stiegen dieses Jahr. Eine Bilanz.

Der Fall Scheffler. Dieses Gefühl der Enttäuschung, in zehn Minuten einfach abserviert zu werden. Diese Ohnmacht, vor Richtern zu stehen, die Recht sprechen, wie ein Bäcker Brötchen backt. Diese peinvolle Erfahrung, erkennen zu müssen, dass Argumente, ja mehr noch, dass Tatsachen schlicht ignoriert werden. Das alles kann einen Mann, der nicht nur um sein Recht, sondern letztlich um die Ehre seines verstorbenen Sohns kämpft, in tiefste Verzweiflung treiben. Wie geht’s weiter? Soll ich resignieren, aufgeben? Um den Preis, dann nachts noch weniger zu schlafen. Im Bewusstsein, nicht alles probiert, nicht alles riskiert zu haben? Oder habe ich den Mut, finde ich die Kraft, mich nach sechs Jahren nervenaufreibender Auseinandersetzungen auf eine neue Runde einzulassen? Eine Runde mit ungewissem Ausgang. Auf jeden Fall aber mit noch mehr Stress, noch mehr Aufregungen. In solchen dramatischen, solchen existentiellen Lebenssituationen tut es verdammt gut zu wissen, dass man nicht allein gelassen wird. Dass man die Last, wozu auch die finanzielle gehört, nicht nur auf seinen eigenen Schultern trägt. Die Leser von MOTORRAD halfen Gerhard Scheffler. Mit ihren Spenden - über 70 000 Mark. Doch mindestens genauso wichtig ist ihm jeder ermutigende Brief. Sie tut verdammt gut, die Solidarität. Scheffler geht in die zweite Instanz. Er will wissen, ob es rechtens ist, dass eine Straße definitiv glatter sein darf, als es die Vorschriften erlauben. Ob die Polizei Meldungen über Beinaheunfälle einfach verschludern darf. Dass das so gewesen sei mit all der Nachlässigkeit und Schlamperei, zweifelte selbst das Landgericht Koblenz nicht an - und sprach dennoch die Behörden von einer Schuld am tödlichen Unfall des Joachim Scheffler frei. Weil »das Anspritz- und Absplittverfahren«, so ist in der Urteilsbegründung zu lesen, »ein seit langen zugelassenes und übliches Verfahren« sei.Das Gutachten. Vor Gericht sollten nur die Paragraphen zählen, nicht der »gesunde Menschenverstand«. Und manchmal, wenn die Volksseele überkocht nach spektakulären Verbrechen, ist das auch gut so. Deshalb engagierte MOTORRAD einen ausgewiesenen Fachmann für Verwaltungsrecht, den Tübinger Professor Dr. Michael Ronellenfitsch, der ein Gutachten für den Fall Scheffler ausarbeitete, um die Chancen für eine Berufung zu taxieren und obendrein Fragen der haftungsrechtlichen Verantwortung des Staates für den Zustand öffentlicher Straßen zu beantworten. Stur juristisch gesehen, so Ronellenfitsch, gehe die stumpfe Sanktionierung der Bitumenschmiererei in Ordnung, da sich die Erkenntnis noch nicht durchgesetzt habe, dass dieses Verfahren zur Erfüllung »der öffentlich rechtlichen Unterhaltspflichten« nicht mehr ausreiche. Im Unterschied zum Normalbürger scheint das Prinzip »Unwissenheit schützt vor Strafe nicht« für Staatsdiener außer Kraft gesetzt. Nur wenn »eine Häufung von Vorfällen auf die besondere Gefährlichkeit eines Straßenabschnitts deutet, müsse der Verkehrssicherungspflichtige auf längere Sicht den baulichen Zustand der Straßen ändern. So könnte ein Zwang entstehen, künftig vom Anspritz- und Absplittverfahren Abstand zu nehmen«. Doch auf solche »Vorfälle« müssen die Behörden explizit hingewiesen werden. Weil es einen geben muss, der sich die Mühe macht, diese Informationen zu sammeln, installierte MOTORRAD die Bitumen-Datenbank und faxte die von den Lesern gelieferten Meldungen an die zuständigen Ministerien weiter.Die Datenbank. Was die Motorradfahrer den hiesigen Straßenbauern ins Stammbuch geschrieben haben, trägt nicht gerade dazu bei, das Hohelied der »Deutschen Wertarbeit« anzustimmen. Sicher, die Aufgabe bestand nicht darin, den allgemeinen Zustand der deutschen Straßen zu bewerten, sondern darin, spezielle Gefahrenstellen, verursacht durch unsachgemäßen Bitumenauftrag, zu protokollieren. Aber was diese 450 Protokolle im Detail offenbaren, das liest sich über weite Strecken wie eine Anleitung, den Motorradfahrern den Spaß zu verderben.Der Versuchung, die Meldebögen zum Frustabbau zu nutzen – so verständlich das gewesen wäre –, konnten alle Biker widerstehen. Stattdessen haben sie die wirklich kritischen Punkte penibel seziert. Als da wären: Bitumenauftrag in Kurven. Dieser Alptraum jedes Bikers führt die Rangliste der gemeldeten Gefahrensituationen an: 348 Hinweise darauf machen immerhin 77 Prozent der insgesamt abgegebenen Meldungen aus.Großflächigen Bitumenauftrag haben 274 Befragte protokolliert, das sind satte 60 Prozent. Die besonders gefürchtete Kombination aus großflächigem Auftrag in Kurven taucht 206mal auf, macht 46 Prozent.Bitumen in Spurrillen wurde 151mal gemeldet, das ergibt 34 Prozent.Dabei haben es die Straßenbauer aber nicht belassen. Mit schier unerschöpflichem Erfindungsreichtum haben sie sich bemüht, den Gefahrengrad zusätzlich zu erhöhen. Das sind die Tricks:Kein Hinweis auf die Gefahrenstelle. In 367 Fällen, also 82 Prozent, haben die Motorradfahrer vergebens nach einem Warnschild Ausschau gehalten.Unsichtbare oder zu spät sichtbare Gefahrenstellen. »Teilweise sehr schlecht erkennbar, da Waldstücke im Schatten.« Oft keine Ausweichmöglichkeit. »Großflächige Bitumenmalerei in zuziehender Kurve ohne Ausweichmöglichkeit.«Rutschige Bitumenflächen genau an den Stellen, wo Motorradfahrer beschleunigen oder bremsen müssen. Besonders gefährlich, und von sehr vielen beschrieben, an Autobahnauf- oder -abfahrten. »Sehr umfangreiche Bitumenflickereien im Verzögerungsbereich.« Bitumen auf der Ideallinie von Kurven. »Ideallinie der Bergstrecke, exakt im Beschleunigungsteil der Kurvenausfahrt.«Beobachten konnten viele Motorradfahrer auch die Hartnäckigkeit der Straßenbauer -»Diese Straße wird seit 30 Jahren nur geflickt« - sowie schlichte handwerkliche Schlamperei: »Bitumen mit dicken Wülsten...« Dass bei solchen Fehlleistungen die Unfälle nicht ausbleiben, ist traurige Realität. »An dem Tag stürzten hier vier Maschinen im Geschwindigkeitsbereich zwischen 30 und 70 km/h«, gibt ein Beobachter zu Protokoll – einer von insgesamt 34, die einen Unfall melden, was immerhin acht Prozent aller Schadensmeldungen ausmacht. Noch größer ist mit 117 und damit 27 Prozent die Zahl derer, die einen Beinaheunfall mitteilen. Kein Wunder, wo schon bei niedrigen Geschwindigkeiten die Fahrbahn zur Rutschbahn wird: »Bereits bei moderatem Tempo rutschte mein Motorrad über das Vorderrad.« – »Extrem rutschig schon bei 30 km/h.« Angesichts solcher Beobachtungen dürfte es zunehmend schwerer fallen, das Bitumenproblem noch immer rundweg abzustreiten oder zu bagatellisieren. Und auch die windige Formel: »Ein Motorradfahrer, der stürzt, ist zu schnell gefahren« wird angesichts der vorliegenden Protokolle bei Gerichtsverhandlungen nur noch schwer zur Wahrheitsfindung heranzuziehen sein. Die wirklichen Probleme sind von den Betroffenen im Detail beschrieben, genau lokalisiert und jederzeit in der Online-Datenbank von MOTORRAD abrufbar (www.motorradonline.de/Bitumen/bitumen.htm). Weil die Datenbank ihren Hauptzweck, die Dokumentation und in ihrer Folge die Sensibilisierung und Schaffung eines Problembewusstseins, zu einem Teil erreicht hat, setzt die Redaktion diese Aktion über den Winter aus und entscheidet im Frühjahr, wie sinnvoll es ist, diese aufwendige und kostenintensive Initiative weiter zu führen.Die Reaktionen. In einem Rundschreiben hat das Bayerische Innenministerium seine Dienststellen, darauf hingewiesen, »dass derzeit von der Zeitschrift MOTORRAD bundesweit Meldungen von Motorradfahrern über Gefahrenstellen im Straßennetz gesammelt werden«. Heißt im Klartext: Schaut in die Datenbank, und wenn euer Bereich genannt wird, tut gefälligst was. Die Praktiker vor Ort, zumal wenn sie selbst Motorrad fahren, begrüßen die Aktion »Sicher ohne Bitumen«. »Wir wissen, was Sache ist, die Theoretiker in den höheren Büroetagen schlafen dagegen weiterhin den Schlaf der gar nicht Gerechten«, meint ein Straßenmeister aus Nordrhein-Westfalen. Entsprechend fielen dann auch manche Reaktionen der Ministerien aus. Sie schrieben MOTORRAD, dass das Anspritz- und Absplittverfahren bewährt, prima, klasse und überhaupt ohne Alternativen sei, und bekamen entsprechende Post retour. Dass diese Aktion nämlich das Ziel habe, genau diese Auffassung in Frage zu stellen. Zumal es, anders als sie behaupteten, durchaus Alternativen gibt.Die Alternativen. Nach einem Antrag des SPD-Abgeordneten Ludwig Wörner errichtete der Freistaat Bayern eine Versuchsstrecke, wo die in MOTORRAD 14/1999 vorgestellten alternativen Reparaturmethoden ausprobiert wurden (siehe Interview oben). Momentan läuft die Auswertung. Ein Verfahren, das Ausbessern mit einer Maschine namens C.A.R-Surfacer, scheint sich hervorragend bewährt zu haben. Allerdings zirkulieren im Innenministerium noch völlig wirre Zahlen. Zehnmal teurer soll diese Art des Asphaltierens sein. Bauunternehmer, die bereits mit dem C.A.R.-Surfacer, arbeiten, schütteln die Köpfe: »Kostet zirka genau so viel wie die Anspritz- und Absplitterei.« MOTORRAD liegen Informationen vor, wonach die horrenden Bilanzen darauf zurückzuführen sind, dass die Behörde die Strecke während der Bauarbeiten von Polizisten absichern ließ. Und diese Dienste dann intern verrechnete. Sobald konkrete Ergebnisse vorliegen, wird MOTORRAD Experten zu einem Gespräch über Perspektiven der Straßenreparatur laden.
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Bitumen: Bilanz und Resümee (Archivversion)

Ludwig Wörner, SPD-Abgeordneter im Bayerischen Landtag, initiierte eine Versuchsstrecke in Franken
Wie schätzen Sie die Reaktionen auf Ihren Antrag ein, alternative Reparaturmethoden auszuprobieren?Sehr positiv. Das Innenministerium des Freistaats Bayern hat schnell reagiert und eine Versuchsstrecke in der Fränkischen Schweiz eingerichtet. Gibt es schon Reaktionen?Momentan wird ausgewertet. Aber da geistern noch verrückte Zahlen über die Kosten des Verfahrens mit dem C.A.R.-Surfacer durch die Amtsstuben. Deshalb werden wir genau nachfragen müssen, wie die sich zusammensetzen und ob tatsächlich die Aufwendungen für die Absicherung der Baustelle durch die Polizei in die Kalkulation miteingeflossen sind.Was hat sich in Bayern in Sachen Bitumen getan?Ganz wichtig ist, dass sich ein Problembewusstsein gebildet hat. Das Innenministerium hat in einem Rundschreiben auf die Problematik des Anspritz- und Absplittverfahrens hingewiesen und die Dienststellenleiter aufgefordert, in der Datenbank von MOTORRAD nachzusehen, ob in ihrem Bereich eine Gefahrenstelle gemeldet wurde.Und was tut sich bundesweit?Da gibt’s noch eine Menge Arbeit. Aber die gehen wir an, und das guten Mutes. Wir stehen in regem Kontakt zu unserer Bundestagsfraktion, in der es ja auch einige Motorradfahrer gibt, darunter auch Dr. Peter Struck, der Fraktionsvorsitzende, der sich sehr für unsere Belange engagiert.

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