Sicher ohne Bitumen (Archivversion) Befleckte Empfängnis

Auf einer Staatsstraße in der Fränkischen Schweiz probiert der Freistaat Bayern Alternativen zur Bitumenflickerei aus. MOTORRAD testete die Beläge und stellte dabei fest, dass die Politik für rutschfeste Flecken empfänglich ist.

Aufmerksame Leser wünscht sich jedes Blatt. Solche wie Ludwig Wörner eben - jener nette Herr mit dem respektablen Schnauzer auf dem Foto oben. Der studierte eine MOTORRAD-Geschichte über die Straßenreparatur der etwas anderen, weil verkehrssicheren Art (Heft 14/1999) und dachte sich, da unternehm’ ich was. Gut traf’s sich, dass Wörner nicht nur Motorradfahrer aus Überzeugung, sondern auch Abgeordneter im Bayerischen Landtag ist. Stellte also einen Antrag auf Einrichtung einer Versuchsstrecke, und der wurde - Wunder gibt es immer wieder - subito akzeptiert. Test auf der Staatsstraße 2185 zwischen Oberailsfeld und Kirchahorn in der Fränkischen Schweiz, einem Motorradfahrerparadies. Staatssekretär Hermann Regensburger, der das Pilotprojekt befürwortete, sei, so die Legende, die im Bayerischen Landtag kursiert, für dieses Thema noch empfänglicher, seit er im Urlaub einmal abschmierte – bituminös auf geliehenem Roller. Am 27. Juli sprang der CSU-Mann sogar über seinen Schatten, setzte sich unter ein SPD-Transparent – die Landtagsfraktion hatte zur Pressekonferenz geladen. »Das ist mir in meiner 30-jährigen politischen Karriere noch nie passiert.« Schauplatz dieses denkwürdigen Ereignisses: der Bikertreff Kathi-Bräu in Aufseß-Heckenhof. Zeugen dieser politischen Sensation: zwei TV-Teams, Hörfunkler von Bayern 3, acht Lokalreporter, Korrespondenten von Süddeutscher Zeitung und dpa. Und die registrierten eine für bayerische Verhältnisse fabulöse große Koalition. »Ich habe mit allen Motorradfahrern im Landtag gesprochen«, sagte Wörner, SPD, »egal, welcher Partei sie angehören, und einhelliger Tenor war: Da müssen wir zusammenarbeiten.« Regensburger, CSU, sah die Sache genauso pragmatisch: »Wenn die alternativen Reparaturmethoden sich bewähren, werden wir sie auch anwenden.« Im November 2000 wurden aufgebrochene Risse mit StoFlex, einer porösen wasserlöslichen Gussmasse, verfugt und großflächigere Schadstellen mit dem C.A.R.-Surfacer repariert. Diese Maschine erhitzt den Asphalt auf 140 Grad und soll eine homogene Straßenoberfläche mit Reibwerten, vergleichbar dem übrigen Belag, schaffen. Laut Reinhard Pirner vom Straßenbauamt Bayreuth koste die StoFlex-Methode das Doppelte und die mit dem C.A.R.-Surfacer sogar das Zehnfache des für Motorradfahrer so gefährlichen Anspritz- und Absplittverfahrens. Obwohl selbst die letzte Zahl Staatssekretär Regensburger nicht sonderlich zu schocken schien, sei zur Beruhigung knausriger Ministerialer verraten, wie die Behörde auf die hohen Beträge kam: Die sicherte die Straße während der Reparatur mit Beamten ab, und die ließen sich diesen Service natürlich gut bezahlen. Denselben Dienst tun auch Warnschilder oder Absperrungen, und dann rechnet sich der C.A.R.-Surfacer allemal. Meint zumindest der Straßenbauunternehmer Andreas Konrad aus dem fränkischen Lauda-Königshofen. »Ich kann dieses Gerät auch im Winter einsetzen und brauche nur einen Arbeiter, um es zu bedienen.« Zusammen mit den SPD-Abgeordneten Ludwig Wörner, Harald Güller und Dr. Christoph Rabenstein nahmen MOTORRAD-Redakteur Hanns-Martin Fraas und ACTION TEAM-Instruktorin Regine Lutz die Versuchsstrecke unter die Räder. Doch als Regine in die Vollen griff, wurde die Ordnungsmacht aktiv: »Keine Testfahrten auf der Strecke, hierzu liegt keine Genehmigung vor.« Sagte es entschieden und verschwand klugerweise umgehend. Weitere Fahrversuche zeigten, dass die hier, auf der einzigen Teststrecke in Deutschland angewendeten alternativen Methoden tatsächlich viel mehr Grip bieten als die sonst übliche Kleckserei. Während das Bitumen sich an diesem Hundstag verflüssigte, blieben StoFlex und C.A.R.-Surfacer-Asphalt von entschieden fester Konsistenz. Wissenschaftlich begleitet die Bundesanstalt für das Straßenwesen dieses Experiment. Im November wird ausgewertet. Und dann entschieden. Die Chancen, dass danach ein Erlass das Bayerische Staatsministerium des Inneren verlässt, wonach in Zukunft vom »Anspritz- und Absplittverfahren« Abstand zu nehmen sei, stehen nicht schlecht. Wäre auch höchste Zeit, dass eine Methode gekippt wird, die Motorradfahrer gefährdet, für die Ämter aber als »bewährt und üblich« gilt. Wenn nur ein Bundesland konkrete Schritte einleitet, können die anderen 15 sich nicht länger in Ignoranz üben. Doch bis dahin – die Mühlen der Politik mahlen manchmal äußerst langsam – empfiehlt es sich, die Bitumen-Datenbank von MOTORRAD genauestens zu studieren. Meint Staatssekretär Regensburger und legt den alltäglichen Klick auf www.motorrad-online.de auch seinen Amtsleitern ans Herz. Damit die schnell reagieren, wenn in ihrem Bereich eine Gefahrenstelle gemeldet wird. Und ein Problembewusstsein für die Interessen und Bedürfnise der Motorradfahrer entwickeln. Bis 30. September, dem Ende der Saison, führt MOTORRAD diese aufwendige Aktion weiter. Also heißt’s, jetzt noch mal richtig Gas geben, noch mehr dieser lebensgefährlichen Flickstellen melden. Vor allem die großflächigen. Denn die geben Motorradfahrern kein Pardon.

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