Sicher ohne Bitumen (Archivversion) Es geht voran

Meldebogen flattern in Ministerien. Und die reagieren. Mal mit Verständnis, mal mit Ignoranz. Und manche diskutieren über Alternativen. Mit Motorradfahrern. Am 27. Juli bei Kathi Bräu.

Die Straßenverkehrsbehörde gab Klingelzeichen, stand zu nachfeierabendlicher Zeit vor der Haustür von Harald Nietzel. »Der Beamte erkundigte sich nach dem genauen Ort der von mir gemeldeten Bitumenschmiererei auf der Ausfahrt Elstal der B5 von Berlin nach Nauen.« Schnelle Reaktion in Brandenburg. Am 22. Juni erreichte MOTORRAD ein weiterer Fragebogen aus diesem Bundesland: »B 101 zwischen Luckenwalde und Jüterborg, Bitumenbänder auf Straßenmitte in beiden Richtungen.« Was der Einsender noch nicht wusste: Zuvor war auf dem von ihm benannten Streckenabschnitt ein Motorradfahrer schwer gestürzt. »Soweit die ersten Mitteilungen der Polizei ergaben«, schrieb das »Jüterboger Echo«, »geriet der Fahrer insbesondere aufgrund der widrigen Fahrbahnverhältnisse ins Schleudern und prallte gegen einen Baum.« Wäre die Meldung nur ein, zwei Tage früher eingegangen und hätten die zuständigen Ämter sofort reagiert, wär’s vielleicht gar nicht zu dem Unfall gekommen. Auf jeden Fall aber hätte der Biker bessere Chancen, Schmerzensgeld und Schadenersatz einzuklagen. Weil die Behörde dann schwerlich argumentieren könnte, sie habe diese Gefahrenstelle nicht gekannt. Und genau darin besteht der Sinn der Bitumen-Datenbank von MOTORRAD (siehe Kasten). Die natürlich niemals eine Auflistung aller riskanten Flickstellen des bundesrepublikanischen Straßennetzes bieten kann. Das käme, angesichts des desolaten Zustands der meisten Asphaltdecken, einer sinnlosen Sissyphos-Arbeit gleich. Ohne zynisch zu werden: Diese Datenbank nutzt zunächst einmal den Gestürzten. So sie denn klagen. Sie ist eine Solidaritätsaktion von Motorradfahrern für Motorradfahrer. Und sie soll Druck ausüben. Druck auf die politisch und straßenbautechnisch Verantwortlichen, endlich Alternativen zum »Anspritz- und Absplittverfahren« auszuprobieren. Die existieren (MOTORRAD 14/1999), auch wenn sich das noch nicht bis in jedes Ministerium herumgesprochen hat. »Sie wenden sich gegen zwei unseres Erachtens bewährte, dem Stand der Technik entsprechende Verfahren«, antwortete das Ministerium für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg auf ein Schreiben des MOTORRAD-Chefredakteurs Michael Pfeiffer. »Langjährig erprobt, im In- und Ausland angewendet«, preist Nordrhein-Westfalens Landesregierung die Bitumenflickerei und bügelt die parlamentarische Anfrage zweier SPD-Abgeordneter ab. Sophistisch spintisierend beweisen die Hessen ihre Ignoranz: »Es handelt sich bei den zu meldenden Stellen nicht - wie Sie es bezeichnen - um Straßenschäden, sondern um Bereiche, an denen gerade solche Schadstellen aus Verkehrssicherheitsgründen beseitigt wurden.« Keine Chance also gegen solche Beton-, besser Bitumenköpfe etwas auszurichten? Doch! Auch wenn’s ein langer Weg sein wird. Und auf dem geht’s voran. Die Datenbank liefert Material, schreibt der Tübinger Rechtswissenschaftler Professor Dr. Michael Ronellenfitsch in einem Gutachten für MOTORRAD, das unsinnige Festhalten an der Bitumenflickerei zu knacken. Indem in Einzelfällen die Unzulänglichkeit dieses Verfahrens vor Gericht nachgewiesen wird. Mit einem Griff in ihren Geldbeutel sind die Behörden bekanntermaßen am schnellsten zu überzeugen. Falls solche Einzelfälle sich häufen, kann von der Rechtssprechung Druck auf die Straßenbauer ausgehen, »vom Anspritz- und Absplittverfahren Abstand zu nehmen«, so Ronellenfitsch. Jeder Meldebogen mehr erhöht diese Aussichten ein kleines bisschen. Einer vielleicht das entscheidende bisschen. Aber es gibt auch Politiker, die sich bewegen. »Besonders begrüße ich Ihre Meldebogenaktion zu Bitumen-Gefahrenstellen auf unseren Straßen. Hierdurch könnten zielgerichtete Hinweise auf Gefahrenstellen erfolgen und so eine zeitnahe Abhilfe möglich werden«, lobt der Vorsitzende des Arbeitskreises »Verkehr« in Nordrhein-Westfalen, der Landtagsabgeordnete Gerd Wirth, das Engagement der MOTORRAD-Leser. Das zahlt sich aus. Mitunter unmittelbar. Beim Landesbetrieb Straßenbau in Münster gab ein Meldebogen über Schäden auf der L xxx bei Siegen die Initialzündung zum Beschluss der Totalrenovierung der Straße. »Die Verträge mit dem Bauunternehmen sind unter Dach und Fach«, freut sich Teamleiter Heinrich Bergerbusch, selbst Motorradfahrer. Der seine Leute anweist, die knappen Gelder sinnvoll anzuwenden. »Gezielt eine Kurve mit einem neuen Belag zu versehen macht mehr Sinn und kostet auch nicht mehr, als über die gesamte Distanz zu kleckern. Dann bleibt’s auf der Geraden eben so, wie’s ist.« In Bayern hat der SPD-Abgeordnete Ludwig Wörner bereits durchgesetzt, dass eine Versuchsstrecke mit alternativen Baustoffen repariert wurde. Was die taugen, will der BMW K 1200-Pilot auf der Landstraße zwischen Oberailsfeld und Kirchahorn in der Fränkischen Schweiz jetzt selbst erfahren. Zusammen mit MOTORRAD, Kolleginnen und Kollegen aus dem Landtag und Hermann Regensburger, dem zuständigen Staatssekretär aus dem Innenministerium. Zum Biker-Treff Kathi Bräu ist’s von da aus nicht weit. Zur Diskussion mit den unmittelbar Betroffenen. Den Motorradfahrern, die hiermit alle eingeladen sind. Wenn es seine Gesundheit zulässt, wird Gerhard Scheffler, dessen Sohn auf Bitumen tödlich verunglückte, über den Stand des Berufungsverfahrens vor dem Oberlandesgericht Koblenz informieren. Am 27. Juli. Ab 15 Uhr. Bei Kathi Bräu in Heckenhof.

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