Sichere Motorradbeherrschung (Archivversion) Perfekt fahren mit MOTORRAD: Die Kunst, effektiv zu bremsen

Motorradfahrer leben sicherer, wenn sie gescheid bremsen können. Wie`s geht, zeigt Supersport-Racer Markus Barth.

»Bist du schon mal 200 km/h gefahren?« »Na klar.« »Hast du schon mal aus 100 km/h eine Vollbremsung gemacht?« »Spinnst du?« Typisches Gespräch zwischen Instruktor und Lehrgangsteilnehmer bei Motorrad-Trainings. Bremsen, ein unliebsames Thema selbst unter routinierten Fahrern. Die Vollbremsung kommt im Straßenverkehr zum Glück sehr selten vor. Aus diesem Grund muss man sie üben. Kurze Theorie: Beim Bremsen wird die Bewegungsenergie des fahrenden Motorrads durch Reibung in Wärme umgesetzt. Die Bewegungsenergie wächst quadratisch mit der Geschwindigkeit – doppelte Geschwindigkeit, vierfache Energie, viermal so langer Bremsweg. Die mögliche Verzögerung hängt neben der Leistungsfähigkeit der Bremse von den Reibungsverhältnissen zwischen Reifen und Fahrbahn ab. Grundsätzlich entspricht die übertragbare Bremskraft höchstens der Radlast. Auf trockener, griffiger Fahrbahn bei einem Reibwert von eins kann die Verzögerung theorethisch höchstens den Wert der Erdbeschleunigung erreichen, nämlich 9,81 m/sec2.Da der Reibwert wechselt - Fahrbahnmarkierungen, Nässe, Bitumen – und deutlich kleiner als eins sein kann, verringert sich die mögliche Bremsverzögerung, der Bremsweg wächst.In der Praxis zeigt uns Markus, wie´s geht. Er bremst die schwere Kawasaki ZX-12 R zusammen, dass die Gummis wimmern, die Gabel auf Block geht und Rauch vom Hinterrad aufsteigt. Wie geht das nun? Die Vorderbremse ist die wichtigste. Wegen der dynamischen Radlastverlagerung. Auf deutsch: Beim Bremsen verlagert sich das Fahrzeuggewicht nach vorn, während das Hinterrad entlastet wird. Also ist es entscheidend, sich auf die Vorderbremse zu konzentrieren. Die Radlast verschiebt sich um so stärker, je kürzer der Radstand und je höher der Schwerpunkt eines Motorrads ausfällt. Kurze Sportmaschinen neigen deswegen zum Abheben des Hinterrads mit Überschlaggefahr. Kommt bei Choppern eher nicht vor.Jeder sollte wie Markus lernen, mit der Vorderbremse optimal zu verzögern. Kupplung ziehen, schnell den Bremsdruck durch dosiertes Ziehen am Bremshebel aufbauen, versuchen, nicht zu überbremsen. Wobei eine kurze Überbremsung noch nicht zum Sturz führt, wenn man rechtzeitig löst. Das mal an einem stillen Plätzchen üben. Bremse kurz anreißen, bis es rutscht, schnell lösen. So verliert das Überbremsen allmählich seinen Schrecken. Danach üben, sich an den Blockierpunkt heranzutasten, ohne zu überbremsen. Lieber nur mit 60 Prozent des Möglichen bis zum Stillstand verzögern als mit 120 Prozent das Vorderrad blockieren. Die Hinterbremse spielt eine untergeordnete Rolle - bei Sportmotorrädern. Zu zweit oder auf einem Chopper mit ellenlangem Radstand und tiefem Schwerpunkt kann sie hingegen viel zum kurzen Bremsweg beitragen. Leider schafft es kein normaler Mensch, auch nicht mit noch so viel Übung, beide Bremsen zugleich perfekt zu dosieren, so dass die maximale Verzögerung erreicht wird. Schon gar nicht, wenn der Schreck dazu kommt. Deswegen lautet der Tipp: Vorn dosieren, hinten blockieren.Hier rückt zwangsläufig die ABS-Bremse ins Visier. Voll den Hebel ziehen und voll aufs Pedal treten, fertig. Das kann jeder, das klappt immer. Die Dosierung entlang der Blockiergrenze regelt das ABS. Muss gar aus hoher Geschwindigkeit oder auf nasser Fahrbahn gebremst werden, geht zu Beginn der Bremsung auch ein geübter Motorradfahrer beim ABS-losen Motorrad oft zu zögerlich zu Werke. Ist die Fahrbahn rutschig oder wechselt der Belag und damit seine Griffigkeit, wird die Bremsung ohne ABS schnell zum Vabanque-Spiel. Die Alternative heißt: Bremsweg verschenken oder auf die Nase fallen. Supersport-WM-Racer Markus hat es leichter als ein Straßenfahrer. Er weiß immer, wo und wann genau er bremsen muss. Und meistens hat er auch die fürs Wetter und für die Strecke optimalen Pneus aufgezogen. Das hoffen wir jedenfalls. Der Straßenfahrer rollt nicht nur immer auf denselben Reifen herum, sondern er erschreckt sich auch ordentlich, wenn ihm jemand in die Quere kommt. Nehmen wir an, die Zeit vom Gefahr erkennen bis zum Reagieren dauert im Schnitt eine Sekunde. Währenddessen rollt das Motorrad ungebremst weiter. Macht bei 50 km/h fast 14 Meter aus, bei 100 knapp 28 Meter, bei 140 gar 39 Meter. Und noch eine kleine Beispielrechnung: Wird die reaktionslose Zeit mit einer Sekunde und die Bremsverzögerung mit acht m/sec2 - das ist der Wert eines versierten Bremsers - angenommen, beträgt der Anhalteweg bei 50 km/h 26, bei 80 km/h 53 Meter. Das Bittere dabei: Dort wo der 50-km/h-Fahrer zum Stehen kommt, saust der zweite 80 km/h-Pilot noch mit glatten 75 km/h vorbei. Was lernen wir daraus? Ausgeschlafen sein, sich Gefahrensituationen vorher im Geiste ausmalen. Beides verkürzt die Reaktionszeit. Und natürlich Bremsen üben. Kurz noch etwas zum Bremsen in der Kurve. Kollege Barth muss im Renngeschehen ständig auf der Bremse ins Eck einlenken, was nicht nur grimmig aussieht, sondern auch schwierig ist. Na gut, werden Sie sagen, der hat ja Slicks. Was aber nichts an den physikalischen Zusammenhängen ändert. Die besagen, dass ein Reifen umso kleinere Bremskräfte verträgt, desto höher die Schräglage ist. Bei maximaler Schräglage verdauen die Pneus keinerlei Bremskräfte mehr, die Haftgrenze würde dann überschritten. Umgekehrt verhält es sich genauso: Die maximale Übertragung von Bremskräften funktioniert nur ohne Schräglage, denn Seitenführungskräfte können nicht mehr aufgebaut werden. Auch Antiblockierbremsen arbeiten allein bei Geradeausfahrt perfekt, da die Sensorik die Schräglage nicht erfassen kann. Rennmaschinen mit ABS wird´s wohl sobald nicht geben. Also Markus, weiter üben mit Kurvenbremsen. Das bringt Sekunden.

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