Sichere Motorradbeherrschung (Archivversion) Perfekt fahren mit MOTORRAD: Lenkimpuls, Ausweichen, Kurvenstile

Richtig lenken ist nicht banal, sondern lebensrettend. Und Kurven gelingen auch besser.

Über weltmeisterliche Fahrkünste verfügen die wenigsten. Aber was nicht ist, kann noch werden. Jedenfalls hilft uns Ex-Grand-Prix-Fahrer Peter Öttl gern auf die Sprünge. Heute ist ein Thema an der Reihe, das viele für banal halten: Lenken. Was soll da schon sein? Ich schlage die Lenkung ein wenig nach rechts ein, lege mich in Schräglage und fahre eine saubere Kurve nacht rechts. Glauben viele und irren dabei gewaltig. Gegensinniger Lenkimpuls heißt das Zaubermittel: Wer eine Rechtskurve fahren will, leitet dies mit einer Lenkbewegung nach links ein. Das Motorrad fällt dann in Rechtsschräglage und nimmt die gewünschte Richtung. Hat jeder mühsam beim Fahrradfahren gelernt – und macht es dann als Motorradfahrer automatisch richtig.Ein kleiner Exkurs. Wer bei langsamem Tempo den Lenker seines Fahrrads nach rechts zieht, wird bemerken, dass dieses aufgrund der Schwerpunktverlagerung nach links kippt. Erst dann klappt die flotte Linkskurve. Bei höheren Geschwindigkeiten kommt eine weitere Komponente ins Spiel, das Massenträgheitsmoment der Räder. Je größer dieses Moment und je höher die Raddrehzahl, desto größer die so genannten Kreiselkräfte, die das Rad stur in seiner Drehebene halten wollen. Und diese Kreiselkraft des Vorderrads machen wir uns zunutze. Wird das rotierende Rad nach links (der Lenkimpuls) gelenkt, entsteht ein Reaktionsmoment, welches das Rad aus der Vertikalen nach rechts kippen will. Was zur Folge hat, dass sich das Motorrad zur rechten Seite neigt. Ganz klar: Wer links herum will, löst dies mit einem Lenkimpuls nach rechts aus. Je kräftiger der Lenkimpuls ausfällt, desto kräftiger das Reaktionsmoment und desto enger der mögliche Kurvenradius. Erst nach dem Einleiten der Kurve durch den Lenkimpuls wird der Lenker Richtung Kurveninnenseite eingeschlagen, das Gleichgewicht ist wieder hergestellt. So viel zur Theorie. Und wer’s nicht glaubt, begibt sich zwecks praktischer Übungen auf einen großen Parkplatz. Bei zirka 50 km/h den Lenker kurz rechts anreißen. Das Motorrad biegt unwiderstehlich nach links ab. Verblüffende Erkenntnis selbst der ärgsten Zweifler: Unbewusst haben sie automatisch schon immer alles richtig gemacht. Dennoch sollte man das Wissen um den Lenkimpuls nicht gleich wieder verdrängen, denn im Ernstfall kann es Kopf und Kragen retten. Merke: Kräftiges Gegenlenken hilft beim Umkurven plötzlich auftauchender Hindernisse. Wie bei Peter Öttl, der immer vehementer um den fiesen Lupo herumjongliert. Zum Glück kann er’s üben, damit es auf dem Foto besser rüberkommt, im Straßenverkehr bleibt keine Zeit dazu. Ob das Ausweichen klappt, hängt auch davon ab, wo der Fahrer hinguckt. Man muss es schaffen, den Blick vom Hindernis zu lösen, und zwar rechtzeitig. Wer den quer stehenden Pkw vor sich anstarrt wie das Karnikel die Schlange, fährt garantiert hinein. Wichtig: Blick auf Lücke trainieren. Und jetzt noch ein Tipp: Wie bei allen Notmanövern sofort die Kupplung ziehen, um den Schub des Motors zu unterbinden und die Gefahr des ungewollten Gasgebens zu bannen. Während des Ausweichens nicht Bremsen und erst wieder sanft einkuppeln, wenn sich das Motorrad auf sicherem Kurs befindet.Der geeignete Kurvenstil während des Ausweichmanövers heißt Drücken. Womit wir allmählich zu den angenehmeren Seiten des Motorradfahrens kommen – den Kurven. Während der Kurvenfahrt greifen zwei Kräfte im Schwerpunkt des Gesamtsystems von Fahrer/Motorrad an: Die Schwerkraft wirkt vertikal, die Fliehkraft horizontal. Die Resultierende aus diesen beiden Kräften bestimmt die Schräglage. Beim Drücken neigt sich der Fahrer zur Kurvenaußenseite und drückt das Motorrad nach innen. Das passt zu schnellen Richtungswechseln, da es leichter fällt, lediglich die Maschine in Schräglage zu bringen als zusätzlich noch den eigenen Körper. Auch bei sehr engen Passkehren oder beim Wenden macht das Drücken der Maschine Sinn, weil sich so sehr kleine Radien verwirklichen lassen. Zudem hat der Fahrer durch seine aufrechte Sitzposition einen günstigen Blickwinkel.Beim normalen Kurvenfahren durcheilen Fahrer und Maschine die Kurve in derselben Schräglage. Sie bilden – deutlich sichtbar – eine Einheit. Der Fahrer hält engen Knieschluss zum Tank, sein kurveninneres Knie ist leicht vorgeschoben, aber niemals abgespreizt. Er sitzt locker im Motorrad, der Blick gleitet weit voraus. So spürt er die Reaktionen des Motorrads am unmittelbarsten und kann spontan reagieren. Das Ganze sieht zwar nicht sensationell und wichtig aus, ist aber sehr ökonomisch, schont auf langen Strecken Kräfte und erhöht deswegen das Konzentrationsvermögen.Völlig unangebracht im Straßenverkehr ist der Racer-Stil. Ja, Peter, du darfst das, hängst seitlich fast neben dem Motorrad und spreizt das kurveninnere Knie weit ab, damit du es als Sensor für die Schräglage nutzt und der Reifen des geringer geneigten Motorrads mehr Aufstandsfläche auf den Aphalt bringt. Auf öffentlichen Straßen jedoch sind derlei Turnübungen unangebracht, weil der Fahrer sich bei Gefahr erst aufrichten muss und deshalb langsamer reagieren kann. Rennfahrer sind dagegen in Einbahnrichtung auf berechenbaren Kursen unterwegs, sie nutzen jedes Quäntchen Schräglagenfreiheit, indem sie sich zur Kurveninnenseite neigen und dadurch das Motorrad aufrechter bleibt. Woraus wir Normalsterblichen lernen, dass es auch hier darum geht, die Balance aus Schwerkraft und Fliehkraft herzustellen. Nicht wahr, Peter?

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