Six Days Finnland (Archivversion) Augen zu und durch

Sechs Tage lang plagten sich die weltbesten Endurofahrer in den finnischen Wäldern mit Baumwurzeln, Steinen und fiesen Stechmücken herum.

Einem normalen Mensch würde es nicht mal im Traum einfallen, sich auch nur einen Tag auf einer Enduro durch finnische Wälder zu quälen. Das überläßt er lieber den Profis und bestaunt die Leistung der Fahrer bequem vom Fernsehsessel aus. Nicht so die bekennenden Fans, wie etwa die Brüder Bernd, 40, und Raimund Volkert, 42, aus Sachsen. Die beiden reisten schon drei Tage vor Beginn der 71. Six Days ins finnische Hämeenlinna an, um die Strecke mit ihren 125er Enduros auszukundschaften. »Wenn du vollkommen blind dort ankommst, kriegste die guten Stellen nicht zu sehen«, erklärt Bernd. Und eben da will er hin, der echte Fan, denn nur hier läßt sich die Faszination der Six Days, bei denen es um den Mannschafts-WM-Titel im Endurosport geht, erleben.Die Teilnehmer wiederum sollten die besonders schweren Streckenabschnitte erst während des Rennes zu Gesicht bekommen. Eigentlich. Aber vor allem die finnischen Trophy-Fahrer kurvten mit traumwandlerischer Sicherheit durch die auf Zeit zu bewältigenden Spezial-Tests. Muß was dran sein, am Heimvorteil. »Mich kotzt das an, wie ausgefahren die Spezial-Tests bereits vor dem ersten Tag waren«, zeterte der abgekämpfte deutsche Spitzenfahrer Dirk von Zitzewitz am ersten Abend. Von einem leichten ersten Tag könne überhaupt nicht die Rede sein, so die übereinstimmende Meinung der deutschen Fahrer nach stundenlanger Quälerei.Neben den unzähligen Steinen, Baumwurzeln, der Hitze und den Stechmücken saß den Fahrern ein noch weit schlimmerer Gegner im Nacken: Die Radarpistolen der finnischen Polizei. Einige Verbindungsetappen führten kurzfristig über öffentliche Straßen; wer sich nicht peinlichst genau an die Beschränkungen hielt, den fingen die Ordnungshüter allabendlich am Parc fermé ab. Ein tschechischer Fahrer landete gar kurzfristig im Gefängnis. Über 150 Teilnehmer tappten während der Six Days in die Radarfalle.Ob die finnischen Temposünder auch bezahlen mußten, blieb unklar. Zum Drehbuch würde es jedenfalls nicht passen. Denn schon nach dem zweiten Tag lief es für die Finnen wie gewünscht: Sie führten sowohl die Trophy- wie auch die Junior-Trophy-Wertung an, und gaben den Platz an der Sonne bis zum letzten Tag nicht mehr ab, hielten die Italiener und die überraschend starken US-Fahrer auf Distanz. Nur in der Gesamteinzelwertung gab ein anderer den Ton an: Der Italiener Giovanni Sala siegte nach sechs Tagen und über 1500 Kilometern Distanz mit knapp acht Sekunden Vorsprung. Ein Phänomen, der Mann. Trotz aller Anstrengung blieb ihm während des Fahrens Zeit, um dem in den Wäldern wartenden Publikum und den Fotografen zu winken. Überhaupt: Freundlich und volksnach sind sie, die Enduristen. Keine Spur von Arroganz, dafür Nähe zu den Fans, die abends ihren Lieblingen beim letzten zehnminütigen Technik-Check auf die Finger schauen. Bei dem sich dann auch die kleinen und großen Tragödien abspielten. Teilnehmer rollten buchstäblich auf der Felge in den Parc fermé, um Zeitstrafen zu verhindern, wie etwa der Deutsche Wolfgang Koch. Beileibe nicht der einzige Grund, daß beim deutschen Team eine eher reservierte Stimmung herrschte. Mehr als ein neunter Platz war in der Trophy-Endwertung nicht drin. Was sicherlich nicht am mangelnden Leistungswillen der Fahrer lag. Die gaben ihr bestes, hatten aber schon am zweiten Tag Pech, weil mit Kai Awe der sechste Mann der Trophy-Mannschaft wegen technischen Defekts ausgefallen war.Herausragender waren da die Leistungen der mehr oder weniger Offiziellen des deutschen Lagers: Während einer Pressekonferenz, zu der die italienischen Veranstalter der nächsten Six Days eingeladen hatten, strapazierte ein hemdsärmeligen teutonischer Kamerad die Gastfreundschaft über die Maßen. In angetrunkem Zustand ließ er es sich nicht nehmen, eine Flasche Rotwein als Wegzehrung mit auf den Heimweg zu nehmen.Einen weit besseres Bild hinterließen Bernd und Raimund Volkert, die beiden Hobby-Enduristen aus Sachsen: Während einer ihrer Ausflüge über die Strecke sammelten sie einen finnischen Nachzügler auf, gaben dem völlig entkräfteten Club-Fahrer erstmal was zu Trinken und geleiteten ihn dann ins Fahrerlager zurück.

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