Speedrekorde in Bonneville/USA (Archivversion)

Wo Die Geschwindigkeit ruht

Jedes Jahr wird in Bonneville Geschichte geschrieben. Auf dem schier endlosen Salzkurs jagen sie die Bestmarken für den Kilometer und die Meile. Hinter dieser Geschichte der Geschwindigkeitsrekorde stehen Hunderte von Geschichten. Hier sind ein paar davon.

Ansprache
ls Denis Manning auf den Feuerwehrtruck klettert, den immensen Bauch vorschiebt und anfängt zu sprechen, da gibt es niemanden auf dem Salz, der dem Mann, der die BUB Speed Trials (www.speedtrialsbybub.com) organisiert, nicht zuhört.
Er erzählt von ein paar Salzhügeln, die bestimmt noch auf der Strecke lauern. »Die im falschen Winkel zu treffen ist mit 150 so wenig ein Spaß wie mit 500 Sachen.« Dann kommt Denis Manning, den sie Big Ugly Bastard, BUB, nennen, zum Punkt. Das weiche Licht des frühen Morgens im Rücken, sagt er ganz leise: »Wir alle sind hier, weil wir diesen Traum hatten. Jeder von uns hat viel gegeben, um sich diesen Traum zu erfüllen. Ihr werdet aus euren Maschinen all das herausholen, was ihr die letzten Monate und Jahre herein-gesteckt habt, und egal, wie schnell ihr sein werdet, ihr werdet sehen, dass es sich gelohnt hat. Es hat mit einem kleinen Wunsch angefangen, und jetzt sind wir hier, um etwas Großes zu tun, um uns einen Traum zu erfüllen. Respektiert die Träume der anderen, so wie ihr eure eigenen respektiert.«
Man hätte im Umkreis von 100 Kilometern eine Stecknadel fallen hören können. Alle stehen da wie angewurzelt, und manch einer bekommt verdächtig glänzende Augen. Sie wissen, dass er sie eigentlich nicht daran hätte erinnern müssen. Aber sie spüren, dass er es tat, weil dieser gegenseitige Respekt sonst, auch unter Motorradfahrern, keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
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Gemüse (Archivversion)

Noch nie hatte sich William Franey einen Kinofilm zwei Mal angesehen. Aber in »The World’s Fastest Indian«, für Deutschland mit dem Titel »Mit Herz und Hand« verhunzt, ging er wie­-der und wieder. Und wieder und wieder blieb er an dieser einen Stelle hängen, wo Burt Munro, der ein Leben lang davon träumt, seine alte Indian Scout in Bonneville zu fahren, dem Nach­barsjungen sagt: »Wenn du deine Träume nicht in die Tat umsetzt, kannst du auch ein Gemüse sein.« Der alte Kauz aus Neuseeland schafft es tatsächlich auf den Salzsee. Er stellt einen Rekord auf, der bis heute nicht überboten wurde.
Schon lange hatte William von der Geschwindigkeit geträumt. Er träumte davon, wie er hinausrollt zum Start, wie er über die endlose weiße Fläche rast, wie die Lichtschranken in der Entfernung wabern. Er baute ein Motor-­rad, und er fuhr nach Bonneville.
Seine Freundin Diane meint: »Ich kenne ihn seit der High School, aber so wie das hier hat ihn noch nichts gepackt.« Als er es nicht hört, weil er den Ofen gerade angeschmissen hat, schiebt sie hinterher: »Er ist manchmal seltsam mit dem Motorrad, aber das muss wohl so sein.« William brüllt rüber: »Dies ist mein 120-Cubic-Inch-V-Zwei, ein Harley-Evo-Klon mit Viergang-ge­triebe aus einer Shovelhead.« Er zwirbelt behutsam am Gas, und so laut wie die Maschine ist, so leise steht der Stolz in Williams Gesicht. Diane zuckt bei der ersten Fehlzündung zusammen wie ein Hase. Dann sagt sie: »Ich frage mich, wer am Ende schneller ist, er oder die Maschine.« Eigentlich ist das egal. William ist kein Gemüse.

Hochzeit (Archivversion)

Laura Ellifson war schon ziemlich lang die Freundin von Brian Klock gewesen. In Mitchell, South Dakota, haben sie einen Laden, wo sie Motorräder customizen. Im vergangenen Jahr baute Brian eine E-Glide-Harley um, und Laura fuhr das verkofferte Ding mit über 230 Sachen übers Salz. Rekord. Brian sah ihr zu, und es muss ihn ziemlich beeindruckt haben. Am selben Abend jedenfalls fiel er vor ihr auf die Knie und machte ihr einen Antrag.
Dieses Jahr sind Laura und Brian wieder da. Am Ende des ersten Renntags, die Sonne bricht gerade wieder durch die Wolken, stehen sie nebeneinander am Ende des Fahrer­lagers. Laura strahlt. Brian kämpft mit den Tränen und hat Mühe, einen Ton rauszukriegen. »Tja, Leute«, sagt er nach der offiziellen Zeremonie, »damit das hier nicht die schnellste Hochzeit der Welt wird, kommt doch mit rüber zum Hotel und feiert mit uns.«
Einen Tag nach der Hochzeit steht Lauras Tochter Erika, gerade 16, am Start, um das erste Mal aufs Salz zu fahren. Die Beine ihrer flatterigen Lederhose haben sie mit Tape zugeklebt, und als sie auf die Strecke rollt, da sind ihre Eltern nervöser als sie. Erika hadert mit dem Getriebe, bringt den Fünften nicht rein, die Buell Blast aber trotzdem verdammt nah an die 175 km/h. Kaum hat sie den Helm abge­-nommen, schüttelt sie den Kopf: »Mensch Papa«, sagt sie, »das muss schneller gehen!“

Gartenzaun (Archivversion)

Nein«, sagt der Offizielle bei der Abnahme. »Nein, das geht so nicht.« Er zeigt auf die Kette und schaut skeptisch. Ein Jahr lang hatten Markus Saegesser und sein Freund Ruedi Steck an kaum etwas anderes denken können als an die weiße Weite, die sie empfangen würde, wenn sie mit ihren eigens dafür aufgebauten Maschinen über die Salt Flats rasen würden. Zu einem neuen Rekord vielleicht. Sie haben ein Team um sich geschart, massig Kohle von Sponsoren aufgebracht, die Motorräder fertig gekriegt, Hunderttausende Kleinigkeiten irgendwie geregelt. Sie haben es gewollt, und sie haben alles dafür getan, nach Bonneville zu kommen. Und da steht der technische Kommissar und meint, es fehle den zweifellos ja sehr hübschen Maschinen – der Kettenschutz. Ohne Kettenschutz kein Rekordver-such. Und nirgends in der Gegend ein Kettenschutz.
»Wir sind los und haben den nächsten Schrottplatz umgegraben«, erzählt Markus. »Zwischen dem Zeug, das da vor sich hinrottet – unter anderem ein Atombomben-Dummy – haben wir etwas Brauchbares gefunden.« Sie flexen rum, feilen, hämmern. Schließlich passen die Teile, die Ketten laufen geschützt und die Maschinen so schnell, dass Markus und Ruedi acht Rekorde einfahren. Es sind nicht die Ersten, die totale Salz-Rookies in Bonneville holten. Aber es sind die Ersten, bei denen ein alter, rostiger Gartenzaun eine zentrale Rolle spielte.

Black and White (Archivversion)

Wendover ist ein Kaff im wüsten Nichts Nevadas. Zwischen Tankstellen, Fast Foods, seelenlosen Wohnhäusern und dem industrialisierten Unterhaltungsterror der ewig leuchtenden Kasino­hotels findet sich genau eine echte Kneipe in diesem Nest, die Black and White Bar. Wenn neben dem Salz von Bonneville ein Ort mit der Geschichte der Geschwindigkeits-Rekorde untrennbar verbunden ist, dann dieser. Unter den Speedfreaks gibt es kaum einen, der die Bar nicht kennt.
Wenige große Teams fahren einen Rekord, ohne anschließend ein Foto zu signieren, damit Carmen, die Barfrau, es aufhängt. »Sie kommen nach den Rennen«, sagt sie, »ich koche was, sie trinken Bier.« Gleich neben dem Eingang steht – das ganze Jahr über – ein Weihnachtsbaum, jeden Monat neu dekoriert. An einer Wand hängt in bunten Buchstaben: »Welcome Racers – Bonneville 2007«. Die Klimaanlage wummert und lässt kalte Luft auf den Tresen fallen, wo Shane als einer der letzten späten Gäste sitzt. »Mir sind die Rennfahrer lieber als die Leute, die wir hier sonst in der Stadt haben«, meint er, »Glücksspieler, die von Texas oder Kalifornien einfliegen.« Dann erzählt er, was er in den Rennwochen macht: »Mit Kumpels fahre ich zu den Salt Flats. Da schleppen wir eine Kiste Bier die Berge hoch. Mit Ferngläsern schauen wir, wie sie unten über die Strecke rasen, und wir tippen den Speed. Wer am nächsten dran ist, bekommt den Pott. Und den vertrinken wir im Black and White.“

Captain Kirk (Archivversion)

Es war seine Frau, die sagte: »Da müssen wir hin.« Jim Kirkland wunderte sich nicht schlecht, dachte aber, gut, wenn sie unbedingt will, dann gehen wir dahin. In der Folgezeit bekam Miss Kirkland ihren Mann kaum zu sehen. Als sie ihn zur Rede stellte, meinte er: »Was ist los? Du hast es doch selbst vorgeschlagen.« Ihm war klar, dass sie nur zum Zuschauen nach Bonneville wollte. Aber ihm war auch klar, dass er niemals nur zuschauen wollte. »Ich baute mit Freunden eine Maschine auf. Es lief immer gleich: Wenn wir Leistung hatten, hatten wir danach einen weiteren Kolben fürs Regal.« Einmal brauchte der 175er-Suzuki-Zweitakter nur elf Sekunden bis zur Kolbenschmelze. Sein Glück, dass Jim als Direktor der Service-Abteilung von Suzuki USA ganz gut an Teile rankommt. »Wir dachten, mit dem kleinen Motor bliebe der Aufwand im Rahmen. Wir waren naiv.«
Eines abends im Fahrerlager kommt ein Mann beim Captain und seinem Team vorbei. Er überhäuft Kirk mit Komplimenten für die Maschine und will wissen, wie schnell sie sein wollen. »Wir drucksten rum, dass wir mit der 100-Meilen-Marke kämpfen.« Der Weltrekord, erklärt Kirk dem Mann, stehe bei 126 Meilen in dieser Klasse, und er wisse beim besten Willen nicht, wie man auf so ein Tempo komme. »Aerodynamik«, sagt da der Mann, »meine Tochter arbeitet in einem Windkanal. Hätte ich die ganzen Stunden bezahlen müssen, der Rekord hätte mich 800000 Dollar gekostet.« Captain Kirk erreicht 97,5 Meilen pro Stunde.

Hinterreifen (Archivversion)

Gerade hatte ich knapp über 170 Meilen auf der Uhr meiner K 1200 R, da platzte der Hinterreifen, und das Ding fing an zu schwänzeln, dass ich schon dachte, das war’s.« Aber Ed Starrs hat es hingebracht und ist mit 155 durch die zweite Lichtschranke. Der Reifen aller­-dings ist futsch und Ed ziemlich weiß um die Nase. Am folgenden Tag wartet er mit seiner Maschine wieder am Start. »Ich wollte schon einpacken«, erzählt er, »da kam ein Typ auf mich zu. Ich kannte ihn nicht, wir sind uns nur im Fahrerlager mal über den Weg gelaufen.«
Bob Parsons hatte mitbekommen, was Ed passiert war. Er ist zu ihm hin und meinte: »Bring deine Maschine zu mir rüber. Dann bauen wir das Rad von meiner K in deine ein, und du kannst deinen zweiten Run fahren.« Ed war einigermaßen sprachlos. Das Erste, was ihm einfiel, war, dass er dann ja immer noch nicht wisse, wie er nach Hause kommen soll. Er sei per Achse da. Bob verstand das Problem nicht. Ed durfte das Rad behalten und damit nach Kalifornien zurückfahren. Bob sagte, er kaufe sich eben einen neuen Reifen. »Das«, sagt Ed, »macht Bonneville aus.“

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