Speedway GP Deutschland (Archivversion)

Schwedenchance

Hans Nielsen hatte es im Endlauf des deutschen Speedway-Grand Prix gleich mit drei Schweden zu tun. Doch der dänische Weltmeister bewies einmal mehr seine Extraklasse.

Nach 20 Qualifikationsrennen, in denen jeder der 16 Starter gegen jeden einmal antreten mußte, standen die Teilnehmer für die vier Finalläufe zum deutschen Speedway-Grand Prix fest. Etwa 5000 Fans waren trotz des miesen Wetters und den Boykott-Gerüchten (siehe Kasten Seite 179) ins niederbayerische Pocking gereist und mußten nun zusehen, wie im Finale D - in dem die Plätze 13 bis 16 augefochten werden - Ex-Weltmeister »Sudden« Sam Ermolenko ans Startband rollte, um zu retten, was zu retten war. Der Dritte in der letztjährigen GP-Endabrechnung war nach seinem Sturz beim italienischen Grand Prix noch angeschlagen und wollte hier nur um die Runden kommen und sicher punkten.Doch erst einmal im Sattel, ist das leichter gesagt als getan. Die ganze Nacht vor dem Rennen hatte es geregnet, und die Bahn war tief und griffig. Niemand wußte, ob bei diesen Verhältnissen ein Angriff auf der Außenbahn überhaupt möglich ist. Ermolenko hatte das Pech, gleich im ersten Rennen des Abends starten zu müssen, und beim Angriff auf den Führenden wagte er das riskante Manöver - danach wußten alle, es geht zumindest zu diesem Zeitpunkt des Rennes noch nicht. Der Amerikaner bekam einige Kilogramm Bahnbelag vom Hinterrad des Gegners ab, die Sicht war weg, seine Maschine wurde aus der Balance geworfen und er fiel weit zurück. Auch bei seinen folgenden vier Qualifikationsläufen wollte ihm nichts so recht gelingen, einmal mußte er sogar zu Boden. Doch zumindest dieses Finale konnte er gewinnen, macht Platz 13 beim deutschen GP und Rang zwölf im WM-Zwischenklassement.Finale C (Platz neun bis zwölf) folgte. Mit dabei Jason Crump, der 20jährige Juniorenweltmeister. Der Australier war an diesem Abend ein Kämpfer vor dem Herrn, doch in seinem vierten Qualifikationslauf packte ihn der Übermut: Zunächst ging er an Billy Hamill - immerhin Vierter der WM 1995 - mit einem Manöver jenseits von Gut und Böse außen vorbei. Und weil es auf der Außenbahn mittlerweile so schön Grip hatte, blieb er da und machte Jagd auf Weltmeister Hans Nielsen, dessen Hinterrad er in der letzten Runde auch erreichte. Doch das tiefe Geläuf hatte Crump zuviel Kraft gekostet, so konnte er dem Strahl von Nielsens Hinterrad nicht mehr parieren. Die Fahrt des Jungspunts endete in den Planken. Im Finale C war der Mann von Down under dann endgültig am Ende seiner Kräfte, da aber Mark Loram vor ihm ausrutschte, reichte es noch für Rang elf in Pocking und Platz 19 in der WM-Tabelle.Gerd Riss, der Wild Card-Pilot und einzige Deutsche im Feld, hatte sein großes Ziel, das A-Finale verfehlt, konnte aber mit seiner Leistung trotzdem mehr als zufrieden sein. Immerhin hatte er die halbe Speedway-Weltelite verblasen und stand nun im Finale B (Platz fünf bis acht). Hätte er in seinem ersten Rennen gegen Nielsen nicht die ungünstigen Außenbahn wählen müssen, wäre er vielleicht noch weiter kommen. Aber so kassierte er die volle Ladung vom Dänen und schrieb einen Nuller zum Auftakt. Im B-Finale patzte Riss am Start, rang aber noch Joe Screen nieder und wurde insgesamt Siebter. Der Schwabe liegt jetzt an 16. Stelle in der WM-Zwischenwertung, darf aber die drei noch ausstehenden Grand Prix nicht bestreiten.Vier Skandinavier mußten im A-Finale die Plätze eins bis vier unter sich ausmachen, drei Schweden und der dänische Weltmeister. Schwede Nummer eins: Außenseiter Peter Karlsson, der das ganze Rennen über unauffällig punktete, perfekte Starts hinlegte und keine Überholmanöver riskierte. Schwede Nummer zwei: Henrik »Henka« Gustafsson, der in seinen vierten Auftritt überraschend den bis dahin souveränen Rickardsson besiegte. Und Schwede Nummer drei: der amtierende Vize-Weltmeister und Ex-Champion Tony Rickardsson, der wiederum in seinem fünften Qualifikationsrennen Nielsen eine Niederlage beibrachte. Dazu Nielsen nach dem Rennen: »Mein bestes Motorrad wollte nicht anspringen, und mit der Ersatzmaschine schaffte ich es erst wenige Sekunden vor dem Start an das Band. Das Ganze brachte mich aus der Konzentration. Im Finale war meine Einsatzmaschine dann wieder startklar.«Rickardsson hatte im Finale die erste Wahl des Startplatzes und wählte blau, sprich zweiter von Innen. Damit überließ er Nielsen die vermeintlich bessere Innenbahn, um nach einem eventuell verlorenen Start auf der griffigen Außenbahn noch kontern zu können. Doch dazu kam der Schwede nicht, denn Nielsen gewann den Start und suchte selbst sein Heil auf dieser schnelleren Spur. Rickardsson mußte noch weiter nach außen, und so konnten auch seine beiden Landsmänner an ihm vorbeidriften. Danach waren die Plätze bezogen: Karlsson kam hinter dem Weltmeister als Zweiter ins Ziel, Rickardsson war völlig von der Rolle und gab bald die Jagd nach Gustafsson auf, der als Dritter aufs Podest kletterte. Hans Nielsen, der in der WM inzwischen 14 Zähler vor Rickardsson liegt, sieht der Titelverteidigung nun gelassen entgegen: »Tony ist jetzt an der Reihe anzugreifen. Ich brauche nur noch abzuwarten.“
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Speedway GP Deutschland: Bericht (Archivversion) - Burgfrieden im Reifenkrieg bricht

Der Burgfrieden im Reifenkrieg, den der inzwischen vom Weltverband FIM gefeuerte Präsident der Bahnsportkommission, Günter Sorber, mit der GP-Fahrergewerkschaft (IGPSRA) zu Beginn der Saison ausgehandelt hatte, hielt beim Deutschland-GP in Pocking vermutlich ein letztes Mal. Der deutsche Sorber vereinbarte mit den Fahrern, die ersten drei Grand Prix bei freier Reifenwahl - sprich auf geschnittenen Dunlops, die alle Fahrer verwenden - durchzuführen. Pocking war der dritte GP der Saison, und die FIM hat bereits bekanntgegeben, daß beim nächsten Grand Prix in Schweden endgültig die Barum-Blockreifen gefahren werden müssen. Genauso endgültig verkündete Hans Nielsen nach seinem Sieg in Pocking: »Wir fahren diese Reifen auf keinen Fall. Es wäre schade, sollte der dritte schon der letzte GP in diesem Jahr gewesen sein. Aber wenn die FIM nicht einlenkt, ist es eben so. Wir Fahrer sind uns einig.«Die Fahrer wollen auf keinen Fall das Verletzungsrisiko eingehen, das der ungeliebte Tschechen-Pneu birgt. Auf glatten Stellen findet er keinen Halt, hakt aber um so stärker in Rillen und tiefen und griffigen Stellen ein, was zu bösen Stürzen führen kann. Die FIM hält dagegen, daß die Rennen mit den ungeschnittenen Barum-Reifen spannender würden, weil sie weniger Kraft auf die Bahn übertragen können und die Motorleistung deshalb nicht mehr so entscheidend sei. Unterstützt wird die FIM in ihrer Haltung vom Promoter und GP-Zampano Ole Olsen, der im Speedway-Sport inzwischen ähnlich die Fäden zieht wie Kollege Ecclestone in der Formel 1. Dabei sollte es der Däne besser wissen, immerhin war er selbst dreimal Weltmeister. Insider vermuten aber, er möchte sich mit seiner Haltung bei FIM-Präsident Francesco Zerbi beliebt machen und sich für Sorbers freigewordenen Sessel empfehlen.Nielsen zeigte sich bei der Pressekonferenz nach dem Rennen gesprächsbereit: »Wir können über viele Dinge reden, die tatsächlich die Motorleistung drosseln und so die Chance auf spannendere Rennen bieten, zum Beispiel über homologierte Nockenwellen. Es müssen aber Dinge sein, die uns nicht gefährden.« Doch die FIM bleibt auf ihrem eingeschlagenen harten Kurs: Beim Overseas-Finale im englischen Coventry, bei dem sich Fahrer für weitere Ausscheidungsläufe und letztlich für die GP-Rennen 1996 qualifizieren konnten, wurden 13 Fahrer aus der Wertung genommen. Nur die drei, die auf Barum-Reifen antraten, kamen eine Runde weiter.Inzwischen schließen einige Fahrer nicht mehr aus, daß es im nächsten Jahr eine neue Speedway-WM geben wird, ganz ohne FIM.

Speedway GP Deutschland: Bericht (Archivversion) - ERGEBNISSE

1. Hans Nielsen (DK), 2. Peter Karlsson (S), 3. Henrik Gustafsson (S), 4. Tony Rickardsson (S), 5. Chris Louis (GB), 6. Greg Hancock (USA), 7. Gerd Riss (D), 8. Joe Screen (GB), 9. Billy Hamill (USA), 10. Leigh Adams (AUS), 11. Jason Crump (AUS), 12. Mark Loram (GB), 13. Sam Ermolenko (USA), 14. Andy Smith (GB), 15. Craig Boyce (AUS), 16. Marvyn Cox (GB);WM-Stand nach drei von sechs GP:1. Nielsen 68 Punkte, 2. Rickardsson 54, 3. Hamill 45, 4. Knudsen 41, 5. Hancock 38, 6. Gustafsson 36, 7. Louis 31, 8. Karlsson 30, ... 16. Riss 12;

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