Speedweek Oschersleben (Archivversion) Mit zwei, Spiel drei

Die besten Trümpfe beim entscheidenden Rennen der diesjährigen Endurance-WM hielt das chinesische Zongshen-Team in der Hand. Denn die Gesandtschaft aus dem fernen Osten hatte in Oschersleben zwei Besatzungen am Start.

Wenn schon Briefe in Deutschland von einem Ort zum nächsten ab und an zehn Tage unterwegs sind, wie sollen dann drei große Transportkisten mit Motorrädern, Ersatzteilen, Rädern, Lederkombis, Helmen und allerlei Kleinzeugs vom Acht-Stunden-Rennen im japanischen Suzuka binnen drei Tagen nach Oschersleben in der Magdeburger Börde gelangen? Michel Marqueton, französischer Chef des mitfavorisierten chinesischen Zongshen-Teams, hatte eine Idee. Der japanische Transport-Spezialist Nippon Express sollte am Sonntagabend von Suzuka die Teile via USA nach Frankfurt, von dort per Spedition nach Oschersleben liefern.Nur leider hatte der Frachtflieger in Anchorage/Alaska eine Panne, und das Material stand erst am Rennsamstag morgens um halb eins vor der Box. Marqueton, der Pendler zwischen den chinesischen Zongshen- und europäischen Endurance-WM-Welten, hatte jedoch in weiser Voraussicht zwei Suzuki GSX-R 1000 aus der Pariser Dependance nach Oschersleben geordert, mit einer Mannschaft, die aus dem Wenigen das Beste machte. Mit dem Ergebnis, dass nach dem Training beide Mannschaften, die Nummer 2 mit Stéphane Mertens, Nowland Warwick und Igor Jerman und die Nummer 9 mit Bruno Bonhuil, Fernando Cristobal und Pierrot Lerat Vanstaen ganz vorn platziert waren - auf den Rängen zwei und drei. Auf dem ersten Startplatz für die schon Kult gewordene Le-Mans-Startprozedur, animiert von Streckensprecher Thomas Deitenbach und im Sprechchor angezählt von den über 58 000 Zuschauern des einzigen 24-Stunden-Rennens der diesjährigen Endurance-WM, stand das Team GMT 94 von Christophe Guyot. Der Teamchef und normalerweise auch Fahrer in Personalunion hatte sein Suzuka-Material rechtzeitig erhalten und in Sachen Fahrer-Personal vorgesorgt. Neben der sicheren Bank Sébastien Scarnato, Willam Costes und Julien Da Costa stand dieses Jahr sicherheitshalber Bertand Stey, sonst in der Superbike-WM aktiv, als Ersatzfahrer parat. Eine kluge Entscheidung übrigens, denn am Freitagabend ereilte Costes die freudige Botschaft, dass seine Frau im Krankenhaus das erste Kind erwartete. Sofort brauste er mit einem Mietwagen von Hannover nach Südfrankreich. Der vierte Trumpf, der im Spiel um den Titel stechen hätte können, war Vorjahressieger QB Phase One aus England. Das Szenario um die womöglich vorgezogene Titelvergabe stand somit in den Trainingslisten geschrieben, der Rest der Endurance-Welt aber, vor allem bei der fünften Speedweek in Oschersleben, war alles andere als Staffage. Über 30 deutsche Langstrecken-Einzsatzgruppen hatten genannt. Die Crème de la Crème der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) war angetreten, beispielsweise die Besetzung von Suzuki-Tuner Michael Schäfer mit den Supersport- und Superstock-Stars Herbert Kaufmann, Stefan Nebel und Blondzopf Katja Poensgen, Klaus Faßbenders Langstrecken-Superstockler vom KFM-Team mit Stefan Scheschowitsch, Stefan Sebrich und Gerhard Wacker sowie OBI-Shell-Bike-Promotion mit Gerhard Sessler, Philipp Luwig und Thomas Hoemke, um nur einige aufzuzählen. Aber auch die arrivierten deutschen Langstrecken-Teams wie Bergmann und Söhne mit Harald Kitsch, Rüdiger Seefeldt und Klaus Schulz oder Hans Herber, Martin Blug und dem Ungarn Sandor Bitter vom Team Schäfer Endurance durften sich Hoffnung auf Punkte machen. Stellvertretend für die Privatteams, die aus lauter Begeisterung für die Langstrecken-Rennerei sich ein halbes Jahr vorbereiten und mit Hilfe von Kumpels und Kleinstsponsoren auf ihren großen Auftritt hoffen, sei das PS-Team genannt. Die Besetzung: Jörg Schüller, verantwortlicher Testredakteur bei der Schwesterzeitschrift PS Das Sport-Motorrad Magazin, Dietmar Franzen, Honda-Händler aus Koblenz, und Christian Kohlhaas, früher für das legendäre Boxer-Team im Sattel, und Matthias Schröter, Testredakteur bei MOTORRAD, als Teamchef. 56 Teams hätten auf die 24 Stunden lange Reise gehen können, nur 49 waren am Start. So prominente Mannschaften wie Dap 91, Daffix, Piazza Corse oder Wim Moto, die sich permanent bei Serienpromoter Flammini für die gesamte WM eingeschrieben haben, fehlten in Oschersleben. Ein Grund dafür ist womöglich die angespannte Wirtschaftslage, ein anderer sicher der, dass durch die Abspaltung der drei großen Klassiker Le Mans, Spa-Francorchamps und Bol d´Or, die ihre eigene Serie »Master of Endurance« veranstalten, die wichtigen französischen Teams sich aus Kostengründen auf die Heimrennen konzentrieren, nachdem sie in der WM ohnehin keine Chancen mehr haben. Die ungeschriebenen Gesetze der 24-Stunden-Rennen beinhalten die schlichte Erkenntnis, dass a) in der ersten Stunde sich die ganz heißen Jungs blutige Nasen holen, im Glauben, sie befinden sich bei einem Sprintrennen, b) jedes Team irgendwann ein Problem bekommt und c) das Team mit den kleinsten Schwierigkeiten gewinnt.Diesmal war das etwas anders. Als Herbert Kaufmann vom Schäfer-Team nach 20 Minuten seine Suzuki GSX-R 1000 mit den Stiefelsohlen in der Boxengasse abbremsen musste, weil der rechte Lenkerstummel fehlte, war das nur der Auftakt. Ein Konkurrent hatte ihm die Türe zugeschlagen und er musste zu Boden. Während an der Spitze GMT 94, Zongshen mit den Nummern 2 und 3 sowie QB Phase One zunächst unbeirrt und gleichmäßig ihre Kreise zogen, lichtete sich das Feld dahinter zu früher Stunde. Beim Team Bergmann und Söhne musste Klaus Schulz mit gebrochener Schulter ins Krankenhaus, bei Abbco-PS-Schlesinger kam das Aus nach Sturz und gerissenem Rahmen sowie Motor, Titelfavorit QB Phase One verlor alle Hoffnungen, weil Olivier Ulmann sich nachts um fünf Uhr den Oberschenkel brach. Aufregung gab es somit genug. Auch vom Wetter her. Am Samstagabend hatte ein schweres Unwetter die Piste unpassierbar gemacht. Weshalb das Rennen bei Sicht null und Wasserhöhe knöcheltief erst dann für zwei Stunden abgebrochen wurde, als drei Fahrer auf der Zielgeraden im Blindflug auf das mit 60 km/h dahin schleichende Safety Car aufgelaufen waren, bleibt das Geheimnis der Rennleitung. Eine WM-Vorentscheidung fiel weit nach Mitternacht: GMT 94 verlor 25 Runden. Solange dauerte es, bis Cheftechniker Michel Guerre die defekte Elektronik des Schaltautomaten diagnostiziert hatte. Aus der Tiefe des Mittelfelds hatte sich derweil das französische Yamaha-Team Endurance Moto 38, Oschersleben-Sieger 1999, nach vorn gepirscht. Als am Sonntagvormittag Warwick Nowland die Zongshen mit der Nummer 2 weitgehend zertrümmerte, gingen die Franzosen gar in Führung und sollten sie auch bis in Ziel nicht mehr abgeben. Nowland saß zitternd in der Box, aber das Drehbuch hatte für Oschersleben noch mehr Dramatik vorgesehen. Ausgerechnet Nowlands Teamkollege und Ex-Weltmeister Stéphane Mertens zerdepperte die Zongshen-Suzuki mit der Nummer zwei am späten Vormittag noch einmal gründlich, rollte mit einem Lenkerstummel an die Box und brach dort, gelb-weiß im Gesicht und mit gebrochenem Schlüsselbein, zusammen. Teamchef Marqueton fackelte nicht lange, ließ die havarierte GSX-R 1000 mit Tape herrichten und Nowland im Wechsel mit Kollege Igor Jerman allein weiterreisen. Eine halbe Stunde vor Schluss fiel die WM-Entscheidung, teamintern und etwas eleganter als bei Ferrari in Österreich. Bruno Bonhuil auf der Nummer 9 kam an die Box, merkwürdigerweise brach sofort die Benzinzufuhr zusammen. Und zwar genau so lange, bis die Nummer 2 auf dem Monitor wieder auf dem zweiten Platz stand. Damit waren Nowland, Mertens und Jerman uneinholbar in der Tabelle, GMT 94 abgeblockt, und die Zongshen-Equipe mit der Nummer 9 kann beim letzten, unbedeutenden 200-Meilen-Rennen in Vallelunga theoretisch sogar noch punktgleich Vizeweltmeister werden. Bonhuils Teamkollege Fernando Cristobal verließ ob dieser Teamorder wortlos und mit dickem Hals die Box und sah bei der Siegerehrung nicht sonderlich glücklich aus. »Was hätte ich anderes tun sollen?« fragte Teamchef Marqueton. » So haben wir den Titel sicher, wer weiß, was sonst noch hätte passieren können.« Große Freude herrschte logischerweise bei den meisten der 35 Teams, die im Ziel waren. Ganz besonders beim Nolden Racing Team, das mit Ex-Weltmeister Heinz Platacis, Karl-Heinz Hennemann und Markus Josch nach viel Pech von hinten auf Platz sieben gefahren war und beste deutsche Mannschaft wurde. Und natürlich beim PS-Team: Platz 14 nach einer fehlerlosen Leistung und in der intern und national ausgeschriebenen Proto B-Wertung gar auf dem ersten Platz. PS-Kollege »Jorge« Schüller war den Tränen nahe: »Wenn mir das am Freitag einer gesagt hätte, hätte ich ihn ausgelacht.« Alle News und Facts von der Speedweek Oschersleben sowie eine Sound-Datei vom Start finden Sie übrigens unter www. motorradonline.de auf der Nachrichtenseite.

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