Spezialmotorräder für Filmaufnahmen (Archivversion) DREH-moment

Dass die Herr- und Damschaften auf der Honda keinen Helm tragen, ist berufsbedingt. Sie müssen nämlich die behelmte Rollerfahrerin ablichten. Dazu braucht es ganz spezielle Motorräder.

Raymund Rosenfeld sah sich die Szene
nur fünf Minuten lang an, dann war ihm klar: »Das kann ich besser.« Die Filmcrew, die er beobachtet hatte, drehte
für den SWR-Streifen »Von Küssen und vom Fliegen« eine Parallelfahrt, die Kamera auf einem Hänger montiert. Reiner Zufall
eigentlich, dass Rosenfeld bei den Aufnahmen dabei war. Die Crew hatte sich von dem Oldtimer-Fan lediglich ein paar alte Maschinen ausleihen wollen. »Mit einem Gespann würde die Sache mit der Kamera viel besser funktionieren, zumal mit einem besonders dafür aufgebauten«, erkannte Rosenfeld, der sich darob bei Ehefrau
Beate bediente. Deren Honda CB 750 Four schweißte, bastelte und funktionierte er
um – zu einem speziellen Kameragespann für Filmaufnahmen.
Dazu konstruierte Rosenfeld einen Hilfsrahmen, der eine Plattform trägt, die über eine Pneumatik angehoben, abgesenkt und gekippt werden kann. »Das Problem ist, dass beim Dreh die Kamera hundertprozentig ausgerichtet werden muss, je nach Straßenlage und Anzahl der Mitfahrer.« Mit sechs Leuten sei das Gespann schon im Einsatz gewesen, verfolgte Tatort-Kommissarin Lena Odenthal und ihren Kollegen Mario Kopper durch Ludwigs-
hafen. Die beiden Darsteller, Ulrike Folkerts und Andreas Hoppe, spazieren über
eine Fußgängerbrücke, sich über die Verbrecherjagd unterhaltend. Klar, dass die Filmkamera dabei nicht wackeln, zittern oder kippen darf. Sie muss nahezu erschütterungsfrei neben den Schauspielern herschweben.
Ganz spezielle Anforderungen also, aus denen der 48-Jährige, der zuvor im badischen Achern bei einem Autoverwerter arbeitete, seine Geschäftsidee entwickelte. Und zu dem Geschäft gehört, dass Rosenfeld das Kamera-Gespann nicht nur zur Verfügung stellt, sondern es auch selbst bewegt. Er oder seine Frau Beate. Die mit zwei dick Vermummten – Kameramann und Schärfeassistent – vor einer Vespa herfährt. Auf der wiederum sitzt Schauspielerin Anica Dobra und friert unterm kurzen Rock, was Sibylle Tafel, die Regisseurin, ignoriert. Dreimal lässt sie die Szene wiederholen. Wobei das Fahren das geringste Problem darstellt. Eine ganze Menge Arbeit besteht allein darin, das
Gespann drehfertig zu machen, auf die
Besonderheit der jeweiligen Szenen einzustellen. In Absprache mit dem Kameramann. Da werden dann neue Löcher in den Boden des Beiboots gebohrt, um ein Stativ exakt so zu positionieren, dass der Mann hinter der Linse genügend Bewegungsfreiheit hat.
Rosenfeld hat sich im Lauf der Jahre einen Ruf in der Filmszene gemacht, nicht nur als Taxifahrer für Kameras. Für einen »Tatort« hatte er beispielsweise zwei abgerockte Aprilia RS 250 auf Honda zu trimmen, mit Farbe und Karbonfolie, dass man ahnungslose Fernsehzuschauer damit täuschen konnte. Laut Drehbuch nämlich sollten zwei aktuelle Honda-Renner in Feuer und Flamme aufgehen. Doch die sind bekanntlich teuer. Rosenfeld zu engagieren zahlt sich also aus. Der koppelte alsdann, um die aprilianische Honda mit angesäg-
ter Bremsleitung dekorativ abschmieren
zu lassen, einen Scheibenwischermotor an den Schlauch. Auf dass die Bremsflüssigkeit so dramatisch austrete, wie es der
Krimi sein sollte. Zumindest Rosenfeld
hatte den erwünschten Erfolg.

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