Spiegel-Tipps: Blickführung (Archivversion) Was Blicke sagen

Weit vorausschauen, den Blick pendeln lassen, den Entgegenkommenden fixieren. Wer beim Motorradfahren durchblickt, hat viel gewonnen. Bernt Spiegel, Senior-Instruktor des Pefektionstrainings, Professor für Psychologie und Verhaltensforschung, schärft den Blick.

Das wichtigste bei der Blickführung ist das weite Vorausschauen. Das gilt für alle Fortbewegungsarten, die sich jenseits der Geschwindigkeitsbereiche abspielen, für die der Mensch vorbereitet ist, also allemals Motorradfahren. Je weniger geübt ein Motorradfahrer ist, desto mehr neigt er dazu, mit seinem Blick im Nahraum zu verharren – und je schwieriger die Situation für ihn wird, desto mehr. Das führt dazu, daß sein Bewegungsentwurf für eine Kurve oder eine Kurvenkombination zu »kurzatmig« wird. Denn jedem Bewegungskomplex geht ein Bewegungsentwurf voraus, auch wenn uns dieser im einzelnen nicht bewußt wird. Blickt der Fahrer nur einen Augenblick nicht über den Einlenkpunkt hinaus, dann wird auch sein Bewegungsentwurf nur bis dorthin reichen. Danach schaut er zum Scheitelpunkt, der nicht mehr weit weg ist und muß dann noch geschwind den Bewegungsentwurf für das restliche Stück bis zum Kurvenausgang hinzufügen. Alles viel zu kurze Teilstücke, die keine flüssige Linie erlauben. Deshalb muß der Vorsatz lauten: Weit vorausschauen! Frühzeitig in die Kurve hineinschauen, noch vor der Bremszone. Und: Hinter die Kurve schauen, auch wenn sie real noch gar nicht ganz eingesehen werden kann. So entsteht ein schöner Bewegungsentwurf, an dem man dann wirklich »entlangfahren« kann.Weit vorausschauen heißt freilich nicht, den Blick irgendwo in der Ferne anzuheften und dort zu verharren; sondern bedeutet, den Blick weit vorauspendeln, ihn also zwischen weit und nah hin- und herschwingen lassen. Nah, um die »Straße zu lesen«, also die Fahrbahnoberfläche im Nahbereich zu beurteilen, fern, um den Bewegungsablauf zu glätten. Wobei der Blick ganz von allein in den Nahbereich zurückspringt, während es immer wieder eines bewußten Vorsatzes bedarf, damit er wieder weit genug vorausläuft.Wer sich konsequent dazu anhält, weit vorauszuschauen, fährt sofort eine Klasse besser – so lange, bis er es vergißt und sofort rückfällig wird. Das passiert spätestens dann, wenn er in eine Situation erhöhter Belastung gerät, etwa wenn ihm plötzlich höchste Aufmerksamkeit abverlangt wird oder wenn er sich in Gefahr wähnt. Die Bevorzugung des Nahraums im Gefahrenfall ist entwicklungsgeschichtlich bedingt. Auf der freien Wildbahn war das sicherlich zweckmäßig, aber mit der Geschwindigkeit unserer heutigen Fortbewegung paßt dieses Verhalten nicht mehr zusammen. Gegen so tiefverwurzelte Verhaltensweisen anzutrainieren ist immer besonders mühsam und langwierig, aber es lohnt sich. Zu unserem Thema gehört auch noch die Aufnahme des Blickkontakts mit einem Entgegenkommenden oder Abbieger, zum Beispiel an einer Kreuzung. Man glaubt nicht, wie unerhört sensibel der Mensch für Blickkontakte ist! Wenn wir zu jemandem hinschauen, spüren wir fast körperlich, ob er den Blick erwidert - auch über etliche Meter hinweg. Aufgenommener Blickkontakt bedeutet Gewißheit, daß uns der andere bemerkt hat und uns in seine Planung mit einbezieht. Erinnern Sie sich noch, wie unsicher Sie sich fühlten, als Sie in einer unklaren Kreuzungssituation einem Motorradfahrer mit dunklem oder gar verspiegeltem Visier begegnet sind? Und noch etwas gehört zur Blickführung: Schauen Sie nur auf die Anzeigeinstrumente, wenn Sie Zeit dazu haben! Nicht umsonst lassen sich die Rennfahrer das Erreichen der Drehzahlgrenze durch einen Blitz anzeigen. Und sollten Sie auf der Nordschleife wissen wollen, mit welchem Tempo Sie durch das Karussell gefahren sind, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder Sie konnten den Tacho ablesen, dann waren Sie zu langsam und Sie hätten gar nicht erst auf den Tacho zu schauen brauchen. Oder Sie waren wirklich schnell - dann kamen Sie wirklich nicht dazu, auf den Tacho zu blicken.Im nächsten Heft: Flucht ins Gelände. Näheres über Bewegungsabläufe im Buch »Die obere Hälfte des Motorrads« von Professor Spiegel, erhältlich im MOToRRAD-Shop für 48,15 Mark, Fax 0711/182-1756 oder Internet: www.motorradonline.de.

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