Spiegel-Tipps: Entspannung beim Fahren (Archivversion) Immer locker bleiben

Warum die Fähigkeit, sich während der Fahrt zu entspannen, Sicherheit bringt und wie es geht, erklärt Professor Dr. Spiegel, Senior-Instruktor des Perfektionstrainings und Autor des Buches »Die obere Hälfte des Motorrads«.

Immer wenn es brenzlig wird oder wenn wir uns anstrengen oder uns besondere Mühe geben, neigen wir dazu, unsere Muskelspannung zu erhöhen. Das reicht von einem leichten, kaum spürbaren Anspannen über ein ausgeprägtes Verspannen bis hin zum völligen Verkrampfen.Nun könnte man ja sagen: ist egal, das wird sich mit wachsender Übung schon verlieren. Aber das Fahren ist auch bei einer nur geringen Anspannung auf die Dauer entsetzlich anstrengend - wie »geschafft« waren doch die meisten von uns nach der ersten Fahrstunde. Und was noch viel schlimmer ist: Diese Spannungszustände beziehen sich nicht nur auf die Muskulatur, sondern ergreifen die gesamte Person - auch psychisch. Das bedeutet: Der Fahrer, der die gerade beim Motorradfahren höchst komplexen Funktionen eines Reglers zu übernehmen hat, ist dejustiert und vertrimmt. Er steht ja in einer äußerst engen Verbindung mit seinem Motorrad, und es sind zahlreiche Regelkreise entstanden, in die jeweils Fahrer und Fahrzeug gemeinsam einbezogen sind und in die der Fahrer mit bestimmten Automatismen, die er erworben hat, eingreift. Je besser trainiert der Fahrer ist, desto engmaschiger ist diese Verflechtung zwischen Fahrer und Fahrzeug.Daß das mit dem »Dejustieren des Reglers« wirklich ernst zu nehmen ist,wird aus einem einfachen Versuch ersichtlich: Wenn man beim Tennisspielen mitten in einem schönen Ballwechsel die freie Hand plötzlich so fest zur Faust ballt, wie man nur kann, ist es schlagartig mit jeglicher Treffsicherheit vorbei.Beim Motorradfahren besteht die Störung nicht nur darin, daß die Motorik beeinträchtigt wird und keine genügend präzisen und abgewogenen Befehle - vorwiegend Lenkimpulse - mehr an das Motorrad weitergegeben werden, sondern auch umgekehrt: Die wichtigen Zustandsmeldungen über Straße, Grip, Reifen und so weiter - Waine Rainey: »Das Motorrad erzählt dir ständig eine Geschichte« - kommen nicht mehr ausreichend beim Fahrer an. Er sitzt nur noch auf dem Motorrad drauf, aber nicht mehr in den Regelkreisen drin.Wann droht die Gefahr, die Lockerheit zu verlieren? Wenn wir uns gefährdet fühlen; wenn wir gerade eine Gefahr überwunden haben und vielleicht sogar heftig erschrocken sind; wenn wir uns besonders anstrengen etwa, weil wir glauben, das Tempo des Vordermanns unbedingt halten zu müssen; und wenn wir im Ganzen »schlecht drauf« sind.In unserem Motorradalltag heißt das beispielsweise: Beginnender Regen führt fast immer zu erhöhter muskulärer Anspannung. Wir nehmen die berühmte »Mißtrauenshaltung« ein, und die ist in ihrer Angespanntheit genau das Gegenteil von dem, worauf es bei Regen vor allem ankommt: Locker zu bleiben. Auch zu lange Dauerbelastung, ohne besondere Aufregung, ohne Angst, ohne Streß, führt zu einer allmählichen Verspannung, weil im ständigen Wechsel zwischen kurzzeitiger Anspannung einer Muskelgruppe - zum Beispiel beim Anfahren einer Kurve - und anschließender Lockerung das Entspannen allmählich immer weniger klappt.Was aber tun, um locker zu bleiben? Während der Fahrt immer wieder die folgenden Lockerungsvorsätze durchgehen, vor allem nach besonders schwierigen Passagen oder kritischen Situationen: Hände locker auflegen, Schultern fallen lassen, Kopf auf die Brust fallen lassen, Bauchdecke locker, Mund und Unterkiefer locker, »tief reinsetzen«, Mißtrauenshaltung durchbrechen.Weil wir diese ganzen Kontrollen allzu leicht doch wieder vergessen, werden bei den MOTORRAD-Perfektionstrainings kleine Aufkleber mit eben diesen Vorsätzen - und noch einer ganzen Anzahl anderer - ausgegeben. Nur wer locker fährt, fährt gut. Oben erwähntes Buch ist im MOTORRAD-Shop zu beziehen. Nächste Folge: Richtig bremsen.

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