Sport: 4-h-Rennen in Spa-Francorchamps Mehr Licht!

Beim 4-Stunden-Rennen "Spa Classic" im Rahmen der Bikers’ Classics waren gute Scheinwerfer Gold wert. Schließlich ging es am Stück bis Mitternacht.

Samstag, 12. Juni 2010, 22 Uhr. Dämmerung liegt über den Ardennen. Die Scheinwerferkegel der 1100er-Katana tas­ten das Motorrad vor mir ab – oben weiß, unten gelb. Auf dem letzten geraden Bergabstück von Spa-Francorchamps schiebe ich mich vorbei. Dafür muss ich das Gas etwas länger stehen lassen, minimal später in die schnelle Doppel-Links Pouhon einlenken. Hier verträgt die Strecke verschiedene Radien. Das Gas lupfen, vierter Gang, und mit viel Speed einbiegen.
Das Knie schleift über heiligen Boden, fühlt sich gut an – aber nicht lange. Ohne Vor­ankündigung haut es mir die Lenkerstummel aus der Hand. Irgendwo zwischen 130 und 160 km/h nimmt die Suzuki maximale Schräglage ein, schleift funkend über den Asphalt. Ich purzelbaume hinterher – hell, dunkel, hell, dunkel. Das darf doch nicht wahr sein!
Bereits zum dritten Mal tritt unser Team Bike Side-MOTORRAD CLASSIC bei den Bikers’ Classics zum 4-h-Rennen für Maschinen zwischen 1960 und 1980 an. 2008 gab es Rang 27 für uns, 2009 den 26. Doch Stürze kannten wir, Teamchef Klaus Dony und Gabriel Winter, Pilot 1, bislang nur von anderen Teams. 80 sind in diesem Jahr angetreten, 69 haben sich für das seit zwei Stunden laufende Rennen qualifiziert. Bedingung war, die 7 Kilometer in 3:39 Minuten zu bewältigen (130 Prozent der Trainingsbestzeit 2:48). Die Suzuki rutscht noch immer. 50 Meter, 60, 70. Als sie endlich ruht, ist der linke Motordeckel durchgeschliffen und Öl in einer langen Spur verteilt. Das war’s dann wohl.
Wie im Film dröhnen die anderen vorbei. Scheinwerfer blitzen, Rücklichter verschwinden hinter der 90-Grad-Rechts. Was für ein Flair diese Motorräder verströmen: RSC- und Meyer-Hondas, Nikko-Bakker- und Yoshimura-Suzukis, Godier-Genoud-Kawasakis, Yamaha XS 1100, BMW R 90 S, Laverda SFC, Moto Guzzi Le Mans, Ducati Pantah und 900 SS, Triumph Trident à la Rob North und T 150 V.
In unserer Box, wo Gabriel und Klaus auf die Vorbeifahrt ihrer silbernen Suzuki warten, teilen wir uns den Platz mit den wohl ältesten Teilnehmern: Horst Scherer und Professor Heiko Bartels („zusammen 130 Jahre“) sind auf Gus Kuhn Suzuki GS 1000 gestartet. Am Freitag, beim Training und Qualifying, hatten sie Probleme mit ihrer externen, riemengetriebenen Lichtmaschine. Aber ihr rheinischer 1a-Mechaniker Mario Boden hat’s in einer Nachtschicht hingekriegt. Horst fuhr einst zwei Dutzend 24-h-Rennen, startete zwischen 1974 und 1986 elfmal in Spa und zehnmal beim Bol d’Or, kam als Privatier gegen bis zu elf Werksteams bis auf Rang 4.
Erfahrene Fahrer bilden auch das dritte Team im Bunde („German Classic Endurance“): Manfred Kaiser und Christian Ganter pilotieren eine bärenstarke RSC-Honda. Allerdings zündete ihr Vierzylinder anfänglich nicht. Sie mussten alle relevanten Teile wechseln: Zündspulen, -geber, -kerzen und -stecker. Lohn der Mühe: Zur Hälfte der vier Stunden liegen sie auf dem siebten Platz. Tankstopps, Fahrerwechsel und Ausfälle wirbeln die Platzierungen durcheinander. Ob die Zuschauer das alles mitbekommen? Trillerpfeifen der Marshalls künden jede in die offene Boxengasse einfahrende Maschine an. Wahnsinn, wie sich die Ränge und Gänge gefüllt haben.
Gegen halb acht abends hielten 69 Helfer die Maschinen an der Boxenmauer fest. Auf der anderen Fahrbahnseite standen 69 Fahrer, jeder in seinen Gedanken ganz allein: Stimmte die Stallregie? Waren eindeutige Zeichen mit den Mechanikern ausgemacht? Wie lang würde ein Tank halten? Beim Training reichte ein Liter für eine Runde. Tief durchatmen. Vergessen war die Suche nach mehr Licht. Beim ers-ten Nachttraining hatte ich gar nichts gesehen, konnte nur nach Erinnerung fahren, als funzelte da vorn bloß eine Kerze: Das Fernlicht hatte zunächst nur 35 Watt.
Auch das Warm-up im strömenden Regen lag hinter uns, der Poker ums Wetter. Zum Glück hörte das Tröpfeln am frühen Abend auf, die Strecke trocknete ab. Nacht und nass, das wäre zu viel gewesen. Als die belgische Flagge den Start zu zwei Einführungsrunden freigab, sprinteten 69 Männer nebeneinander zehn Meter zu ihren Maschinen. Startknöpfe drücken, ein Inferno brach los. Nichts wie los, die alte Start/Ziel runter! Nach der Senke „Eau Rouge“ wirkt das Steilstück Raidillon immer wieder wie eine Wand. Die Startprozedur wiederholte sich, als wir um 20 Uhr erstmals zu vier Stunden Rennen am Stück entlassen wurden – in den Vorjahren gab’s noch zweieinhalb Stunden samstags, eineinhalb sonntags.
Die schnellen Jungs gingen durchs Feld wie das Messer durch warme Butter. Die Ex-Endurance-Weltmeister Richard Hubin auf Yamaha OW 31 und Stéphane Mertens auf Dholda-Honda-Replica hielten schwer rein. Alte Hasen! Aber manche Youngster drehten übermotiviert am Quirl. Da wurde man in einer der häufigen Safety-Car-Phasen auf der Geraden von einem stürzenden Motorrad überholt. Der Fahrer hatte wohl vor der Spitzkehre La Source das Vorderrad überbremst.
All dies erscheint weit weg. Streckenpos­ten packen mich ins Safety-Car (Ringfinger gebrochen). Aufhören tut weh. Als mich der Wagen an der Box ausspuckt, trägt das Team die Nachricht mit Fassung. „Damit muss man rechnen. Wir spielen schließlich kein Hallen-Halma“, kommentiert Klaus trocken.
Das Spektakel geht dennoch unter die Haut; begeistert ist der Journalist Jan Leek, in den 70ern und 80ern selbst Team-Manager bei Langstrecken-Rennen: „Für mich ist das hier ein großes Erlebnis, absolut authentisch.“ Von den einst vier 24-Stunden-Rennen (Barcelona, Le Mans, Paul Ricard und Spa) sei Spa immer „das anspruchsvollste und schnellste Rennen gewesen“. 1976 fuhr das Siegerteam mit der RCB-Honda 4440 Kilometer am Stück.
Dramen in der Dunkelheit: Christian
Ganther muss die letzte Stunde ohne Vorderbremse fahren. Nur mit Motorbremsmoment und Heckstopper fährt er das Rennen nach Hause. Irgendwann überhitzt die Hinterradbremse, die Scheibe hängt abgeschert über der Nabe. Dieser Heldeneinsatz rettet das Team auf Platz 9. Andreas „Pecky“ Peck kommt mit Startnummer 119 und Kompagnon Jörg Rohde auf der 1062-cm³-CB 900 F für den Bol d’Or-Club auf den zwölften Platz. „Mir scheint die Sonne aus dem Arsch“, verkündet der Brandenburger unmittelbar nach dem Rennen.
MOTORRAD-Cartoonist Holger Aue gestikuliert wild, er sei in der gleichen Kurve wie ich fast gestürzt: schleichender Plattfuß vorn. Er konnte die Dynotec-Guzzi „gerade noch mit dem Knie abfangen“. Fast hätte er es danach nicht in die Box geschafft. Der Radwechsel warf ihn auf Platz 60 (!) zurück, doch Holger und Jens Hofmann kämpfen sich bis auf den sechsten Endrang vor, das beste Ergebnis aller deutschen Teams. Auch den Gesamtsieg holt eine Guzzi. Eine weitere, die 850 Le Mans III von Moto Bel, lag drei Stunden in Führung – pilotiert von den Vorjahressiegern Cristophe Charles-Artigues und Laurent Sleurs aus Belgien. Bis ein Getrieberad brach.
Pech hatten auch die schnellen Franzosen Jean-Philippe Dury und David Dumain, die mit ihrer Honda RCB-Replica (Foto S. 86) 30 Minuten vor Ende auf dem zweiten Platz lagen. Dann ereilte sie ein Motorschaden. Horst und Heiko, das flotte Altherren-Duo, wurden als 34. abgewinkt. Toll. Die siegenden Segarra-Brüder haben 78 Runden und einen Schnitt von 135,26 km/h geschafft. Alle angekommenen Teams, gerade mal 37, jubeln wild.
„Starten“ und „stürzen“ sind verwandte
Begriffe. Wir werden 2011 versuchen, das eine zu tun und das andere zu vermeiden.◻

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