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Classic-Cross nahe Potsdam Veteranen-Cross in Brandenburg

Veteranen-Cross geht nicht langsam. Ist das ein Problem? Falls ja: Können die Freunde von Yamaha XT 500 & Co bei der Problemlösung helfen?

Bei oberflächlichem Hinhören ist alles wie immer: Keifende Zweitakter duellieren sich mit brüllenden Viertaktern, alle suchen mehr oder weniger mutig nach der Ideallinie, knallen in die Anlieger, testen ihre Flugkünste. Training in Wietstock beim Oldtimer-Motocross 2012. Gut 80 Fahrer und Fahrerinnen sind ins Brandenburgische nahe Potsdam gezogen, um mal wieder richtig Spaß zu haben.Strahlende Gesichter verraten, dass eigentlich alle diesem Ziel schon recht nah sind, zufrieden rollen sie zum Fahrerlager, in lichtem Wald neben der Strecke gelegen. Die ersten werfen den Grill an, gönnen sich ein Bier, lümmeln in gemütlicher Runde vor Zelt oder Caravan. Zeit, sich die malerisch unter Bäumen geparkten Renngeräte anzuschauen. Alles wie immer?
Vor gut 20 Jahren breitete sich auch in Deutschland aus, was Briten, Holländer und Belgier schon etwas länger praktizierten: Die alten Crosser wurden aus dem Schuppen geholt, aufgemöbelt und bei ganz und gar eigenen Veranstaltungen wieder an den Start gebracht. Nur so, aus lauter Lust. Wer am schnellsten fuhr, hatte gewonnen, klar. Aber damit gewisse Formen von Gerechtigkeit gewahrt blieben, unterteilte man die Maschinen in pre unit und unit, solche mit getrenntem Getriebe und gemeinsamem Gehäuse also, manchmal auch in pre 65 und jünger.
Auf jeden Fall zählten die Starter überwiegend zur Gründergeneration der Stollen-Bewegung, ihre Geräte hießen häufig BSA Gold Star und Rickman-Triumph, oft BSA Victor, CZ, Husqvarna oder Maico und manchmal sogar Lito, FN oder Saroléa. Alles wie immer? Hier lehnt eine Suzuki RM an einer Kiefer, dort eine Montesa. Die CCM da hinten sieht verdammt modern aus, die KTM daneben nicht minder. Jahrelang hatte der Veteranensport vorgegaukelt, die Zeit sei stehen geblieben, und nun das.
Nichts bleibt stehen. Nie, und das ist auch in diesem Fall ein Glück, denn jede Generation hat das Recht auf ihre ganz eigenen Motorräder. Damit treibt sie dann irgendwann auch Oldtimersport, was tendenziell zu immer bunteren Veranstaltungen führen müsste. Aber leider nicht führt. Es gibt nämlich keinen Showlauf im Veteranen-Cross, keine betulichen Runden, während derer das geneigte Publikum brav in die Hände klatscht, weil gesetzte Herren ihre Erfolgsmaschinen vorzeigen. Nein, Cross ist volle Pulle - im Training, im ersten Lauf, im zweiten, immer. Wer nicht mehr in Würde mithalten kann, wechselt auf die Zuschauerränge.

Und lässt die BSA daheim. Weshalb die früher randvollen Starterfelder der pre-unit- und pre-65-Klassen bedenkliche Lücken zeigen. Irgendwer sollte also mal über Showläufe im Veteranen-Cross nachdenken. Oder auch nicht, denn Cross ist... Ja genau, volle Pulle, egal womit. Es gibt sogar eine Hobby-Klasse, in der auch zwei 150er-MZ und eine XT 250 antreten. Warnt Jörg Niemeyer, und der muss es wissen.
Jörg organisiert schon seit vielen Jahren klassischen Geländesport rund um Berlin. Zuerst östlich der Hauptstadt, nun eben südlich, in Wietstock, auf der Strecke des rührigen MC Steglitz. Und er wollte sich nicht irgendwann mit 20, 30 Gleichgesinnten zwischen Tables und Anliegern verlieren. Also hat er alle eingeladen, die gern draußen spielen. Nicht nur jene, die in den üblichen Klassen von pre 60 bis pre 75 antreten, sondern auch solche, die sich trotz regelkonformen Materials noch nicht recht trauen und lieber erst mal unter Hobby antreten. Außerdem rollen noch Twinshocker an den Start, Geräte so bis Baujahr ’84, ’85. Dann ist Schluss.
Außer bei XT, einer exklusiven Wietstock-Klasse: Wenn eine ganze Generation mittels Yamaha XT 500 den Asphalt hinter sich lassen konnte und wenn diese Leute immer noch mit ihren Kisten im Dreck wühlen möchten, dann sollen sie das tun. Zumindest hier. Doch auch in der Klassikerszene gelten die Ideale des Sports: vorne fahren ist am allerschönsten. Dazu braucht es einen gestählten Körper sowie gutes Material. Okay, das mit dem gestählten Körper fällt zunehmend schwer und aktuell sowieso, weil das Bier kalt und die Bratwurst heiß ist. Aber eine bessere Gabel? Eine steifere Schwinge? Ein paar PS mehr? Lutz kennt diese Wünsche von Berufs wegen, er arbeitet beim XT-Spezialisten KEDO in Hamburg.
Bei der friedlichen Eroberung sämtlicher Wüsten und Schotterpässe dieser Welt hat Yamahas Stollenkrad unsterbliche Verdienste erworben. Aber selten mit dem serienmäßigen Fahrwerk. Wer sportliche Ambitionen hegte, winkte gleich ab und griff zur TT 500. Die hatte eine bessere Gabel, bessere Federbeine, eine steifere Schwinge und bessere Lager. Später entstand auf deren Basis und unter Federführung der Cross-Legenden Hallman und Lundin die HL 500. Alle, die über den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles“ hinaus sind, streben eine möglichst große Nähe zu diesem Traumgerät an. Mindestens zur TT.

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Foto: Siemer
Einige reiten in der XT-Klasse munter runter, was sie eben so finden.
Einige reiten in der XT-Klasse munter runter, was sie eben so finden.

Meist steht am Anfang der Umbau auf die etwas längere und etwas steifere Gabel der XT 550. Manche greifen auch gleich zu Teilen der TT oder XT 600, haben dann aber die uncoole Scheibenbremse am Hals. Auf ähnlich harmlosem Niveau agiert, wer so wie früher jeder Afrika-Tourist die 365 Millimeter langen Original-Stoßdämpfer gegen 390er von Bilstein tauscht. Danach wird’s teurer: In der XT von Lutz arbeiten Wilbers-Federbeine. Und komplizierter: Die stützen sich an der längeren Schwinge einer KLX 250 ab.
Etwas mehr Länge bringt auch die Schwinge der Yamaha SR 500, aber kaum mehr Stabilität. Da hilft die XT 600 schon weiter, ihre Schwinge muss allerdings auf Stereo-Federbeine getrimmt werden. So, dann noch andere Rasten, Sitzbank, Lenker und ...? Die anderen fahren weiterhin voraus. Haben am Motor gedreht. Wie Lutz, dessen Single mit Langhub-Kurbelwelle und dickerem Kolben auf 570 cm³ kommt. Schärfere Nockenwelle und Flachschieber-Vergaser sorgen für Würze, gemeinsam mit einem recht luftigen Schalldämpfer bringt das gemessene 45 PS. Mehr als jede serienmäßige HL.
Genug auf jeden Fall, um Lutz anderntags im zweiten Lauf rundenlang wie den sicheren Sieger aussehen zu lassen. Dann zieht einer vorbei, der erstens mit Cheney-Fahrwerk und zweitens mit jugendfrischer Kondition gesegnet ist. Komisch, gegen Ende entwischt noch einer und ... Egal, für Lutz ist Wietstock das absolute Saison-Highlight: Tiefenentspannung unter Freunden, sogar die Frauen kommen mit. Der Stimmung wegen.

Großen Sport gibt‘s aber auch. Im Speziellen sieht das so aus: Jemand restauriert einen herrlichen Hedlund-Motor, der so ähnlich in den Husqvarna-Werksrennern steckte, die 1960, 1962 und 1963 den 500er-Titel holten. Der Single wandert in ein piekfeines Rickman-Métisse-Fahrwerk, das Ganze ist zum Niederknien. Nein, sagt Enrico Franke, der Erbauer, steigt auf und ballert auf die Strecke. Echt sportlich. Eher im üblichen Sinn sportlich läuft die Show von Vincenc Brunner, der im ersten Lauf der Twinshocker auf seiner CCM MX 500 von 1976 eine vier Jahre jüngere Suzuki RM 465 niederringt. Sein bis in die - erleichterten - Kühlrippen getunter BSA B50-Motor bellt giftig, katapultiert Mann und Motorrad in den Brandenburger Himmel. Vincenc Brunner ist ein junger Kerl, auch bekannt als Fahrrad-Trialer. Die CCM gehört seinem Vater, jetzt muss der Junge ran, damit sie weiter bellen kann. Am liebsten für immer, doch im zweiten Lauf fällt sie erst mal aus.

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Foto: Siemer
Jörg Niemeyer, seit vielen Jahren Veteranensportler, organisiert auch selber Veranstaltungen.
Jörg Niemeyer, seit vielen Jahren Veteranensportler, organisiert auch selber Veranstaltungen.

Interview

Jörg Niemeyer (55) ist seit vielen Jahren aktiver Veteranensportler.
Weil er das bleiben möchte, organisiert er selber Veranstaltungen. Beruflich betreibt er mit einem Partner die Hamburger Kult-Werkstatt Single & Twin (siehe MOTORRAD Classic 5/2011).

Was hält jemanden seit über 20 Jahren in der Offroad-Veteranenszene?
Natürlich irgendwie auch das Drumherum, die Freunde. Aber im Kern von Anfang an und immer noch die Motorräder. Das war schon 1985 so, als ich mit ein paar Leuten nach Belgien, Holland und England gepilgert bin, weil man uns dort im Veteranensport weit voraus war. Mich haben die alten Geländesport-Motorräder stets mehr angesprochen als alles andere. Zumal in Bewegung, und am meisten, wenn sie artgerecht bewegt werden.

Warum fährst du immer noch auf Deiner Gold Star rum? Und wo sind all die anderen Alteisen?
Weil meine beiden anderen Crosser gerade kaputt sind. Nein, im Ernst: Die Gold Star ist schon mein Lieblingsmotorrad, weil sie in jene Zeit fällt, in der meiner Ansicht nach die schönsten Geländemotorräder entstanden sind - die 50er-Jahre. Die hießen nicht alle BSA oder Matchless, auch die Belgier und später die Schweden haben tolle Sachen gebaut. Leider sind deren Fahrer oft noch viel älter als ich und lassen ihre Motorräder mittlerweile stehen. Hinzu kommt, dass es auch in unserer Szene vielen sehr ums Gewinnen geht. Und da fährt man mit einem irgendwie gerade noch zulässigen Nachbau mit Jawa-Bahnmotor in manchen Serien eben weiter nach vorn als mit einem schwereren Original. Schließlich kommen die modernen Strecken mit ihren enormen Sprüngen den Oldtimern nicht wirklich entgegen. Wenn man da flott sein will, geht es nicht nur auf die Knochen, sondern auch aufs Material.

Was muss passieren, damit nicht alle 60er-Jahre-Crosser irgendwann im Museum verschwinden?
Wie eben schon angeklungen ist, bin ich skeptisch in Bezug auf die meisten Serien oder Cups. Die ziehen zu viele Leute an, denen es um Siege geht. Nach meiner Ansicht macht das aber nicht den Geist des Oldtimersports aus. Ich glaube, dass man auf regionaler Ebene viel tun kann, indem man - so wie hier in Wietstock - eben für ein Wochenende mal nur die Fahrer alter Motorräder einlädt. Und diese nicht ins Beiprogramm drängt. Ob derlei Initiativen allerdings verhindern können, dass wir Monark und FN und frühe BSA bald nicht mehr auf der Piste sehen, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht kommen wir also um ein europäisches Motocross-Museum nicht herum.

Wie bist du auf die Idee mit dem XT-Lauf gekommen?
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Diese Idee ist von einem Bekannten, der in Berlin einen XT-Laden hatte. Ich habe das gerne aufgenommen, weil ich dachte, dass diese Szenen zueinander passen, und weil mehr Teilnehmer mehr Spaß bedeuten. Bis jetzt ist das aufgegangen.

Foto: Siemer
Es gibt keine Showrunden. Cross ist volle Pulle. Immer.
Es gibt keine Showrunden. Cross ist volle Pulle. Immer.

Info

Fahren und feiern

Das Offroad Festival Wietstock steigt jedes Jahr am dritten Septemberwochenende. Nach den Rennen am Samstag wird bei Livemusik gefeiert.

Weitere Infos unter www.mcsteglitz.de


Einen Veteranencross-Cup mit sieben Läufen richtet der Deutsche Motorsport Verband aus.
Infos unter www.dmv-motorsport.de

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