Alleskleber Reifentest 2004: Sportreifen

Mehr Power, mehr Speed, mehr Dynamik; der Wettlauf bei den Supersport-Motorrädern fordert auch die Reifenhersteller. Und die antworten prompt. Mit lupenreiner Rennsporttechnologie für die Straße.

Fotos: Buenos Dias, Ratering

Teil 1

Haben Sie sich schon für das nächste Reifenpärchen entschieden? Nein? Ach so, Sie sind von der riesigen Palette an Typen und Profilen etwas überfordert. Ehrlich gesagt: wir auch. Um einen Überblick zu kriegen, gibt’s deshalb einmal im Jahr den großen MOTORRAD-Rundumschlag in Sachen Reifen. Als erste von fünf Folgen sind die Sportgummis im 120er- und 180er-Format ohne Zusatzkennung an der Reihe, die also nicht an einen speziellen Motorradtyp gebunden sind. Mit dabei im Ringelreihen: alles was Rang und Namen hat, vombrandneuen Bridgestone Battlax BT 014 über den Force Max von Conti bis zum ebenfalls neuen Michelin Pilot Power.

Aufgeschnallt wurden die Sport-Pellen auf die Suzuki GSX-R 750, Modell 2003, vorsichtshalber ohne Scheinwerfer und Blinker sowie im kostengünstigen Glasfaser-Kleid verpackt. Man weiß ja nie, wie’s läuft. Genau das richtige Kaliber, um die sieben Probanden über die Achterbahn von Lédenon in Südfrankreich zu jagen. Ein klasse Fahrwerk, großzügige Schräglagenfreiheit und ein Granaten-Motor, der den Gummis gnadenlos einheizt.

Quiiitsch. Haaaalt. Auch wenn die Tester jetzt gern richtig an der Gasschnur ziehen würden, bleiben wir auf dem Teppich. Schließlich geht es um Straßensportreifen, in erster Linie gemacht für Schwarzwald, Eifel und sonstige Kurvenparadiese. Darauf wird das Testprogramm ausgerichtet, die Testfahrer dementsprechend an die Kandare genommen. Klare Ansage: Die halbe Strecke wird in lockerer Sitzhaltung ohne Kniekontakt mit dem Asphalt, aber in hurtigem Landstraßentempo absolviert. Dabei müssen Fahreigenschaften wie Aufstellmoment, Shimmy und Lenkpräzision bewertet und abgespeichert werden.

Ein weiterer Vorteil der dezenten Gangart: Die Reifen bleiben in einem angemessenen Temperaturbereich. Zur Kontrolle wurde bei allen Paarungen nach der letzten Testrunde die Temperatur an mehreren Stellen des Vorder- und Hinterreifens abgenommen. Um 35 Grad Celsius mittig vorn und 50 Grad im Schulterbereich hinten pendelten sich die Werte ein, die Abweichung betrug je nach Reifentyp maximal fünf Grad. Somit ein Temperaturbereich, der in etwa bei einer flotten Landstraßenpartie erreicht wird.

Für alle, die mehr als nur lesen wollen: die Reifentest-Filme

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Teil 2

Im zweiten Teil der Rennstrecke, dort, wo die Piste mit langen Bögen und kniffligen Kombinationen die messerscharfe Beurteilung von Haftung, Handling und Kurvenstabilität ermöglicht, geht die Post ab. Schräg und schräger, doch immer mit dem letzten Quäntchen Sicherheit, damit sich die Fuhre nicht im Kiesbett zerknittert. Mit dabei: das Data-Recording mit höchst präziser Aufzeichnung der Geschwindigkeit via Satelliten-Navigation, kurz GPS. Der große Vorteil: Während konventionelle Systeme, welche die Raddrehzahl erfassen, Kurvengeschwindigkeiten aufgrund des sich ändernden Abrollumfangs in Schräglage verfälschen, ermittelt GPS mit bis zu acht Satelliten 20 Mal pro Sekunde die gefahrene Geschwindigkeit in jeder Situation exakt.

Was allerdings nicht darüber hinwegtäuschen kann und darf, dass die subjektive Beurteilung durch den Menschen bei MOTORRAD nach wie vor an erster Stelle steht. Objektiv mögliche Rundenzeiten und Kurvengeschwindigkeiten sind das eine, das Gespür für Straße und Grenzbereich, die Rückmeldung und subjektive Sicherheit das andere – und für jeden Motorradfahrer die wesentlich wichtigeren Aspekte. Alle Punkte, bei denen das menschliche Urteil entscheidend ist, werden von zwei Testfahrern unabhängig voneinander bewertet. Weisen einzelne Kriterien beider Piloten größere Differenzen auf, wird der Reifen nochmals nachgefahren, was während des gesamten Testablaufs nicht notwendig war.

Grobe Ausreißer oder gar Sicherheitsmängel wurden bei keinem der Testreifen ausgemacht. Lediglich am Hinterreifen der Bridgestone-Paarung sichteten die Tester nach dem ersten Umlauf auf der Rennstrecke einen Produktionsfehler in Form eines Fingernagel großen, harten Gummipfropfens in der seitlichen Lauffläche. Da sich die neuen Bridgestone BT 014 zudem ein paar Schwächen in Sachen Kurvenverhalten leisteten, die man von den Vorgängern BT 56, BT 010 und BT 012 nicht kannte, ersetzten die Tester versuchsweise den Vorderreifen durch einen Metzeler Rennsport.

Ergebnis: die unzulässige Mischbereifung aus lenkpräzisem Metzeler-Reifen vorn und erstaunlich griffigem Bridgestone BT 014 R hinten wäre in der Wertung „Kurvenverhalten“ mit 173 Punkten bei den Spitzenreitern. Weil es in der MOTORRAD-Wertung kein Wäre, Wenn und Aber gibt, bleibt das mittelmäßige Resultat der BT-014-Paarung bestehen. Der Abgleich bestätigt die Vermutung, dass der Bridgestone-Vorderreifen mit einer sehr weichen Karkasse auf eine hohe Eigendämpfung getrimmt wurde. Die reduziert unter anderem gefährliches Lenkerschlagen, bietet indes zu wenig Kurvenstabilität.

Teil 3

Eine weitere Auffälligkeit im Renn- streckentest: das Vorderradstempeln, neudeutsch Chattering, mit dem Dunlop D 208 bei rasanter Schräglage. Dabei spürt der Fahrer deutliche Vibrationen im Lenker, ähnlich einem schlecht gewuchteten oder unrunden Reifen, bei gleichzeitigem leichten, aber ungefährlichen Haftungseinbußen.Ein Phänomen, dass im Rennsport die Fahrwerkstechniker und Reifenkonstrukteure in

Zweiter Teil der Reife(n)prüfung: der Nasstest. Immer wieder ein spektakuläres Ereignis, das diesmal auf dem schlüpfrigen Parkett des französischen Reifenherstellers Kleber, einer Michelin-Tochtergesellschaft, über die Bühne ging. Die Strecke mit zwei unterschiedlich griffigen Belägen trennt die Spreu vom Weizen. Wobei MOTORRAD auch hier nicht nur die maximal mögliche Kurvenhaftung und Traktion beim Beschleunigen bewertet, sondern ebenso dem Grenzbereichverhalten eine wichtige Rolle zukommen lässt.

In den langjährigen Erfahrungen der MOTORRAD-Tester wurde der Begriff der Grip-Balance – das Verhältnis von Haftung und Seitenführung an Vorder-und Hinterreifen – zu einem sicherheitsrelevanten Kriterium. Die Kampfspuren auf der alten Lederkombi signalisieren, dass so manche Aktion auf der letzten Rille als Schlidderpartie in der sumpfigen Wiese endete. Genau deshalb favorisiert MOTORRAD Reifen, bei denen das Vorderrad deutlich mehr Haftung aufweist als die fette Walze im Heck. Reifen mit einer Grip-Balance von 55 Prozent vorn zu 45 Prozent hinten lassen sich wesentlichsicherer und eleganter um den Kurs treiben als Pneus mit heiklen 50 zu 50 Prozent Haftungsverteilung, da dem flotten Reiter das Vorderrad schneller entgleitet, als ihm lieb ist – und die gute alte Lederkombi noch verratzter aussieht als vorher. Zudem erlaubt eine präzise Vorderradführung, das Motorrad in sich zuziehenden Kurven auf der engen Linie zu halten, während Reifen mit nahezu gleicher Haftung vorn und hinten bei Nässe zum untersteuern neigen. Alle Ergebnisse wurden in Punktetabellen zusammengefasst. Aus dieser Auflistung lässt sich für jeden Fahrer und Einsatzzweck die ideale Reifenpaarung herauslesen. Wer sich eher mit moderatem Tempo bewegt, kann aufs letzte Pünktchen an Haftung verzichten, zumal alle getesteten Reifen für die flotte Landstraßenfahrt massig Gripreserven bereithalten. Fräst der engagierte Sportler gelegentlich über die Rennpiste, sollten unbedingt die dafür geeigneten Gummis aufgezogen werden.

Dass im Datenkasten keine Preise angegeben sind, hat seinen Grund. Je nach Händler und Region schwanken die Marktpreise gewaltig. Eine Übersicht über die billigsten Angebote ist übers Internet möglich, oder man erfragt die Preise bei den örtlichen Händlern. In der Tendenz sind die Gummis von Avon und Conti zirka fünf bis zehn Prozent günstiger als die von Bridgestone und Dunlop, bis zu 20 Prozent teurer kommen Metzeler- und Michelin- Produkte aus rein europäischer Fertigung.

Der hochaktuelle Test, einige Reifen sind erst seit wenigen Wochen auf dem Markt, machte die zeitaufwendigen Verschleißfahrten diesmal leider unmöglich. MOTORRAD wird jedoch bei den laufenden Maschinen im Dauertest- Fuhrpark ein Auge darauf richten und die Erfahrungen mit den neuen Pneus in Sachen Verschleiß schnellstmöglich veröffentlichen.

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