Sportreport: Eisspeedway Ein Portrait des Eisspeedway-Fahrer Günther Bauer

An einem Wochenende mit Deutschlands bestem Eisspeedway-Fahrer lernt man, wie Bosna schmeckt; sieht, wie die spektakulärsten Schräglagen des Motorradrennsports gefahren werden; kapiert, warum Rennfahrer beste Freunde und erbitterte Rivalen zugleich sein können - und versteht vor allem, weshalb Männer wie Günther Bauer alles für 60 Sekunden Rennen tun. Eisspeedway - wow, was für ein Sport.

Foto: Wolf

Er hat Fieber. Er hustet und röchelt wie ein Lungenkranker. Er friert (O-Ton seines Tuners: "Dem friert‘s immer."). Er hat gerade mit letzter Kraft das siebenminütige Training zum WM-Qualifikationsrennen hinter sich gebracht. Und das ist ihm alles total egal, denn von so einem Drecks-Virus lässt sich ein Günther Bauer nicht von einem liebgewonnenen Ritual abhalten: Bosna-Essen in Downtown Saalfelden. Die österreichische Variante des Hot Dog gehört für den 39-jährigen Oberbayern und sein Team als krönender Tagesabschluss einfach dazu, wenn man mal wieder im Nachbarland das Eis zerfräst hat.

Und überhaupt: Gutes Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, und so ist es für Günther völlig normal, dass er am Trainings-Vorabend mit den beiden Khomitsevitch-Brüdern und deren Team zum Schweinshax´n- und Spare-Ribs-Essen ausrückt.

Die beiden Russen sind im Unterschied zu Günther Profis, die vom Eisspeedway-Rennen leben können. Hinter Vitaly wurde Günther 2003 Vize-Weltmeister, und auch heute noch fetzen sich die beiden auf dem Eis wie eh und je. Der jüngere Bruder Dimitri ist der aktuelle Russische Meister, was im Eisspeedway mindestens genauso viel wie der WM-Titel zählt. Diese knallhart fightenden Russen gilt es zu besiegen, wenn man in der Iceracing-Weltspitze ganz vorn mitmischen möchte. Doch erst einmal kümmert sich Günther mit zig Telefonaten um ein dringend benötigtes Ersatzteil für den Transporter der Russen und organisiert deren Unterkunft.

Unglaubliche Hilfsbereitschaft und herzliche Freundschaften auf der einen Seite, kompromisslose Kämpfe und gnadenlose Rivalität auf der anderen und mit ein und denselben Leuten - vielleicht ist es genau das, was den besonderen Reiz der Eisspeedway-Szene ausmacht. Die leicht nach Phrase klingende "große Sportlerfamilie" wird hier wirklich gelebt, was daran liegen mag, dass diese Familie mit weltweit rund 200 Aktiven dann doch nicht so sehr groß ausfällt - man kennt und man braucht sich.

Wer mehrere tausend Kilometer An- und Abreise auf oft schneebedeckten Straßen, meist nachts und in bis unters Dach vollgepackten Kastenwagen in Kauf nimmt, um ausgerechnet auf spiegelglatten 400-Meter-Ovalen insgesamt nur zwölf Minuten Motorrad zu fahren (besagte sieben Minuten Training plus fünf Rennläufe zu je einer Minute), muss schon ein ganz besonderer Typ, um nicht zu sagen leicht bis mittelschwer verrückt sein. Oder einfach so ein sympathischer Sturkopf wie der in den Sommermonaten als Greenkeeper auf dem Golfplatz in Reit im Winkl arbeitende Günther Bauer.

Der Schlechinger mit dem Spitznamen "Schliff" (Bayerisch für "Lausbub") kam 1990 eher zufällig zum Eisspeedway: "Ein Bekannter hatte sich eine Maschine besorgt, und da habe ich gedacht, was der kann, kann ich schon lange." Konnte er auch und wurde 2000 erstmals Deutscher Meister, gewann 2002 seinen ersten Grand Prix und gehört seitdem regelmäßig zu den 16 Finalisten, die an vier Orten und an acht Renntagen die Weltmeisterschaft ausfahren. Günther ist Amateur, doch sein Team ist absolut professionell organisiert. Drei Mechaniker (kleiner Michael, großer Michael und "Mandi"), Logistiker Wolfgang und Sponsor Robert sind meist dabei, wenn es mal eben zum Training nach Schweden oder zu einem Vorbereitungsrennen an die russisch/chinesische Grenze geht.

Für seinen Tuner Manfred ist Günther Bauer eine ganz besondere Herausforderung, denn der Hüne wiegt mit 95 Kilogramm gut 20 bis 30 Kilo mehr als seine schärfsten Rivalen. Da muss halt etwas gezaubert werden, und so dürfte Günthers Maschine mit 110,3 Kilo Kampfgewicht (Mindestgewicht 110 kg) und 70 PS Spitzenleistung (die Russen haben um die 62 PS) zu den absoluten Top-Geräten im Eisspeedway-Wanderzirkus gehören. Zusätzlich kennt Günther Leute wie Wladimir, die graue Eminenz der Szene. Ein Mann ohne Alter und Nachnamen, aber mit unendlich viel Erfahrung und heilenden Händen. Wladimir beschraubte mehrere Weltmeister, wurde von Günther für ein paar Tage per Flieger nach Bayern geholt und betätigt sich unter anderem als Reifen-Flüsterer, denn die Spikes-Verteilung und der korrekte Fülldruck sind eine Wissenschaft für sich. Es dauert drei Tage bis die 28 Millimeter langen Stahlstifte montiert sind: rund 160 kommen in den Vorderradreifen, zirka 200 ins hintere Gummi. Nach zwei Renntagen sind die Karkassen fix und fertig.

Wer verstehen will, was den Typen Günther Bauer ausmacht, bekommt in seinem Umfeld sehr schnell sehr klare Aussagen: "Der ist grundehrlich, sehr direkt und ziemlich nachtragend" (der Tuner). "Ein Bauer, nicht immer sehr diplomatisch, nachtragend bis in den Tod" (der Sponsor). "Ein echter Rennfahrer mit Biss und Instinkt, der praktisch keine Vorbereitung benötigt. Der weiß auf den Punkt genau, wann es gilt - aber auch, wann man es besser sein lassen sollte. Günther polarisiert, wenn‘s sein muss, ist er absolut kompromisslos" (der Logistiker). "Der fuhr in den Anfangszeiten ohne Hirn, seit gut zehn Jahren aber mit, hat mittlerweile jede Menge Routine, ist materialschonend unterwegs und kann bei Niederlagen sehr selbstkritisch sein. Selbst bei größter Hektik lässt er sich nicht anstecken" (ein Mechaniker). Günther Bauers ältere Schwester bringt es auch gut auf den Punkt: "Der macht nichts hintenrum und ist immer sehr direkt." "Ich kann mich immer absolut auf ihn verlassen, der Günther ist ein echter Familienmensch", sagt seine Mutter. Zu seinen Stärken und Schwächen befragt, hat der verheiratete Vater eines 12-jährigen Jungen auch klare Antworten parat: "Ich bin nervenstark. Aber ich kann mich auch brutal schnell aufregen."

Günther Bauers Erfolg rührt ganz sicher daher, dass ein Großteil der genannten Eigenschaften zum Rüstzeug eines guten Eisspeedwayfahrers gehören muss. Dieser faszinierende und - von den Temperaturen einmal abgesehen - extrem zuschauerfreundliche Sport ist hart, direkt und kompromisslos. Gegenseitiges Abtasten, ewig langes Taktieren - vergiss es. Ein Rennlauf ("Heat") dauert knapp 60 Sekunden. Da bleibt null Zeit für irgendein Geplänkel. Vollgas, umlegen, aufrichten, Vollgas.

30 Meter nach dem Start wird mit dem rechten Fuß der zweite und letzte Gang reingehauen. Der bleibt für vier Runden mit knapp 100 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit drin. Mit 70 Grad oder noch mehr Schräglage und auf Tuchfühlung jagen die Gladiatoren um den Kurs. Nach einer Minute ist alles vorbei - und Familie angesagt.

Günther Bauer ist ein privilegierter Eisspeedway-Fahrer, denn die Finanzierung seines Sports ist durch Sponsoren gedeckt. Mit einem Etat von rund 75000 Euro pro Saison lässt sich vorn mitfahren. So klappte es in Saalfelden auch mit der WM-Qualifikation - vier Siege bei fünf Heats. Mit nur 5000 Euro pro Saison muss das Einmann-Team des Engländers Mark Uzzel auskommen, der in Saalfelden fünf Mal Letzter wurde. Doch Mark bringt es auf den Punkt: "Nicht wir sind etwas verrückt. Ihr seid es, weil ihr KEIN Eisspeedway fahrt."

Nur rund 200 Aktive fahren weltweit Eisspeedway, davon um die 70 in Russland, von denen 20 echte Profis sind. In Deutschland gibt es etwa zehn Fahrer, Günther Bauer und Stefan Pletschacher sind die einzigen Deutschen, die sich für die WM 2011 qualifiziert haben. Gefahren wird mit Maschinen, deren Motorenbasis (500 cm³-Einzylinder, nur Zweiventiler) fast immer vom tschechichen Hersteller Jawa stammt und die mit Methanol betrieben werden. Jawa bietet auch komplette Motorräder (um 10000 Euro), die im Serienzustand aber nicht konkurrenzfähig sind. Die Fahrwerke der Spitzengeräte sind daher Eigenbauten oder stammen aus Kleinstserien. In Top-Maschinen, wie z. B. Günther Bauers Motorrad, stecken rund 20000 Euro allein an Materialwert. Gefahren wird auf Natur- oder Kunsteisbahnen. 16 Fahrer treten jeder gegen jeden an, vier Fahrer starten pro Einzellauf (Heat), der über vier Runden geht. So kommt jeder Fahrer pro Renntag auf fünf Heats, also knapp fünf Minuten Netto-Fahrzeit. Die nächstgelegenen Rennen: 24. und 26./27.2. Berlin (www.eisspeedway-berlin.de); 12./13.3. Assen/NL (www.ijsspeedway-assen.nl), 26./27.3. Inzell/D (www.dmv-lg-suedbayern.de).

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