Standpunkt (Archivversion) Standpunkt

Gila Altmann, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, zum Sound.

Das muss kesseln in den Ohren, meint Werner, öffnet alle Phonschleusen seiner Sattenliterschüssel und brettert durch die norddeutsche Tiefebene. Anerkennung winkt, wenn mensch vormittags schon hört, wer nachmittags zum Mopedtreff kommt. Diese Form ritueller Zuwendung ist mir immer verwehrt geblieben. Wurde ich mit meiner alten Savage gerade noch zwischen den Soundboliden geduldet, ernte ich mit der neuen Drag Star nur noch mitleidiges Schulterzucken. Obwohl 80 dB(A) Fahrgeräusch wahrlich nicht leise sind. Warum fasziniert etliche Motorradfahrer dieser Höllenlärm aus ein bis vier Endrohren? Ist es der Anblick von Kindern, die mit weitaufgerissenen Mündern und Händen vor den Ohren geräuschtechnisch in Deckung gehen? Oder der erhabene Moment, wenn eine Fußgängergruppe panisch auseinanderstiebt und die zitternden Reste langsam aus dem Sichtbereich des Rückspiegels verschwinden? Wenn kurz vor dem Ampelstart der getunte Golf GTI auf dem Fahrstreifen nebenan nicht mal mehr durch Aufdrehen der überdimensionierten Bassboxen mithalten kann? Natürlich nicht. Der Sound hat humanitäre Gründe. Lautstärke soll Leben retten, unaufmerksame AutofahrerInnen vor Vorfahrtverletzungen oder gnadenlosem Spurwechsel warnen, Gartenbesitzer und Fußgänger daran erinnern, dass der Aufenthalt im Freien wegen Ozonloch und Sommersmog gesundheitsschädlich sein kann. All diese wichtigen Aufgaben kann ich mit meinen Flüstertüten nicht erfüllen. Neidisch schaue ich dem Easy Rider mit eingetragenen 102 dB(A) Standgeräusch zu, der gerade sein Feuerross sattelt. Kurz bevor die Maschine donnernd anspringt, drückt er sich bedächtig Earplugs in die Gehörgänge. P.S.: Am 12. April war Tag der Ruhe.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote