Star-Treff am alten Ring––––– (Archivversion) Herren-Runde–––––

Von Schorsch Meier bis Toni Mang: MOTORRAD lud prominente Rennfahrer aus verschiedenen Epochen zur Plauderstunde an den Ring. Neben Stories aus alten Tagen brachten sie auch ihre Maschinen von damals mit.

Obwohl es schon fast 60 Jahre her ist, kann sich Schorsch Meier an seine erste Bekanntschaft mit dem Nürburgring noch ganz genau erinnern. »Es war am 9. November 1938, meinem Geburtstag«, erzählt der 86jährige Senior unter den ehemaligen Rennstars, die MOTORRAD zum Treff in die Eifel geladen hat. »Ich sollte mit dem Grand Prix-Wagen von Auto Union mein Talent als Auto-Rennfahrer unter Beweis stellen. Es lag Eis auf der Strecke, und prompt hat´s mich wenige Kilometer nach dem Start im Hatzenbach gedreht.« Schorsch Meier war wie einige Motorsportler seiner Zeit sowohl Motorrad- als auch Auto-Rennfahrer und hat vor dem Krieg tatsächlich nur im Rennwagen seine Ring-Runden gedreht. Auf zwei Rädern wurde er erst Ende der 40er Jahre auf dem Eifelkurs aktiv (siehe auch Ring-Renngeschichte ab Seite 106). Wie gesagt, Schorsch Meiers Erinnerungen an die seiner Meinung nach »schönste Strecke der Welt« sind auch nach vielen Jahrzehnten noch sehr lebendig. Wobei sich beim Rückblick Erlebnisse aus der eigenen Rennkarriere mit anderen spektakulären Ereignissen aus der reichen Ring-Historie vermischen - wie sich bei einer Autorunde über die heutige Nordschleife zeigte. Kaum hat sein jüngerer Bruder Hans die BMW-Limousine nach der Zahlstelle beschleunigt, sprudelt es aus Schorsch Meier, dem ehemaligen Europameister und Isle of Man-Sieger, nur so heraus. Das Kurvengeschlängel im Hatzenbach war für ihn auch auf dem Motorrad eine Schlüsselstelle: »Da mußt du schön rund fahren, wie wenn du einen Walzer tanzt.« Weiter geht´s Richtung Flugplatz (»Hier hat´s den Winkelhock mit dem Formel 2 mal heftig nach hinten überschlagen«), hinüber zum Schwedenkreuz (»An dieser Stelle ist der Gerhard Mitter im Rennwagen tödlich verunglückt«) und dann die Fuchsröhre hinab (»Das war eine echte Mutprobe, hier voll am Gas zu bleiben«). Die enge Wehrseifen-Kurve mochte Schorsch Meier nicht besonders, kurz darauf kommt das Stück zwischen Ex-Mühle und Bergwerk: »Hier hat der Niki Lauda in seinem brennenden Ferrari gesessen.« Im anschließenden Geschlängel hinauf zum Karussell vermißt Meier einen Sprunghügel, der offenbar bei der Nordschleifen-Renovierung Anfang der 70er Jahre verschwunden ist. Vor dem Brünnchen ist er einmal mit der BMW in die Bäume gerauscht, und auch zum Streckenabschnitt Schwalbenschwanz hat der brillante Geschichten-Erzähler eine Anekdote parat: »Hier bin ich mit der BMW mal in die Wiese gefahren und über ein paar Wassergräben geschanzt, aber nicht dabei gestürzt.« Die Erzählungen der lebenden Rennsport-Legende zeigen, daß die jetzige Nordschleife mit dem Kurs aus den 30er und 50er Jahren nicht mehr zu vergleichen ist. Heute sichern Leitplanken die Strecke, damals dienten Bäume und Büsche als Begrenzung. Die Piste war viel schmaler, das Asphaltband von schlechterer Qualität und zudem mit vielen Sprunghügeln garniert, die heute nicht mehr existieren oder zumindest deutlich entschärft worden sind. Hans-Georg Anscheidt durfte auf der berühmten, 22,8 Kilometer langen Nordschleife dagegen nie Rennen fahren. In den 60er Jahren, als der Suzuki-Pilot dreimal Weltmeister bei den 50ern wurde, startete man die Ring-Grand Prix auf der 7,7 Kilometer langen Südschleife. »Ein sehr gefährlicher Kurs«, erinnert sich Anscheidt. »Es gab keine Sturzräume, in der Südkehre pfeilten wir ebenso haarscharf an einer Streckenbegrenzung vorbei wie an der Brückenmauer unten in Müllenbach.« Wo einst Hans-Georg Anscheidt die 14 Gänge seiner 50er Zweizylinder-Suzuki sortierte, verläuft heute der moderne, 1984 eröffnete Grand Prix-Kurs. Doch auch der ehemalige Held der kleinen Schnapsglasklasse findet am heutigen Ring noch ein Relikt aus seiner Rennfahrerzeit - das alte Fahrerlager mit vielen geräumigen Boxen. »Damals«, so Anscheidt, »mußten wir bei den meisten Rennen im Freien schrauben. Am Ring hatten wir im Fahrerlager wenigstens ein festes Dach über dem Kopf. Gerade beim Eifelrennen im April, wo manchmal noch Schnee lag, war das sehr angenehm.« Seinen einzigen Grand Prix am Nürburgring gewann Anscheidt 1968. Die Erinnerung speziell an dieses Rennen ist bei dem heute 61jährigen aber schon etwas verblaßt. Es muß ausnahmsweise ein heißes Wochenende gewesen sein. Das berichtet Sepp Huber, ein Jahr älter als Anscheidt und in den 60ern und 70ern ein gefragter Schmiermaxe im Renngespann. »Der Teer war von der Hitze so aufgeweicht, daß wir uns mit dem Gespann gedreht haben. Ich wurde im hohen Bogen derart weit aus dem Boot geschleudert, daß ich im Flug Zeit hatte, mir zu überlegen, wie ich am besten lande, um mich nicht zu arg zu verletzen.« Huber, durchtrainiert und geschickt im Abrollen, knackste sich nur das Schlüsselbein an. In seiner 20jährigen Rennkarriere hat der Bayer natürlich auch x-mal die Nordschleife bezwungen. Für die damaligen Gespann-Passagiere, die sich noch weit aus dem Beiwagen herauslehnen mußten, bedeutete eine Ring-Runde wahre Schwerarbeit. »Der Ring war schlimm«, erinnert sich Huber. »Eine schnelle Strecke mit vielen Kurven und einem ständigen Auf und Ab. Und immer wieder stellte sich die Frage, wie es nach der nächsten Ecke weitergeht. Schlimmer war nur noch der TT-Kurs auf der Isle of Man.« Mitte der 70er Jahre spannte Sepp Huber mit Rolf Steinhausen zusammen und konnte mit ihm 1975 und 1976 zwei Weltmeisterschaften feiern. Steinhausen war schon als jugendlicher Fan mit dem Moped die 150 Kilometer aus dem Bergischen Land zu seiner Traumstrecke Nürburgring geknattert, sein erstes Rennen dort endete 1963 allerdings mit schweren Kopfverletzungen. Mit der 500er Solo-BMW war er im Brünnchen gestürzt. Dieser Streckenabschnitt fällt Steinhausen auch spontan ein, wenn er nach seinen Ring-Erinnerungen mit dem Gespann gefragt wird. »Beim Grand Prix 1972 hatten wir nach einem Blitzstart mit deutlichem Vorsprung geführt. Doch im Brünnchen riß mein Beifahrer beim Herumturnen das Batteriekabel ab, und die Führung war futsch.« Im Boot des König-Gespanns, das von einem 70 PS starken Zweitakt-Boxer beschleunigt wurde und den BMW-Viertaktern damals bereits motorisch überlegen war, agierte in jenem Rennen aber nicht Sepp Huber, sondern ein gewisser Werner Kapp. Toni Mang, mit 47 Jahren der jüngste Teilnehmer der Ring-Herrenrunde, feierte auf dem Eifelkurs einen Einstand nach Maß: Er kam, sah und siegte. 1976 startete er zum ersten Mal auf der Nordschleife und gewann prompt beim Grand Prix Deutschland das 125er Rennen. Und das, obwohl typisches Eifelwetter mit Nebel, Regen und Eiseskälte die Bedingungen erschwerte und Mang die Strecke noch gar nicht richtig kannte. Vier Jahre später spielte Mang eine Hauptrolle beim Grand Prix-Finale des alten Nürburgrings. Den 250er Titel hatte der Bayer bereits in der Tasche, in der Eifel konnte er zum Saisonschluß gegen den Südafrikaner Jon Ekerold auch die 350er Weltmeisterschaft gewinnen. Ständig wechselte die Führung zwischen den beiden, am Ende des legendären Zweikampfs wurde Mang mit der Krauser-Kawasaki nur um wenige Meter geschlagen. »Ich hatte neue Zündkerzen von Suzuki bekommen und die Dinger reingeschraubt, ohne sie vor dem Rennen auszuprobieren. Der Motor drehte deshalb 200 Touren weniger, und Ekerold konnte mich in der letzten Runde auf der langen Geraden hinauf zum Ziel noch überholen.« Bis aufs Wetter hat Toni Mang durchweg gute Erinnerungen an den Ring, »wo nicht jeder gewinnen konnte und sich die Spreu schnell vom Weizen trennte«. Eine Passage behagte ihm allerdings nicht besonders: das Karussell. »Das Motorrad wurde bretthart auf dieser Rüttelpiste, und man konnte kaum noch etwas sehen, so hat´s einen dort durchgeschüttelt«, beschreibt der Ex-Weltmeister die Fahrt durch die überhöhte Kurve. Solche Spezialitäten hat der neue Kurs nicht mehr zu bieten. Auch hier hat Toni Mang mehrere Grand Prix bestritten, ehe er 1988 den Helm an den Nagel hängte. Er kennt also alle Facetten des Rings, während Schorsch Meier nicht schlecht staunte, was sich an der Strecke alles verändert hat. Zuletzt war der große alte Mann des deutschen Motorradsports in den 70er Jahren am Nürburgring gewesen - die neue Anlage hatte er bei dem MOTORRAD-Termin zum ersten Mal gesehen.

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