Start ins Frühjahr (Archivversion) UnD<br /><br /> Die <br /><br /> Kunst, <br /><br /> ein <br /><br /> MOtOrrad <br /><br /> zu <br /><br /> starten

Er liegt noch da, wo ich ihn letzten November hingelegt habe. Auf der Ablage im Keller. Zwischen einer Dose Bihunsuppe, Fahrradschuhen und der Flasche Prosecco. Zementiert mit einer Schicht aus zertrümmerten Fliegen, Dreckspritzern und Abgasen. Längliche Kratzer verunzieren das Dekor. Haben sich millimetertief in die Karbonschale gefressen und den Wiederverkaufswert schlagartig gen null getrieben. Vier Monate war er alt, hat etwa zweitausend
Kilometer lang unbeschadet dem Fahrtwind getrotzt. Dann kam dieser Stein. Dick. Hoch. Kantig. Irgendwie im Weg. Dazu die Irritation durch gleißendes
Sonnenlicht. Und anschließend der Sturz. Habe ihn zehn Meter über den Schotter gerieben, ehe ich zum Liegen kam. Der Helm hat’s überlebt. Ich auch. Meine Hände haben damals gezittert, als ich ihn abnehmen wollte.
Und das tun sie heute wieder. Ganz leicht. Hauchzart. Warum? Vorfreude, klar. Nur noch wenige Augenblicke,
dann werde ich ihn aufsetzen und sie zum Leben erwecken. Mich am dumpfen Klang aus ihrem Endschalldämpfer laben. Dem Pulsieren in den Lenkerenden. Dem Schnorcheln aus dem Luftfilterkasten. Diesem mechanischen Konzert mit rotierender Kurbelwelle, exzessiv lebender Steuerkette, schlitterndem Kolben sowie vier schnatternden Ventilen.
Fünf lange Monate hat sie in der Garage gestanden. Aufgebockt. Eingeölt. Kettengefettet. Voll getankt. Die Welt vor dem braunen Stahltor nichts weiter als eine grauweiße, kalte Decke. Zerfledderte Salzfladen. Glatteis. Nebel. Schneetreiben. Gänsehaut. Jedes Mal, wenn ich das Auto reinfuhr und die Wintertristesse wie eine unheilvolle Woge hineinschwappte, bin ich zu ihr hingegangen. Habe das Laken gelupft, das sie vor Staub und – so will es mein Herz für Zweiräder – vielleicht auch ein wenig vor den Pranken des Frosts schützen sollte. Habe sie angeschaut, kurz über den
Sitz gestreichelt, manchmal bedeutungsschwanger den Kupplungshebel gezogen oder das Tachoglas per Zeigefinger kurz poliert. Aber letztlich immer auf genau diesen Augenblick gewartet.
Jetzt ist er da. Sonnenschein, seichter Ostwind, der Himmel eine blassblaue Verheißung. Die Hände zittrig feucht,
im Bauch dieses Kribbeln. Ich stehe vor
ihr. Atme erleichtert aus. Zwirble mit
den Fingern an meinem Baumwolltuch. Reibe den linken Nasenflügel. Beäuge sie liebevoll wie ein Vater sein Neugeborenes. Absolut nichts hat sie von ihrem Charme eingebüßt. Die Form – zeitlos. Die Plastikteile – unzerstörbar, so muten sie zumindest an. Der Motor – eine Reminiszenz an die Reduktion als solche. Oder der Ölkühler: elegant um den Lenkkopf geschwungen, effektiv und bedingungslos sturzgeschützt. Kann man eine Frau nur wegen ihres rechten Unterarms lieben? Vielleicht. Zwischen Mensch und Maschine ist so etwas ganz normal. Ich liebe sie allein schon wegen ihres Ölkühlers, dem wunderbarsten Zusatzaggregat, das ich je an einem Motorrad entdeckt habe. Symmetrische Kühlrippen, halbrund. Maßhaltig. Gummi gelagert. Ultrastabil. Ein mechanisches Kunstwerk, das ich mir auch ins Bücherregal stellen würde. Zwischen Kant und King.
Genau wie das ganze Motorrad ins Wohnzimmer. Wenn es sich nicht im sechsten Stock befinden würde. 112 Stufen. Ohne Aufzug. Das Treppenhaus ein schlechter Witz. Wenden unmög-
lich. Derartige Probleme werden bei der nächsten Wohnungssuche berücksichtigt, versprochen. Hat aber vorerst acht oder neun Monate Zeit. Denn wer denkt bei der Geburt schon an den Tod?
Ja, Geburt. Die Wiedererweckung nach dem Winterschlaf eben. Plane entfernen, abbocken, hinausschieben ins Licht, erschaudern, grenzenlose Freude. Ein kleiner Klaps auf den E- oder Kickstarter – schon schreit sie. Wenn alles glatt geht, versteht sich. Vorerst lehnt sie lässig auf dem Seitenständer. 141 Kilogramm vollgetankt. Und das, obwohl der Tankinhalt von acht auf 24 Liter erhöht wurde. Hab’ das dicke Fass letztes Jahr im Mai montiert. Keine Ahnung, welcher Italiener die Form dafür entwickelt hat, richtig gepasst hat es trotz ABE von
Anfang an nicht. Unterlegscheiben, längere Schrauben, Gummifütterung, Langlöcher – ein abendfüllendes Gefrickel. Hat exakt eine Woche gehalten. Und
löste sich ausgerechnet im hochalpinen Bereich. Eine Tagesreise entfernt vom nächsten Händler. Was also tun? Das Styropor, mit dem ich damals den Tank gegen den Rahmen abgestützt habe,
als Führung sozusagen, steckt immer noch an der Stelle. Verrichtet stur seinen Dienst. Jedes Mal, wenn ich es sehe, denke ich an Austausch. Aber warum sollte man etwas austauschen, wenn es perfekt funktioniert?
Nur der Form halber? Weil anderes schöner ist? Oder neuer? Aufregender? Ansichtssache. Kleines Beispiel: Acht von zehn meiner Bekannten haben irgendeinen Zubehörauspuff montiert. Da ist beinahe derjenige Individualist, der das Original spazieren fährt. So wie ich. Egal. Zurück zu ihr.
Es sind die letzten zehn Meter,
die ich vor dem Start abschreite. Ein
Mal rundherum. Die metallbeschlagenen Stiefel klacken wie Sporen von Westernhelden, wenn sie sich der Saloontür
nähern. Mein Gefühl ist ähnlich. High noon. Umkehr unmöglich. Frau und Kind sind auf Besuch bei Freunden, die Kumpel informiert, Zeit- und Treffpunkt ab-
gesprochen. Wie zwei uralte Freunde stehen wir nebeneinander. Zwei, die sich dieselben Erlebnisse teilen. Zwei, die sich ohne Worte verstehen. Meine Finger ertasten den Benzinhahn. Drehen ihn von off auf on. Es gibt nur eine Situation, in der das Öffnen bedeutungsvoller ist als nach der Winterpause. Dann nämlich, wenn man das Motorrad komplett zerlegt hatte. Fast meine ich, das Benzin durch den Schlauch rauschen zu hören, zu spüren, wie es den Schwimmer
anhebt. Widerwillig gleitet der Helm über meinen Kopf. Zugenommen? Mehr Haare können es jedenfalls nicht sein. Doppel-D-Verschluss. Sieben Fingergriffe. Vielleicht acht. Übergegangen in Fleisch und Blut. Eine fließende Bewegung, die man nie verlernt.
Genauso wie das Motorradfahren. Die Lenkerenden in den Händen, zwischen den Beinen die Sitzbank. Vollkontakt. Wer hätte je gedacht, dass Metall und Fleisch derart harmonieren,
ja fast miteinander verschmelzen? Alle Sorgen, Bedenken und Probleme der letzten Jahrzehnte – wie weggebeamt. Durchatmen, Kickstarter ausklappen. Bein anspannen. Und runter damit. Wann ist wieder Winter? Irgendwann. In weit, weit entfernter Zukunft.

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