Starter-Spezial (Archivversion) Streetfighter

+++ Wer heute Motorradfahren lernen will, braucht echten Mut für den Gang zur Fahrschule +++

Sie sind weg. Verschwunden. Ganz klammheimlich. Und wir haben’s kaum gemerkt. Jetzt sind sie leer, die Schul- und Discoparkplätze, die Trottoirs vor den coolen Intreffs – keine Mofas mehr, keine 125er, hier und da ein paar 50er-Roller, das war’s. Die kleinen Flitzer – einfach abgetaucht. Einst Traum und Lebensphilosophie einer ganzen Generation, tritt die kleine Freiheit auf zwei Rädern heute bestenfalls noch als Randerscheinung im Szenario der Jugendsünden auf. Mopedfahren ist mega-out. Komischerweise aber nur in Deutschland. In anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Italien oder England boomt das Zweirad nach wie vor. Sind Deutsche also anders gepolt, Youngster hier zu Lande nur noch virtuell interessiert? Klar, heute konkurrieren viel mehr Produkte um die Gunst der Jugendlichen; Computer, Internet, Handys, Mountainbikes und coole Klamotten müssen finanziert werden. Doch 50er und 125er wären sicher auch hipp, wenn man sie ohne großen Aufwand fahren könnte... Doch so easy ist das in diesem Land nicht mehr, wo derartige Dinge inzwischen reglementiert sind wie der Katastrophenplan eines Atomkraftwerks. Es beginnt beim Mofa. 25 km/h schnell, dürfen 15-Jährige sie erst nach Fahrschulbesuch und Bescheinigung über Theorie und Praxiskenntnis fahren. Kosten: etwa 130 Euro. 16-Jährige können eine auf 45 km/h begrenzte 50er bewegen, müssen dafür aber schon richtig ran: 14 Doppelstunden Theorie und Grundfahrübungen plus Fahrprüfung. Dann sind sie M-Klässler. Kosten: 400 bis 500 Euro. Alternativ steht mit 16 eine auf 80 km/h gedrosselte 125er zur Wahl. Allerdings ist dafür der Führerschein Klasse A1 fällig: 16-mal Theorie, Grundfahrübungen, zwölf Pflichtstunden Sonderfahrt und eine Prüfung nahezu auf Vollführerscheinniveau. Genau wie die Kosten: 1200 bis 1500 Euro.Beim Auto- oder Motorradführerschein zwei Jahre später ist jeweils noch mal rund derselbe Betrag fällig (A1-Inhabern wird die Hälfte der Pflichtfahrstunden angerechnet): beide zwischen 1400 und 1600 Euro. Macht zusammen rund 3000 Euro! In altdeutsch: 6000 MARK! Nur für die Fahrerlaubnis. Ein Moped hat man dann immer noch nicht. Zur Erinnerung: Wir reden hier nicht über Investitionspläne von Erwachsenen mit 14 Monatsgehältern, Eigenheim und Aktien-Depot, sondern vom Budget junger Auszubildender, Schüler oder Studenten. Da muss man verdammt oft Zeitungen austragen, Ebay zocken oder Geburtstag haben.Ganz anders in Italien, dem Mutterland vieler kleiner Kurvenkratzer. So dürfen sich italienische Jugendliche bereits mit 14 und völlig führerscheinfrei auf einen 50er schwingen. Zudem fahren Italiens 50er meist ungedrosselt und mit satten 80 Sachen durch die Gegend. Problematisch dabei: Viele der 14-Jährigen kennen nicht mal die Verkehrszeichen, was entsprechend häufig zu Unfällen führt. Italien will das Problem jetzt mit dem »patentino« in den Griff kriegen: dem so genannten »Führerscheinchen«, das die Jugendlichen in der Schule machen sollen. Ab 16 kann wie in Deutschland der A1-Schein erworben werden, jedoch ohne 80-km/h-Limitierung. Die A-Lizenz unterscheidet sich nur durch den früheren Direkteinstieg mit 21 statt 25 Jahren.Durch ein weniger aufwendiges Fahrschulpflichtprogramm und die Möglichkeit, mit Privatpersonen Fahrstunden zu absolvieren, liegen die Kosten in Italia deutlich niedriger. So ist der Autoführerschein mitunter schon unter 500 Euro zu kriegen. Und er berechtigt generell zum Fahren von 125ern – was in Deutschland nur alten »Dreiern« (Stichtag 1. April 1980) vorbehalten ist. Der Effekt: 19 Prozent der Italiener fahren irgendein Zweirad, meistens Roller. Die Gründe sind oft pragmatischer Natur, da man sich in Italiens verwinkelten und verstopften Altstädten anders meist gar nicht mehr fortbewegen kann und die öffentlichen Verkehrsmittel unpünktlich und überfüllt sind. Auf dem Land ist die Situation in der Regel noch extremer, Busverbindungen gibt’s entweder überhaupt nicht oder zu unmöglichen Zeiten. Da bleibt gerade Schülern häufig keine andere Wahl als der Roller. Entsprechend bieten die Hersteller oft günstige 50er-Finanzierungsangebote an – und der Staat Kaufzuschüsse, um Ersteren auf die Sprünge zu helfen. Es geht eben nichts über eine gute Lobby. In Frankreich sind die Verhältnisse ähnlich, nur dass man dort das Unfallrisiko der 50er-Fahrer abfängt: Auch hier ist der Einstieg mit 14 Jahren möglich, aber erst nach einem Theoriekurs in der Schule (!) sowie drei Stunden Fahrschule – mit rund 70 Euro ist dann der Weg frei. Verantwortlich für den strengen deutschen Anforderungskatalog der Fahrschulen ist eine Kommission aus Fahrschul- und Behördenvertretern sowie technischen Sachverständigen. Diese orientierte sich an einer Unfallstudie, die Kollisionsschwerpunkte vorwiegend nachts und außerorts ermittelte. Daraus wurde für alle Motorradschüler ein Pflichtstundenplan entwickelt, der zwölf Doppelstunden ausschließlich für Nacht-, Überland- und Autobahnfahrten vorsieht. Mit rund 50 Euro pro Ausbildungseinheit treiben sie zusammen mit happigen Grundgebühren den Lizenzerwerb in Schwindel erregende Höhen. Die Übungsstunden zum eigentlichen Erlernen der Zweiradbeherrschung sind in den Pflichtlektionen noch nicht mal berücksichtigt. Eigentlich ein sicherheitsbewusster Ansatz, dessen Folgen jedoch den Einstieg Jugendlicher nahezu abgewürgt haben. Während sich die Zahl der Autoführerscheinabsolventen in den letzten zwei Jahrzehnten nahezu verdoppelte und inzwischen schon über den Einstieg mit 17 Jahren nachgedacht wird, stagniert der Zweiradbereich laut Kraftfahrt-Bundesamt vollständig. Manche Hersteller versuchen gegenzulenken und beziehen wie BMW und Sachs gelegentlich die Führerscheinkosten in die Neukauf-Finanzierung mit ein oder spendieren Bekleidungsgutscheine. Harley macht bei Big-Twin-Einsteigern 500 Euro für die Pappe locker, und Suzuki gibt bei einigen Modelle Benzingutscheine oder eine Versicherung gratis dazu. Schöne Ideen, die aber über die wahren Verhältnisse hinwegtäuschen. Denn mit 18 Jahren für den Motorradeinstieg bereits am Kredittropf zu hängen ist skandalös. Ein Gutes allerdings hat die Sache – mangels Risikogruppe sind die Versicherungen deutlich billiger als für junge Pkw-Einsteiger oder in Italien. 50er-Roller werden für rund 100 Euro haftpflichtversichert, 125er-Roller für 150 Euro und ein 125er-Motorrad für 400. Letzteres ist zwar kein Pappenstil, entspricht jedoch dem Risikotarif, den schnelle Einsteigerfeilen schon immer zahlten. Dafür sind 34-PS-Motorräder mit 150 Euro jährlich beinahe ein Sonderangebot. Denn ein 50-PS-Polo kann einen Fahranfänger bis zu 1900 Euro Haftpflichtversicherung kosten, nur mit Elternzulassung geht es unter 350 Euro. In Italien wird ein 50er-Roller-Pilot mit bis zu 1000 Euro zur Kasse gebeten, 34-PS-Einsteiger sogar mit bis zu 1500 Euro. Wobei hier weniger Unfallzahlen, sondern die korrupte Versicherungsbranche mit Preisabsprachen dahinter stecke, wie Insider wissen. Dennoch wird beim Vergleich klar: Wer jung und ohne große Hürden auf die kleinen Flitzer darf, bleibt später oft begeistert als Biker am Ball. Bereichern dann noch populäre Rennidole wie in Italien die Szene und belegen Motorrad-Events die bestenTV-Sendezeiten, dann läuft das mit der Motorradbegeisterung ganz von selbst. Wer dagegen schon von der Fahrschule verschreckt wird, wendet sich lieber gleich anderen Hobbys zu. Bleibt zu hoffen, dass die deutschen Verbände ihre Regeln überdenken. Bevor es keinen mehr gibt, der sie noch braucht.

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