Steilwandfahrer (Archivversion)

Auf und nieder, immer wieder. Sie treiben’s im Kessel. Schon 65 Jahre lang.

Ein Oktoberfest ohne die Steilwand-Kitty - für das Münchner Originalgenie Karl Valentin wäre das wie eine Wies’n ohne Maß: »Was die für eine Schneid hat - da kann sich mancher Schneider dran ein Beispiel nehmen.« 1946, als Valentin seine »Motorkesselfahrt« im Bayerischen Rundfunk sendefertig machte, war Kitty schon 16 Jahre im Geschäft. Die Geschichte der Steilwand in Deutschland - das ist auch die Geschichte der Kitty Mathieu. Kitty war schon immer verrückt nach Motorrädern. Mit 14 gab’s die erste Maschine. Berufswunsch: Motorradschlosserin. Klappte nicht. Die Hamburger Deern, die damals noch auf den gutbürgerlichen Namen Käthe hörte, mußte auf Tour. Mit der Schiffschaukel der Eltern von Rummelplatz zu Rummelplatz. Daß sie Jahrmarkt und Krad dennoch irgendwann zusammenbringen würde, wußte die 19jährige spätestens seit ihrer Englandreise anno 1929. Da stand sie erstmals vor der »Wall of Death« - der Todeswand. Für Kitty ein Lebenselixier. In Deutschland fand diese Jahrmarktssensation aus den USA nur in den tönenden Wochenschauen und illustrierten Wochenblättern statt. Was sich schlagartig änderte, als 1930 der amerikanische Motorradartist Captain Bob Berry im Berliner Luna Park den Holzkessel rauf und runter sauste. Der Schausteller Arthur Franke kam, sah, kapierte, kopierte und sorgte zusammen mit weiteren Nachahmern auf dem Oktoberfest für eine kleine Wies’n-Revolution. Die von den Münchner Neuesten Nachrichten am 21. September 1930 mit bajuwarischer Finesse vermeldet wurde: »Motorräder fuhren an der Innenwand eines wie ein großer Maßkrug aussehenden Holzbaus in Spiralen von unten nach oben, also buchstäblich die Wand hinauf, mit einer Geschwindigkeit bis zu 100 Stundenkilometer.« Von diesem denkwürdigen Auftritt an schossen die runden Bretterbuden wie Pilze aus dem Boden. »1933 habe ich mir die Wand bauen lassen«, erzählt der Schausteller Georg Koch. »Da waren 14 oder 16 Zimmerleute, die haben mir die Steilwand in acht Tagen fix und fertig hingestellt.« Die Maße hatte er, Tradition verpflichtet, von einem anderen Geschäft in einer Nacht- und Nebelaktion abgekupfert. Und Käthe? Die verwandelte sich über Nacht in die »Deutschamerikanerin Kitty« - das hörte sich auf dem Rummel ein kleines bißchen aufregender an als Käthe Müller - und präsentierte sich auf dem Hamburger Dom als »erste deutsche Steilwandfahrerin«. Die Leute konnten nicht genug bekommen von diesem Kesseltreiben. Doch nicht jeder glaubte, daß alles mit rechten Dingen zugehe, wenn die Artisten wundersamerweise die Wände hoch- und runterfuhren. Das einfache physikalische Gesetz von der Fliehkraft, welche die Maschinen gegen die Bretter preßt, wollte nicht jedem einleuchten. Einige erfindungsreiche Köpfe vermuteten sogar, daß Magneten oder ein ganz spezieller Klebstoff den Fahrern und ihren Maschinen bei dem vertikalen Gewerbe zur horizontalen Stellung verhelfe. Der Weltwunder waren auf einmal acht. Wer eine solch zugkräftige Attraktion besaß, hatte finanziell erst mal ausgesorgt. Andrang und Interesse waren groß, Arbeitskräfte während der schweren Wirtschaftskrise billig zu haben. Gefragt war nur eine gehörige Portion Mut - einziges Einstellungskriterium für diesen Knochenjob. »Die Steilwandfahrer werden wegen der Lebensgefährlichkeit ihres Berufes von keiner Unfallkrankenkasse aufgenommen«, animierte die Wies’ngänger auf dem Oktoberfest ein Rekommandeur, so nennt das fahrende Volk den Großsprecher vor der Bude. »Die Fahrer haben daher unter der Mithilfe des geschätzten Publikums einen eigenen Unfallfonds gegründet, um über die erste schwere Zeit eines eventuellen Absturzes leichter hinwegzukommen. Ich hoffe, Sie haben Verständnis, wenn ich Sie einfach bitte, eine Kleinigkeit in die Mitte der Fahrbahn zu werfen.« Sie warfen, wie die vielen Kratzer an Kittys Indian beweisen. Auf den großen Jahrmärkten jagte eine Vorstellung die andere. Bis zu 40mal am Tag mußten die Fahrer in den Ring. Am Ablauf des meist viertelstündigen Programms hat sich bis heute kaum etwas verändert. »1936 haben wir angefangen«, erinnert sich die Artistin Martha Frickenschmidt. »Ich bin zuerst nur vorn auf dem Tank mitgefahren, damit ich das Motorradfahren lerne - die Balance, den Druck und die ganze Eigenart. Dann habe ich die Begrüßungsfahrt gelernt, dann das Überholungsrennen, ich mit der 750er Indian, mein Mann mit der 600er. Danach waren seine Kunstfahrten dran.« Im harten Geschäft an der Wand brachten es nur wenige Frauen zu Ruhm und Ehren. Sie stießen dazu, weil ihre Freunde oder Männer dort ihr Brot verdienten, setzten sich possierlich auf den Tank oder in den Seitenwagen und konkurrierten auf der Parade vor der Bude leibhaftig mit den vollbusigen Mädels der Fassadenmaler. Schaugeschäft. Kitty war da anders. Und sie hatte mehr Glück als Maureen Swift, die ebenfalls von der Wand verzaubert war. Bereits als 18jährige leitete die Engländerin zusammen mit ihren Eltern ein eigenes Steilwandunternehmen, drei Jahre später, 1953, tourte sie durch Deutschland, heiratete ihren Kollegen Siegfried Sluppke, ließ sich in Bayern nieder. Als sie schwanger wurde, gab sie die Fahrerei auf - ein Verzicht, den sie nie verkraftet hat. Maureen war auf Entzug von der Wand, griff zu anderen Reizmitteln und starb viel zu früh. 1975 - da war sie gerade mal 43 Jahre alt. Wie Kitty galt auch Maureen als Naturtalent, dem in den Schoß fiel, was viele ihrer Partner sich erst mühsam aneignen mußten. »Wir haben den ganzen Winter 1930/31 trainiert«, erinnert sich der Steilwandakrobat Georg Koch. »Angefangen haben wir mit Fahrrädern. Es ist nämlich nicht so einfach, in die Wand zu kommen, wenn man überhaupt nichts davon versteht. Die erste Zeit ist es so, daß man meint, mit dem Motorrad müsse man gleich mit ziemlichem Tempo hinauffahren. Aber da fällt man jedes Mal runter.« Reich wurde keiner der Fahrer und Fahrerinnen. Heute nehmen die meisten den Job nur an, weil sie keine anderen Berufschancen sehen. Wer nicht viel zu verlieren hat, riskiert schon mal mehr. So treten in der Steilwand von Hugo Dabbert Artisten auf, die vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien geflohen sind. Lieber Todesfahrer als Todeskandidat. Es gibt sie aber immer noch: die Enthusiasten, die vom Kessel besessen sind und nie mehr davon loskommen. Hans Meiners ist so einer. Er gehört zu den wenigen Motorradakrobaten, die zu Rang und Namen kamen, obwohl sie ihr ganzes Steilwandfahrerleben immer andern zu Diensten waren und es nie zu einer eigenen Wand brachten. Noch mit 75 Jahren glänzte der »Ästhet der Steilwand« mit spannenden Akrobatiknummern und seiner Fähigkeit, so langsam wie nur möglich zu fahren, die vom Gesetz der Fliehkraft geforderten 36 km/h nur ganz knapp zu überschreiten. »Die Technik kann man nicht erklären, die muß man fühlen«, behauptet Meiners. Dennoch stürzte er in den 51 Jahren seines Schaustellerlebens zwei Dutzend Mal ab. Er brach sich beide Schulterblätter, als der Gang seiner Indian während der Fahrt heraussprang, einmal geriet seine Maschine während der Fahrt in Brand. Gruselig auch der Sturz aus sechs Metern, als sein Motorrad an den Drahtseilen am Kesselrand hängen blieb. Meiners wollte dennoch nicht in den verdienten Ruhestand. Dazu mußte man ihn überreden. Kitty dagegen wußte ganz genau, wann die Zeit gekommen war, sich aus dem aktiven Steilwandleben zu verabschieden. 1968 ging auch für sie eine Epoche zu Ende. Die begann 1935, als Kitty zusammen mit Pitt und dem Fahrer Alois Höcherl als »Kitty und ihre beiden Pitts« zum Inbegriff der Motorkesselartistik in Deutschland wurde. Dieses Engagement endete 1949, als Kitty den Münchner Schausteller Franz Mathieu heiratete. Pitt starb 1959 bei einem Verkehrsunfall, und Kitty wollte dessen Geschäft übernehmen. Weil Pitts Witwe etwas dagegen hatte - mit dem bekannten Unternehmen ließ sich auf Rummelplätzen wieder gutes Geld verdienen -, machte Kitty ihren eigenen Laden namens »Kitty und Pitt 2« auf, was der Witwe, deren Wand jetzt »Die drei Pitts« hieß, ebenfalls nicht behagte. Bei so vielen Pitts blickte der einfache Volksfestbesucher nicht mehr so recht durch, und so kam es zu einem gerichtlichen Vergleich, bei dem Kitty sich verpflichtete, Pitt 2 nun römisch als »Original Kitty und Pitt II« anzukündigen. Damit ließ sich gut leben. Vorerst. Denn als in den 60er Jahren die Blechkarossen das Motorrad von dem Straßen verdrängten, kamen auch die gekräderten Artisten langsam, aber sicher unter die Räder. Der Zuspruch des Publikums ließ nach, und die Jahrmärkte erlebten eine technische Revolution mit Autoscootern und hydraulisch gesteuerten Karussells. Viele der alten Buden machten dicht, Kitty hielt durch, blieb bis 1987 »Im Banne der Motoren«, wie sie ihre Wand jetzt nannte. Als sie 1990 in einem Hamburger Altersheim starb, verschwand auch ihr Unternehmen. Traurige Aussichten: Mit den Pionieren der Steilwand stirbt auch ihre Kunst.

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