Strandrennen in Lignano/Italien (Archivversion) Drei Stunden Ewigkeit

Es scheint ganz einfach. Derjenige, der zuerst 70 Runden absolviert hat, ist Sieger des traditionellen Strandrennens im italienischen Lignano. Doch finsterste Nacht und hüfttiefe Spurrillen machen drei Stunden zu einer Ewigkeit.

Wer glaubt, die Hölle sei dunkel, irrt. Sie ist beleuchtet. Zumindest teilweise. Montiert an fünf haushohen Masten, versuchen leistungsstarke Scheinwerfer die Nacht zu verdrängen. Eine Nacht, die rund 280 Kilometer höllischen Tiefsand gegen eine Handvoll verbissen kämpfender Motorradfahrer aufbietet. Mehr als 10000 Zuschauer säumen den Strand von Lignano, einem typisch italienischen Badeort. 15000 Seelen im Winter, 100000 in der Hauptsaison. Piazzas, Cafés, Schuhgeschäfte, Supermärkte, Pizzerias, geschätzte tausend Einbahnstraßen. Den Strand, im Sommer so belebt wie der Ballermann, umzingeln Klopapierautomaten für Hundekot und sorgfältig drapierte Palmen. Bella Italia. Traditionell am letzten Wochenende im April findet hier, direkt an der Promenade, pünktlich um Mitternacht ein Motorradspektakel besonderer Art seinen Höhepunkt. Warum gerade nachts gefahren wird, daran kann sich heute niemand mehr erinnern. Vielleicht, weil die Mitglieder des Motoclub Morena damals vor 18 Jahren zu nächtlicher Zeit auf die Idee kamen, den besten Sandfahrer zu küren. Vielleicht, weil alle dem Alkohol zugesprochen hatten. Oder beides? Fakt ist jedenfalls, dass das Rennen seither jährlich wiederholt und im Laufe der Jahre immer zuschauer- und mediengerechter präsentiert wird. Von den ehemals drei Runden à 110 Kilometer Länge und knapp zwölf Stunden hartem Enduro-Fight ist in den vergangenen vier Jahren lediglich eine der Sonderprüfungen übrig geblieben: vier Kilometer lang, eine Wasserdurchfahrt, fünf Sprünge, 18 Kehren. Alles im Tiefsand. Abgesteckt von Dakar-Haudegen und Enduroprofi Edi Orioli. Das Rennen ist entschieden, wenn der erste 70 Runden abgespult hat. Gefahren wird in Zweierteams oder in der Marathonwertung allein. In Italien hat das Rennen Kultstatus. Nahezu alle Marken waren in den vergangenen Jahren mit Werksteams vertreten. In diesem Jahr läuft am selben Wochenende die Motocross-WM und die italienische Super-Moto-Meisterschaft, weshalb die meisten Fahrer aus der Tifosi-Oberliga sich entschuldigen lassen. Lediglich Gas Gas und KTM senden einige ihrer Profis an den Start. Pünktlich um 23 Uhr explodiert der Himmel über dem Meer. Ein gigantisches Feuerwerk bemalt die Kulisse, spiegelt sich im Wasser und in den Augen der Anwesenden. Der Countdown läuft. Bei 59 Startern, davon 44 als Team und 15 Verrückte, die sich in dieser Nacht allein beweisen wollen, was sie draufhaben, beschleunigt sich der Puls. Ihre Nationalitäten: 71 Italiener, 24 Österreicher, drei Deutsche, ein Schwede. Mats Andreasson. 29 Jahre, 1,88 Meter, o-beinig, Ziegenbart, Wollmütze mit Graffitidesign. Zum ersten Mal in seinem vom Motocross geprägten Leben fährt er in diesem Jahr die Enduro-WM. 400er-Viertakt-Klasse. Zum ersten Mal tritt er auch hier in Lignano an. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, erklärte sein Boss, Manager vom Team Ufo Corse, ihm und seinem Kollegen Mario Rinaldi: Entweder ihr bleibt daheim und legt die Füße hoch, oder ihr fahrt hin und gewinnt. Basta. Nun, der italienische Strandsand scheint ihnen wohl gesonnen. Schon am Nachmittag, im Wettkampf um die so genannte Superpole, waren sie mit atemberaubendem Speed über den Sand geflogen. Jeder Fahrer des Teams muss eine schnellstmögliche Runde absolvieren, deren beider Zeiten werden gemittelt und entscheiden über den Startplatz in der Nacht. Andreasson und Rinaldi deklassierten die erfahrenen WM-Piloten Marco Feltracco und Michele Monti um sieben Sekunden, das KTM-Werksteam mit Drigo Gianni und Matteo Graziani um zwölf Sekunden und ließen die Favoriten, den Dakar-Sieger Fabrizio Meoni und seinen Teamkollegen Arnaldo Nicoli, sogar 18 Sekunden hinter sich. Das Publikum war schwer begeistert. Und ist es noch. Genau sieben Minuten bis zum Start. Aufgereiht in Le-Mans-Manier stehen sie ihren Bikes gegenüber, harter Rock zerreißt die Nacht, der Sprecher überschlägt sich fast. Italienische Begeisterung. Akribisch überprüfen die Helfer zum letzten Mal den Sitz der Scheinwerfer. Abenteuerliche Konstruktionen. Schnapsglasgroße Halogenstrahler aus dem Baumarkt ragen aus den Lampenmasken als Zusatzbeleuchtung, melonengroße Beleuchtungsstrahler für Hauseingänge recken sich keck über die Instrumente. Auf zusammengebrutzelten Haltern aus Flachstahl. Einfach an die Gabelbrücke geschraubt. Eine Beleuchtungsparodie. »Falls es zu regnen beginnt, sind sie sowieso egal«, sagt Carlo Ceola, ein 46-jähriger italienischer Einzelkämpfer. »Dann wird der feuchte, klebrige Sand sich wie eine braune Decke über das Bike und die Fahrer werfen. Und alles zukleistern. Vor allem den Scheinwerfer.« Zwar reicht die hoch über dem Kurs montierte Beleuchtungsanlage aus, um die Hälfte der Strecke in diffuses Licht zu hüllen, doch weit hinten am Strand, inmitten der Nacht, ist Blindflug angesagt. Dort ist man auf das Licht vom Motorrad angewiesen. Auf einigen Helmen blinken Batterie-betriebene Fahrradrückstrahler. Damit die Piloten im Fall eines Sturzes nicht übersehen und von Gegnern überrollt werden. Noch zwei Minuten bis zum Start. Kniegelenke lockern, Crossbrille aufsetzen, tief durchatmen, Spurtposition einnehmen. Pulsschlag 150. Schuss. Sprint. Starten. Aus 59 Endschalldämpfern kreischt und brüllt es in die Weite der Adria. Gierig fräsen sich die Stollen durch den jungfräulichen Sand. Kleiner Sprung, erste Kehre. Drei Fahrer müssen zu Boden. Nach exakt einer Runde, also 4 Kilometern, hat Mario Rinaldi, der Teamkollege von Andreasson, den ersten überrundet. Unvorstellbar. Aber wahr. Denn hier treffen sie aufeinander. WM-Fahrer, Rallyestars, Hobbypiloten. Lehrstunden sondergleichen. Für Zuschauer wie Fahrer. Hier muss Theorie in Praxis umgesetzt werden. Und das kann nur eins bedeuten: Speed. Denn nur so ist es möglich, auf statt im Sand zu fahren. Während Profis wie Meoni oder Rinaldi sich vom losen Untergrund tragen lassen, selbst die engsten Spitzkehren noch durchsurfen, als wären sie flach wie eine Rennstrecke, zwängt der Sand allen Zaghaften seinen Willen auf. Die Spurrillen fungieren wie Weichen, katapultieren die Fahrer in ungewünschte Umlaufbahnen. Der Sand ist heimtückisch und hat seine eigenen Regeln. Wer nicht nach ihnen spielt, nach dem greift er wie ein ausgehungertes Raubtier. Übernimmt die Lenkung, demotiviert die Federung. Hinzu gesellt sich die Unbarmherzigkeit der Motorkraft. Gnadenlos zieht das Motorrad vorwärts, dehnt die Arme, lässt sie verhärten, bis die Fahrer das Gefühl nicht loswerden, sie wären aus Stahl. Der Wettkampf um jeden Meter gestaltet sich bei einigen Fahrern mehr als spektakulär. Unkontrolliert greift der Sand sich die Räder, wie Haken schlagende Hasen durchschleudern die Bikes manche Kehren. Das Publikum tobt. Und hört nicht mehr auf, als nach dem Fahrerwechsel Andreasson seine Runden zu drehen beginnt. Dieser Mann scheint hier praktisch unbesiegbar. Als würden die meisten seiner Gegner rückwärts fahren, fliegt er mit seiner 400er-Yamaha über den Sand, überquert mit unvorstellbar eckigem Fahrstil die schon recht tiefen Rillen. Nimmt den Hobbyfahrern teilweise pro Runde zwei Minuten ab. Nur das Duo Monti/Feltracco sitzt ihm dicht auf den Fersen. Michele Monti ist es auch, der um 1.34 Uhr mit 2.01,75 Minuten die schnellste Rundenzeit herbeizaubert. Derweil liegt die 300er-KTM von Matteo Graziani im Fahrerlager auf dem Boden und verlangt fieberhaft nach einer neuen Kupplung. Mittlerweile tobt auch Dakar-Held Fabrizio Meoni über den Kurs. Schon fünfmal ist er hier gestartet. Zum Sieg hat es nie gereicht. Und diesmal ist er gehandicapt. Vor zwei Wochen bei der Tunesien-Rallye übel gestürzt, schmerzt seine Schulter immer noch extrem. Heute sitzt er zum ersten Mal nach dem Crash wieder im Sattel, sieht die Veranstaltung als willkommenes Training. Und wird von den Italienern bejubelt wie ein Teenieschwarm. In jeder Pause drängen sie sich um ihn. Autogrammjäger, Schaulustige. Menschen, die ihn einfach mal erleben möchten. Ihn, den stillen, schweigsamen Helden der Dakar. Mandeläugig, ausgeglichen, stets ein Lächeln um die Lippen. Der Ruhm der Dakar überdauert nur ein Jahr. Es sei denn, man siegt erneut. Nach über zweieinhalb Stunden ist die Strecke zu einer Schlangengrube mutiert. Durch das Scheinwerfer- und Mondlicht kontrastiert, winden sich abertausend Rillen. Helle, graue, rabenschwarze. Aufgeworfen, ausgefahren. Teilweise mit einer Tiefe, die Fußrasten und Motoren verschwinden lässt. Und offensichtliche Feindschaft gegen alle Geradeausfahrer hegt. Nur noch wenige Piloten schaffen es, in einem harmonischen, flüssigen Fahrstil den Kurs zu umrunden. Andreasson gehört dazu. Der lange Schwede sitzt praktisch auf dem Rücklicht seiner WR 400, streckt die Beine weit nach vorn, entlastet das Vorderrad. Damit es über statt in den Rillen läuft. Fast, so scheint es, zwingt er dem Sand seinen Willen auf. Zerstößt die Anlieger, verhöhnt die Spurrillen, verachtet die Gesetze der Fahrphysik. Währenddessen geht es im Fahrerlager zu wie in einem Bienenstock. Tanken, trinken, Teile tauschen. Kupplungen, Bremsbeläge, Ketten. Und vor allem: Glühlampen. Ähnlich einem Staffellauf ist Fahrerwechsel angesagt. Falls man im Team fährt. Nicht aber, wenn man zu den Marathonisti gehört, die hier möglichst viele Runden allein hinter sich bringen möchten. So wie Carlo Ceola. Der Mechaniker aus Brogliano ist zum zweiten Mal dabei und will seine persönliche Bestleistung von 37 Runden überbieten. Als die Zielflagge fällt, hat er 43 hinter sich und ist damit Dritter in der Marathonwertung. Der Sieg geht an das Team Andreasson/Rinaldi. Mit vier Runden Vorsprung auf Michele Monti und Marco Feltracco. Die sportbegeisterten Tifosi feiern ihren neuen Helden, einen Schweden, der den Sand besiegt. Er wird sie auch am nächsten Tag nicht enttäuschen. Unter strahlendem Himmel gewinnt Andreasson das Motocrossrennen, das unter den Schnellsten der Nacht ausgetragen wird. Und zementiert seinen Ruhm. Ein Jahr lang wird man in Lignano über ihn sprechen. Dann muss er wieder durch die Hölle der Nacht.

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