Straßen-DM auf dem Eurospeedway Lausitz (Archivversion)

Rain in May

Mit neuem Elan und guten Ideen sollte die Internationale Motorrad-DM aus der Agonie aufwachen. Doch dann kam die kalte Dusche.

Stefan Prein, einst Grand-Prix-Star und heute als Teammanager des Docshop-Racing-Teams in zwei DM-Klassen und dem ADAC-Junior-Cup aktiv, brachte es auf den Punkt. »Was die hier vor allem haben«, so der redegewandte Ex-Rennfahrer, »ist Pech.«Und damit liegt er nach dem vorzeitigen Abbruch des Saisonauftakts zur Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) ziemlich richtig. Denn auf dem Eurospeedway Lausitz gab es in seiner bisherigen, noch nicht mal einjährigen Existenz schon einige kleinere und größere Katastrophe. Zunächst die tragischen Unfälle von Audi-Werksfahrer Michele Alboreto und, nur wenige Tage später, eines Streckenpostens bei Testfahrten der Deutschen Tourenwagen Challenge (DTC). Dann der weit weniger tragische, aber für das Image der ebenso gigantisch wie ehrgeizig errichteten Anlage dennoch lästige Abbruch der IDM-Veranstaltung wegen Regens. Damit ist nach dem DTM-Lauf Ende August 2000 bereits das zweite Rennen Opfer des schlechten Wetters geworden.Da hilft es recht wenig, dass Eurospeedway-Geschäftsführer Hans-Jörg Fischer mit seiner Langfristwetterprognose bei der Eröffnungsfeier im August 2000 – »die Niederlausitz ist mit Abstand die regenärmste Region Deutschlands« – rein statistsich richtig lag. Und auch der in frischesten Sommerfarben strahlende Werbeschriftzug auf der Brücke über der Zielgeraden »Niederlausitz – die Sonne Brandenburgs« wirkte im herbstlich kalten Dauernieselregen wie der blanke Hohn.Dabei hatten sich Fischer und seine Lausitz-Crew wirklich viel vorgenommen, um der Wiederauferstehung der IDM einen möglichst perfekten Rahmen zu geben. Großräumige Werbeaktionen im Vorfeld, Rockkonzert im Fahrerlager, Bungee-Anlage, Mietkarts, Kunstflugshow, Fallschrimspringer, alles ist im Wortsinne ins Wasser gefallen.Übrig blieben lediglich die durch einen Casting-Wettbewerb in allen neuen Bundesländern ermittelten Gridgirls, die sich zitternd durch die Veranstaltung froren, und Motorrad-Stunt-Star Christian Pfeiffer, der ebenfalls schwer mit den widrigen Bedingungen zu kämpfen hatte. Größerer Andrang herrschte eigentlich nur beim Shuttle-Service in eine nahe gelegene Großdisco.Die dennoch gut 6000 Zuschauer erlebten immerhin vier halbwegs reguläre Rennen, bevor nach dem Superstock-Rennen wegen rutschigen Asphalts die Veranstaltung abgebrochen wurde. Der halbe Tag begann mit einer beeindruckenden Solo-Fahrt des Dänen Kristian Kristensen im ADAC-Junior-Cup. Erst knapp anderthalb Minuten hinter dem offenbar regenresistenten Wikinger fuhr nach zwölf Runden der Rest des Feldes über die Ziellinie.Eine weitere Heldentat im ersten IDM-Rennen des Tages, der 125er-Klasse, wurde nicht vollständig belohnt. Thomas Walter würgte am Start auf der Pole Position seine Yamaha ab und musste dem Feld hinterherjagen. Am Ende aber hatte der Thüringer bis auf Sieger Robin Harms auf Honda, eine weiteren Dänen, alle anderen Achtelritter wieder eingefangen und wurde Zweiter. »Gut, am Anfang ist die Maschine stehengeblieben, aber dennoch war es ein riesiges Rennen«, freute sich Walter im Ziel. Kein Wunder, schließlich fuhr der Regenmeister während seiner Aufholjagd pro Runde um gut zwei Sekunden schneller als Harms.Das 250er-Rennen gehörte bei wieder stärker werdenden Schauern eigentlich schon vor dem Start Titelverteidiger Matthias Neukirchen auf der Docshop-Yamaha. Der 36-jährige Routinier mit Offroad-Vergangenheit, 1988 war er deutscher Trial-Meister, gilt im Nassen als kaum schlagbar. Vom Start weg übernahm er die Spitze vor dem Trainingssschnellsten Sonny Harms, dem dritten Regenmeister aus Dänemark, und navigierte seine blaue Yamaha mit der Startnummer eins souverän zum Sieg. Dritter wurde der Sachse Dirk Heidolf auf Yamaha, nachdem Honda-Fahrer Christian Gemmel einen Angriff auf den zweitplatzierten Harms mit einem Sturz bezahlen musste, seine mit nach vorn stehendem Auspuff kaum noch fahrbare Honda RS 250 aber noch als Sechster ins Ziel bugsierte.Am Start des Superstock-Rennen der seriennahen 1000-cm³-Maschien ahnte noch keiner, dass die gesamte Veranstaltung kurz vor dem Ende stand. Denn vor dem Start hatte es aufgehört zu regnen. Die Strecke trocknete allerdings so gut wie überhaupt nicht ab, auch nicht während des spannendsten Rennen des Tages. Der Eurospeedway hat einen sehr dichten und extrem feinkörnigen Belag, damit bei den Oval-Rennen der über 380 km/h schnellen Champcars die Belastung für die Reifen einigermaßen in Grenzen gehalten wird. Doch dieser Asphalt kann offensichtlich Nässe nicht in nennenswerter Zeit absorbieren. Völlig unberechenbar wird die Sache, wenn nach Stürzen Öl- oder Benzinspuren die Schlitterpartie komplett machen.Erstes Opfer der unheilvollen Wasser-Schmierstoff-Verbindung wurde ausgerechnet der Österreicher Martin Bauer auf Kawasaki. »Ich hatte 15 Sekunden Vorsprung und habe wirklich nicht mehr attakiert, doch plötzlich klappte das Vorderrad weg«, schilderte er enttäuscht. Bauers Pech brachte den Zuschauern wenigstens ein spannendes Rennen ein. Denn in der Folge fighteten der reaktivierte Ex-Grand-Prix-Fahrer Volker Bähr auf Yamaha sowie das Suzuki-Trio Markus Wegscheider, Claus Ehrenberger und Michael Geiger um den Sieg, dass man die unwirtlichen Bedingungen fast vergaß.Auf der Ziellinie die Nase vorn hatte schließlich der Südtiroler Wegscheider vor Bähr und Meister Ehrenberger, der erstmals, seit es Superstock-Rennen in Deutschland gibt, nicht gewonnen hat. Das Pech blieb für Geiger, der in der letzten Runde bei einem Angriff auf die Spitze stürzte, sich aber noch als Neunter ins Ziel retten konnte.Viel entscheidender jedoch war, dass ein anderer Superstock-Held so geschickt das Motoröl seiner sterbenden Maschine um die Strecke verteilt hatte, dass nach über einstündigen Bemühugen der Streckensicherung die gesamte Veranstaltung sozusagen wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgebrochen werden musste. Die Rennen der Supersport-Klasse, MZ-, Suzuki- und Yamaha-Cup sowie der Gespann-DM-Lauf wurden nicht mehr gestartet.Unter den Aktiven fand diese Entscheidung weitgehend Zustimmung. »Wir kommen offenbar in diesem Jahr überhaupt nicht zum Fahren«, grinst Gespann-Held Jörg Steinhausen nachdenklich, der ja schon zwei Wochen zuvor im australischen Phillip Island wegen Regens unverrichteter Dinge wieder abreisen musste, »aber diesmal sind wir wenigstens heute abend schon zu Hause.«Ebenfalls nur verlegen grinsen konnte der neue DMSB-Motorradsport-Verantwortliche Lars Elsässer. Denn nach dieser, weitgehend wegen höherer Gewalt verunglückten Saisonpremiere, hat er für die Zukunft der IDM auch weiterhin nicht viel mehr vorzuweisen, als eine gewisse Aufbruchstimmung, Elan und gute Ideen. Und immerhin gibt es im DSF-Magazin »Motodrom« sowie im hessischen dritten Programm zwei Fernsehübertragungen über die regenärmste Region Deutschlands.
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Ergebnisse (Archivversion)

125 cm³1. Robin Harms (DK) Honda2. Thomas Walter Yamaha3. Andreas Hahn Honda4. René Knöfler Yamaha5. Matti Kiiveri (FIN) Honda6. Alexander Gersunde Honda7. Mika Kallio (FIN) Honda8. Silvio März Honda250 cm³1. Matthias Neukirchen Yamaha2. Sonni Harms (DK) TSR-Honda3. Dirk Heidolf Yamaha4. Max Neukirchner Honda5. Tomas Palander (S) Honda6. Christian Gemmel Honda7. Marcel Schneider Honda8. Timo Hartmann HondaSuperstock1. Markus Wegscheider (I) Suzuki2. Volker Bähr Yamaha3. Claus Ehrenberger Suzuki4. Stefan Sebrich Suzuki5. Peter Kraft Suzuki6. Günther Knobloch (A) Yamaha7. Norbert Fritz Kawasaki8. Frank Heidger Yamaha

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