Straßen-DM auf dem Pannonia-Ring/H (Archivversion) Jenseits von Paprika

Bis hinter die Paprika-Grenze mußte der Schwede Christer Lindholm fahren, um seinen Deutschen Meistertitel zu verteidigen.

Es war ein weiter Weg vom kleinen Inselparadies bei Stockholm in dieses unaussprechliche Puszta-Nest Ostffyaszonyfa zwischen Neusiedler- und Plattensee. Aber Christer Lindholm wollte nicht umsonst nach Ungarn gekommen sein.Es galt, schon vorzeitig den Superbike-DM-Titel zu verteidigen, am besten mit zwei sauberen Siegen über die ungleichen Ducati-Brüder Andreas Meklau und Gregorio Lavilla. »Aber das wird nicht so einfach«, bremste der Meister selbst, »Andreas Meklau hat hier sehr viel trainiert; außerdem ist der Pannonia-Ring mit vielen Kurvenkombinationen eine Ducati-Strecke; da kommt es sehr auf gute Beschleunigung an.«Zumindest beim Start zum ersten Rennen beschleunigte aber Lindholms Yamaha am besten. Und diese Position ist in einem Rennen mit Gregorio Lavilla besonders wichtig. Denn der Spanier pflegt einen sehr unkonventionellen Fahrstil mit kurzen, eckigen Wegen, extremen Bremsmanövern und wilden Slides. Dafür gibt er nach der Kurve relativ spät Gas. Und weil er dazu noch ein sehr guter Starter ist, spielt sich das Ganze zu Rennbeginn meistens auf allervordersten Plätze ab.Christer Lindholm hatte im ersten Rennen als einzigert freie Bahn. Er mußte nur im Endkampf auf den hochmotivierten Meklau aufpassen, der nach seinem Überholmanöver gegen Lavilla auf Rang zwei noch keinesfalls befriedigt war und seine geringe Chance auf den DM-Titel wahrnehmen wollte. Alle Meklau-Angriffe in den letzten Runden aber wehrte Lindholm souverän ab und peitschte seine Yamaha um drei Zehntelsekunden vor dem bitter enttäuschten Österreicher über die Ziellinie. Dahinter kämpften sich Mark und Lavilla auf die Plätze. »Ich wollte hier unbedingt gewinnen, deswegen bin ich schon enttäuscht. Ich war am Start hinter Lavilla und hing dort zulange fest«, resümierte der Zweitplazierte.Deshalb war »Angriff« auch seine einzige Strategie für das zweite Superbike-Rennen auf dem brandneuen Pannonia-Ring, der, abgesehen von der schwer nachvollziehbaren Idee, warum man für eine DM-Veranstaltung bis nach Ungarn fahren muß, nur Lob einheimste. Denn sowohl Meklau wie auch Lavilla konnte beim drittletzten Superbike-DM-Rennen 1997, gleichzeitig der 100. Lauf unter »Pro Superbike«-Logo, nur mit maximalem Einsatz ihre schwindenden Meisterschaftschancen erhalten. Spitzenreiter Lindholm wollte den Titelkampf mit einem weiteren Sieg beenden.Zunächst aber sahen die immerhin gut 6000 Zuschauer Suzuki-Fahrer Udo Mark in Front. Am Hinterrad tauchte jedoch schon der spezielle Freund Lavilla auf, gefolgt von Meklau und Kawasaki-Fahrer Jochen Schmid, im ersten Rennen vom stürzenden Brian Morrison aufgehalten nur abgeschlagener Fünfter. Erst danach kam der gemächlich gestartete Christer Lindholm. »Ich hatte mich bereits damit abgefunden, bestenfalls Vierter zu werden. Zu Jochen als letztem Fahrer der Spitzengruppe war schon ein kleines Loch.«Der sichtbare Abstand zur Spitze wurde noch größer, als Meklau nach einem spektakulären Brems-Highsider und wenig später auch Jochen Schmid Puszta-Ausflüge unternahmen. Lindholm war auf einmal Dritter - hinter der kämpfenden Einheit Lavilla/Mark.»Durch den intensiven Fight zwischen Udo und Lavilla konnte ich allmählich aufschließen«, freute sich Lindholm später. In der Endphase zog er unwiderstehlich an beiden vorbei, mit einem sauberen Manöver an Mark und einfach, aber effektiv am Ende der Zielgeraden aus dem Windschatten an Lavilla - und die vorzeitige Titelverteidigung war perfekt.Ebenfalls auf Meisterkurs ist einer von Yamaha-Händler Theo Laaks’ drei Supersport 600-Fahrer. Aber wer? MOTORRAD-Redakteur Gerhard Lindner kam als Tabellenführer nach Ungarn und ging als solcher auch wieder nach Hause. Was dazwischen passierte, war nur mäßig erfreulich. Nach gelungenem Start bog er mit dem Spitzenpulk in die zweite Rechtskurve ein, als plötzlich von schräg rechts hinten Christian Kellner seine Suzuki quer durchs Feld warf. Lindner mußte, um selbst den Sturz zu vermeiden, anhalten und fuhr als 14. weiter. Bis ins Ziel reichte es noch bis auf Platz sechs, aber nicht mehr für Druckreifes über den jungen Helden Kellner.An der Spitze war der Zug abgefahren, mit den zwei anderen Yamaha-Laaks-Fahren als Lokomotiven. Herbert Kaufmann und Jörg Teuchert enteilten zusammen mit Ducati-Solist Thomas Körner dem Feld. Und als dieser, Sekunden zuvor in Führung gegangen, im Gras lag, kam es zum astreinen Doppelsieg, Kaufmann vor Teuchert. Damit liegen die Laaks-Artisten zwei Rennen vor Schluß sieben Punkte auseinander und könnten den Titel unter sich ausmachen, wäre da nicht Kawasaki-Fahrer Harald Steinbauer, in Ungarn Dritter und in der Tabelle Zweiter, punktgleich mit Teuchert, als hochseriöser Störfaktor. Wohl erledigt hat sich die DM für Lindners Widersacher aus alten Tagen, Stefan Scheschowitsch. Der Schwabe legte sich bereits in den ersten Trainingsrunden flach und brach sich das linke Schlüsselbein.Auf ganz coole Weise entschied sich dagegen schon auf dem Pannonia-Ring die 250er DM. Weil Titelverteidiger Michael Schulten übers Jahr zu oft patzte und der letzte verbliebene Gegner, Jürgen Lingg, diskret ausschied, reichte Markus Ober ein ohne Streß erzielter zweiter Platz hinter Schulten zum Titel. »Daß es so leicht ist, Meister zu werden«, war Obers Kommentar im Ziel.Noch nicht am Ziel ist 125er Tabellenführer Maik Stief. Mit deutlich sichtbarer Wut über die Disqualifikation von Schleiz fuhr Stief mit unmißverständlichen Gesten gegenüber Konkurrenz und Offiziellen als Sieger über die Ziellinie. Noch auf dem Podest verschenkte er den seiner Meinung nach zu mickrigen Pokal an ein zufällig vorbeikommendes Mädchen. Dies alles führt nicht gerade zur Demotivation seiner Verfolger, Yamaha-Fahrer Alexander Hofmann und den Hein Gericke-Junioren Dirk Heidolf und Klaus Nöhles auf den Plätzen zwei bis vier.

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