Straßen-DM auf dem Sachsenring (Archivversion) Das Leben des Brian

Nur als Aushilfsfahrer bei Suzuki-Deutschland kam Brian Morrison zum Jubiläumsrennen an den Sachsenring. Und plötzlich stand er ganz oben.

Bert Poensgens Nervenkostüm war schon nach dem ersten Superbike-DM-Rennen auf dem Sachsenring am Begrenzer. »Wir sollten jetzt einpacken und heimfahren. Ich halte das nicht mehr aus, noch mehr machen meine Nerven nicht mit«, erklärte der auch für den Motorsport verantwortliche Verkaufsleiter von Suzuki-Deutschland.Die Startplätze zwei, drei und fünf für Brian Morrison, Michael Rudroff und den verletzten Udo Mark waren ja auch unglaublich für die nicht gerade erfolgverwöhnte Suzuki-Equipe. Der Schotte Morrison war für das Sachsenring-Rennen als Ausputzer engagiert worden. Der nach seinem Sturz beim DM-Auftakt in Zweibrücken noch nicht vollständig genesene Stammfahrer Udo Mark sollte so ohne Druck entscheiden, ob er starten könne.Morrison erledigte seine Arbeit fast perfekt. Im ersten Rennen bezwang er nach zurückhaltendem Start auf der nicht gerade überholfreundlichen Bahn jeden einzelnen der Pro Superbike-Stars und holte eine sicheren Sieg vor Titelverteidiger Christer Lindholm auf Yamaha. Udo Mark hatte sich doch für den Start entschieden, teilweise sogar das Feld angeführt und komplettierte als Dritter auf dem Podest das beste Suzuki-Ergebnis seit Menschengedenken.Auch Christer Lindholm mußte sich der Doppelstrategie der Weiß-Blauen zunächst beugen. »Als ich an zweiter Stelle hinter Udo Mark fuhr«, erinnerte sich der Schwede, »dachte ich, es sei Morrison. Dann kam noch eine Suzuki vorbei, und es war tatsächlich Brian. Das hat mich doch einen Moment verwirrt.« Offenbar lang genug, um den Langstreckenweltmeister außer Reichweite entschwinden zu lassen.»Ich mußte hart arbeiten, um die Jungs zu überholen«, relativierte Sieger Morrison den »Kam, sah und siegte«-Eindruck, »und Lindholm hat mir bis zum Schluß zugesetzt. Aber Suzuki hat mir ein sehr gut abgestimmtes Motorrad gegeben. Das ist auch Udos Verdienst.«Udo Mark nahm dieses Kompliment gern an: »Brians Sieg auf dieser winkligen Strecke zeigt, daß wir mit unserer Arbeit am Fahrwerk auf dem richtigen Weg sind. Mit meinem eigenen Ergebnis muß ich sehr zufrieden sein, denn ich bin vor allem in Rechtskurven alles andere als schmerzfrei im gebrochenen rechten Fuß.« Knapp 40000 begeisterte Zuschauer feierten den Wagemut des lädierten Helden.Der Dritte im Suzuki-Bunde, Michael Rudroff, war trotz Platz fünf nicht glücklich: »Da hab’ ich endlich mal einen guten Start«, bedauerte der zwischendurch Zweitplazierte, »und am Schluß wischt mir noch der Jochen Schmid auf Rang vier durch.« Schmid selber mußte sich nach schwachem Start von Platz acht durchkämpfen, »und im entscheidenden Moment, als Morrison, Lindholm und Mark sich etwas absetzen konnten, war ich eben noch nicht da«.Hinter Rudroff kamen noch Andreas Meklau auf seiner neuerdings in Red Bull-Farben lackierten Ducati und Kawasaki-Altstar Rob Phillis, der einen Ausflug in die sächsische Wiese heil überstanden hatte. Dannach tat sich auch auf dem Sachsenring das leider in diesem Jahr typische große Loch in der Superbike-DM auf. Irgendwo in Hinterfeld donnerte der wutschnaubende DM-Tabellenführer Gregorio Lavilla herum. Nach einer strittigen Aktion mit dem stürzenden Schweizer Roger Kellenberger auf Thiede-Honda mußte der Spanier mit seiner Ducati kämpfen wie ein Löwe, um wenigstens noch Zwölfter zu werden.Im zweiten Rennen haben die Suzuki-Fahrer Morrison und Mark scheinbar den Wunsch ihres Bosses erhört. Beide stürzten, Mark schon in der zweiten Runde, Morrison in Führung liegend in der zehnten, und das Suzuki-Team konnte tatsächlich vorzeitig einpacken.Der Sieg ging dann fast logisch an Christer Lindholm, der nun keine Orientierungsprobleme mit unbekannten Motorrädern hatte, sondern sich auf das vertraute Grün von Jochen Schmids Kawasaki konzentrieren konnte, der aber bereits Respektabstand hielt: »Beim Beschleunigen auf die alte Strecken-Sektion ist der zweite Gang herausgesprungen, und ich habe den Anschluß zur Spitze verloren.«Um den letzten Podestplatz duellierten sich die Ducati-Kumpanen Meklau und Lavilla, mit freier Wahl der Waffen. »Ich weiß jetzt, was spanische Härte ist«, rekapitulierte Meklau als Dritter, »da waren Aktionen dabei, die gehen eigentlich nicht mehr.« Fünfter und letzter der ersten Liga wurde Rudroff. Aufgrund eines zweiten Sturzes von Kellenberger und eines Abflugs von Rob Phillis gab es das große Warten nun schon hinter Platz fünf.Wesentlich mehr Action bot das Supersport 600-Rennen. Die drei Weltcup-Fahrer Bernhard Schick, Jörg Teuchert und Thomas Körner, die nicht bei jedem DM-Lauf antreten können, setzten sich zügig vom Feld ab. Titelverteidiger Schick mit seiner Bohnhorst-Ducati und Yamaha-Fahrer Teuchert bekämpften sich aufs innigste, »aber immer fair, großes Kompliment an Jörg«, wie Schick im Ziel klarstellte. Doch nach zwölf der 14 Runden hatte Thomas Körner genug vom beobachtenden Hinterherrollen auf Platz drei und siegte noch mit zweieinhalb Sekunden Vorsprung auf Schick und Teuchert. Vierter wurde Lokalheld André Friedrich, der speziell für den Sachsenring eine DNL-Ducati bekommen und schon im Training mit Startplatz zwei aufhorchen hatte lassen.MOTORRAD-Redakteur Gerhard Lindner schlug sich nach mäßigem Start mit seiner Laaks-Yamaha im hinteren Mittelfeld mit recht namhaften Gegnern herum, bevor er doch bis auf Rang neun vorfahren konnte.Im 125er Rennen konnte Favorit Maik Stief die Scharte aus Zweibrücken auswetzen. Standesgemäß mit sicherem Abstand siegte der Grand Prix-erfahrene Docshop-Honda-Mann vor dem früheren Kinderstar Alexander Hofmann und Klaus Nöhles aus dem Hein Gericke-Junior-Team in seinem ersten A-Lizenz-Rennen. Sein HG-Teamkollege Dirk Heidolf hatte, vor heimischer Kulisse hochmotiviert, nach der zweitbesten Trainingszeit vielleicht ein bißchen zuviel vor und stürzte.Ein kompletter Absturz gar droht der 250er Klasse. Ganze 14 Fahrer kamen ins Ziel, womit die Klaase ähnlich der 500er DM in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden scheint. Sieger wurde Honda-Fahrer Makus Ober vor Titelverteidiger Michael Schulten auf Aprilia und dem schwedischen Gast Johan Stigefelt auf Honda.

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